HeathKit HW-100

Das Leben eines Funkamateurs

Seit etwa 15 Jahren interessiere ich mich für den Amateurfunk und darf selbst seit September 2006 nach bestandener Prüfung daran teilnehmen. Im Laufe der Jahre hat sich das ein oder andere Funkgerät bei mir eingefunden – und nun ist ein weiteres Gerät dabei.

Seit Anfang dieses Jahres haben einige Bekannte in Berlin ihre Prüfung zur Teilnahme am Amateurfunk bestanden. Daraus ist eine schöne Gruppe geworden in der wir gemeinsam Antennen bauen oder Geräte ausprobieren. Die Funkpraxis abseits von Veranstaltungen des Chaos Computer Clubs oder von Contesten macht mir viel Spaß. Es ist ein Hobby und soll auch so betrieben werden.

In dieser Gruppe kam die Idee auf, ein schönes, altes Röhrenfunkgerät anzuschaffen, um an diesem Gerät den Aufbau und Betrieb zu studieren. Im Gegensatz zu modernen, DSP-basierten Geräten, muss noch alles analog von Hand eingestellt werden. Es gibt kaum Knöpfchen zum Drücken, sondern viele Rädchen zum verstellen. Nebenher haben Röhren statt Transistoren ihren ganz besonderen Charme.

Heute gab es im FEZ in der Wuhlheide einen Amateurfunkflohmarkt. Neben vielem Kleinkrams, abgelöteten Bauteilen von Platinen, inzwischen auch das ein oder andere Smartphone, stand dort ein Röhrengerät rum. Ein HeathKit HW-100. Es macht einen sehr guten und gepflegten Eindruck und ist sogar komplett mit Aufbau- und Servicehandbuch. HeathKit hat Funkgeräte als Bausatz vertrieben, die der Funkamateur selbst zusammenbauen musste.

Der Verkäufer meinte zu mir, er habe es aus einem Nachlass übernommen. Nach näheren Details hatte ich nicht nachgefragt, denn der Amateurfunk ist zumindest in Deutschland überaltert. Aktuell gibt es viele Geräte aus Nachlässen verstorbener Funkamateure, da die Angehörigen mit der Technik wenig anfangen können.

Der Vorbesitzer

Auf dem Gerät ist ein geprägtes Klebeschild mit dem Rufzeichen des Vorbesitzers angebracht: DL7KJ. Rufzeichen sind die weltweit eindeutigen Kennungen von Amateurfunkstellen, also eines jeden Funkamateurs oder auch Klubstationen und automatisch betriebenen Station. Das Rufzeichen kann nach bestandener Prüfung beantragt werden und erst nach Zuteilung darf am Amateurfunkdienst teilgenommen werden. In der Regel bleibt ein Rufzeichen ein Leben lang gültig oder man gibt es selbst zurück. In seltenen Fällen ändert sich etwas am Rufzeichenplan, wonach das Rufzeichen ausgetauscht wird.

Wem welches Rufzeichen zugeteilt ist, kann in Deutschland bei der zugständigen Behörde, der Bundesnetzagentur, nachgeschaut werden. Dort ist DL7KJ keiner Person zugeordnet. Aber ich fand interessanterweise einen Rundspruch aus dem Jahr 1968. Dort wird mitgeteilt, dass das Rufzeichen DL7KJ nach erfolgreicher Prüfung an Bodo vergeben wurde.

In dem Servicemanual, das dem Funkgerät beilag, fand ich eine Garantiekarte vom 23.12.1968, die sich mit dem Namen deckt. Als kleine Geschichte kann ich mir vorstellen, dass sich DL7KJ den HW-100 zu Weihnachten als erstes eigenen Funkgerät geleistet hatte.

Weiter gibt es im Internet eine QSL-Karte vom 20.05.1975. QSL-Karten werden im Funkverkehr (Amateurfunk oder früher auch gerne Langwellenradio) verwendet, um den Empfang einer Station zu bestätigen. Auf der Karte steht auch drauf mit welchem Funkgerät, welcher Antenne und in welcher Betriebsart die Verbindung zustande kam.

QSL-Karte von DL7KJ mit DL7SP (lokale Kopie angelegt)

QSL-Karte von DL7KJ mit DL7SP (lokale Kopie angelegt)

An diesem Tag hat sich DL7KJ mit DL7SP auf 28MHz (10m) in SSB (Single-Side-Band, also mit Sprache) um 17:09h UTC unterhalten. Als verwendetes Gerät steht HW-100 auf der Karte. Ich gehe mal ganz stark davon aus, dass es genau das Gerät ist, was ich heute aufgekauft habe!

Es gibt noch ein paar weitere Suchmaschinentreffer zu DL7KJ. Ein Glückwunsch zum 60 Geburtstag im Jahr 2000. Ein paar Bilder von Amateurfunkveranstaltungen in 2007. Und einen Hinweis darauf, dass er im Sommer 2011 noch gefunkt hat.

In der Mitgliederzeitschrift CQ DL des DARC e.V. habe ich in der Ausgabe 02-2014 in der Kategorie Silent Key (“schweigende Taste”) gelesen, dass Bodo DL7KJ im November 2013 verstorben ist. Vielleicht hatten wir uns noch im Sommer auf einer Veranstaltung getroffen – aber ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern.

Ich gehe davon aus, dass Bodo knapp 45 Jahre lang der erste und einzige Besitzer des Funkgeräts HW-100 war. Den eigenen Modifikationen nach zu urteilen hat er viel CW (Continuous Wave; eine Betriebsart zum umgangssprachlichen Morsen) betrieben. Wann das Gerät zum letzten Mal in Betrieb genommen wurde, kann ich noch nicht beurteilen.

Aber nachdem ich nun ein wenig die Historie zum Gerät und seinem Besitzer kenne, bin ich gewollt, es wieder in Betrieb zu nehmen und pfleglich zu behandeln! Dazu muss gründlich der Staub entfernt und die Lötstellen überprüft werden. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass das Gerät weiterhin funktioniert.

Verlorenes Wissen

Bereits während des Flohmarkts sagte Fabienne zu mir, es sei traurig anzusehen, wie überaltert die Funkamateure sind und dass demnächst eine Zeit kommt, in der ganz viel Wissen wegstirbt. Dafür, dass sie sonst wenig mit dem Amateurfunk zu tun hat, finde ich ihre Beobachtung sehr treffend.

An manchen Ständen konnte ich Gesprächen lauschen, wo sich OMs (im Amateurfunkjargon die Umschreibung für einen anderen Funkamateur, was bezeichnenderweise für “Old Man” steht; es gibt auch die Bezeichnung YL für “Young Lady” und XYL für die Ehefrau…) Wortwechsel lieferten wie “Und, habt ihr schon einen Nachfolger für den Verein gefunden?” – “Nee, noch nicht. Ist doch kaum noch einer da… letztes Jahr sind viele verstorben.” – “Ja, da bräuchte es mal Leute mit mehr Energie.”

Zumindest innerhalb des Vereins DARC e.V. liegt der Altersdurchschnitt bei 57 Jahren. Dementsprechend “vergraut” sieht es auf Veranstaltungen aus. Irgendwie fehlt einfach die Generation derjenigen, die heute zwischen 35 und 55 sind.

Persönlich sehe ich den Amateurfunk wieder im Kommen. Im Laufe des letzten Jahres sah ich viele junge Menschen – Studenten oder frisch im Beruf gelandete – die Amateurfunkprüfung ablegen. Im Herbst hatte ich einen Kurs geleitet, der mit der Prüfung abschloss. Kein halbes Jahr später gibt es wieder genügend Interessenten für einen weiteren Kurs.

Ausschlaggebend sind Techniken wie WLAN-Basteleien und SDR (Software Defined Radio). Hier wollen Interessierte schlicht mehr wissen, wodurch die Vorbereitung auf die Amateurfunkprüfung das nötige Wissen vermittelt. Sei es der Aufbau von Antennen oder das Prinzip eines Senders und Empfängers, die physikalischen Prinzipien zur Wellenausbreitung, oder die Möglichkeit zum legalen Experimentieren mit Aussendung von Signalen. Das Interessensspektrum ist groß.

Gemeinsam Lernen

Die eingangs genannte Gruppe trifft sich regelmäßig in der Abteilung-für-Redundanz-Abteilung (AfRA) in Berlin-Lichtenberg. Das nächste Treffen ist am Mittwoch, den 9. April ab 19:30h. Vermutlich werden wir uns aufgrund des großen Interesses ab dann zweiwöchentlich treffen.

Das Treffen ist auch wunderbar geeignet, um weitere Interessierte an einem Amateurfunkkurs kennen zu lernen. Wir planen bereits den nächsten Kurs, haben aber noch kein konkretes Datum. Allein die Gespräche und das Mitwirken beim Aufbau von Antennen oder dem Reparieren von Funkgeräten vermittelt sehr viel Erfahrung, die für die Prüfung nützlich ist.

Übrigens, mein Rufzeichen ist DC4LW. Vielleicht hören wir uns mal auf einem der vielen Bänder.

Funkuhr

Zeitzeichen

Als ich an diesem Sonntagmorgen zum ersten Mal die Augen öffnete und auf den Funkwecker neben meinem Kopfkissen blickte, zeigte dieser 11:04 Uhr.  Gut, die letzte Nacht war lang, aber dafür sind Sonntage ja da. Wie morgens so üblich schnappte ich mir mein iPad und klickte mich durch die aktuellen Neuigkeiten. Nach einer Weile schaute ich dort auf die Uhr am oberen Displayrand: 12:24. Moment! Das waren jetzt doch unmöglich eine Stunde und zwanzig Minuten, die ich mit Lesen verbracht habe?

Ein Blick auf das iPhone: 12:24. Ein Blick auf den Funkwecker: 11:24. Was stimmt denn nun? Der Himmel ist so bewölkt, dass ich die Sonne nicht sehen kann, um daraus die Stunde zu interpolieren. Nach zwei Jahren in diesem Schlafzimmer bekomme ich es recht gut hin, mittels des Einfallswinkels der Sonnenstrahlen durch die Schlitze der Rollläden die ungefähre Stunde zu bestimmen. Das Prinzip ist wie bei einer Sonnenuhr – und die funktioniert nur mit direkter Sonneneinstrahlung.

Der erste Gedanke war, dass ich einem Apple-Bug aufgesessen bin. Zwei iOS7-Geräte, die beide eine Stunde vor gehen. Ist ja nichts unübliches, denn Bugs mit Uhrzeiten hatte sich Apple schon geleistet. Und der Funkwecker – so meine Logik – wird mit Zeitzeichen synchronisiert. Der kann nicht falsch gehen! Und wenn, dann zeigt der gar nichts an oder das Symbol, dass sich dieser synchronisiert!

Entwicklung der Zeit

Generell ist es interessant, die Entwicklung der Zeit in der heutigen Form anzusehen. Als Kind lernen wir die Uhr zu lesen und das ist mit das komplizierteste was es in dem Alter gibt. Später lernen wir in Fremdsprachen, die verschiedenen verbalen Uhrzeitangaben (“quarter to one”) und stellen dann fest, dass es selbst im Deutschen keine einheitliche Form gibt (“viertel vor eins” versus “dreiviertel eins”). Dazu kommen die Unterteilungen in zwölf und vierundzwanzig Stunden und scheitern an der Frage, ob im Amerikanischen nach 12 Uhr Mittags dann “A.M.” oder “P.M.” verwendet wird?

Bemerkenswert ist, dass immer wieder die Zahl 12 bei der Bestimmung der Zeit vorkommt. Das Jahr hat 12 Monate. Der Tag hat 2 mal 12 Stunden. Die Stunde 5 mal 12 Minuten und die Minuten 5 mal 12 Sekunden. Zur Erklärung müssen wir ganz weit in der Entwicklung des Menschen zurückgehen. Mindestens 35000 Jahre, also so weit, als der Mensch anfing zu zählen und davon bis heute belegbare Notizen in Form von Kalender-Stöckchen machte.

Der Mensch beobachtete die Natur. Einen Tag festzustellen ist ziemlich simpel. Das ist einfach genommen eine Rotation um die eigene Erdachse, also ein Mal der Durchlauf von Sonnenaufgang über Sonnenuntergang bis zum nächsten Sonnenaufgang. Weiterhin konnte der Mond beobachtet werden. Während die Erde ein Mal um die Sonne rotiert, bewegt sich der Mond (etwa) 12 mal um die Erde. Damit waren die Monate (daher der Name) festgelegt. Da die 29 ½ Tage des Mondumlaufs nicht exakt in die 365 ¼  Tage des Jahres passten, sondern etwas mehr als ⅓ länger ist, wurde schon in alten Kalendern alle drei bis vier Jahre ein Monat zusätzlich eingeschoben. Heute sind die Monate alle etwas länger und es wird nur noch der  ¼ verlängerte Tag des Sonnenjahres durch einen Schalttag ausgeglichen.

Dennoch war die Zahl 12 etwas besonderes und viele Rechnungen basieren auf dem Duodezimalsystem und dem damit verbundenen Sexagesimalsystem (basierend auf der 60). Diese wurden zur Einteilung des Tages in zwei 12-Stunden-Abschnitte verwendet: 12 Stunden vom Sonnenaufgang bis zum -untergang und dann noch mal 12 Stunden bis zum nächsten Sonnenaufgang. Diese Entwicklung geschah im Nahen Osten und dem altertümlichen Ägypten, also Breiten, in denen zu jeder Jahreszeit die Sonne komplett untergeht. Im hohen Norden, nördlich der Wendekreise, würde es bei dieser Zählung nur eine Zeitskala geben, da die Sonne dort im Sommerhalbjahr nie untergeht oder im Winterhalbjahr nie aufgeht.

Dennoch sind die Tage in der Mittelmeerregion nie gleich lang. Dadurch, dass die Erdachse um etwa 23,5 ° gegenüber der Bahn um die Sonne geneigt ist, gibt es die Jahreszeiten und unterschiedlich lange Tage. Nur an den Tagen Frühlings- und Herbstanfang waren die 12 Stunden exakt 12 Stunden nach heutigen Maßstäben lang. Im Sommer war eine Tagesstunde länger und im Winter eine Nachtstunde. Die Uhrzeit wurde zumindest bei Sonnenschein mit Sonnenuhren gemessen – ähnlich wie ich es vorhin schon mit meinem Rollladen beschrieb.

Für die Nachtstunden wurden verschiedene Ansätze genutzt. Zum einen konnte der Mond verwendet werden – zumindest bei Vollmond, wenn dieser exakt auf der Geraden von Sonne über die Erde steht, ist dieser von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang zu sehen. Ansonsten gab es interessante Konstruktionen von Wasseruhren über Sanduhren bis hin zu Kerzen, die eine bestimmte Zeit zum Abbrennen brauchen oder auf denen Zeitmarkierungen eingeritzt waren.

Gleichbleibende Stunde

Mit fortschreitender Entwicklung der Technik konnten ab dem 14. Jahrhundert Apparate gebaut werden, die fortlaufend liefen und die Zeit mit Hilfe von Pendel und Unrast gleichbleibend anzeigten. Zuerst in großen Uhren, bei denen sich darauf geeinigt wurde, den Tag weiterhin in 24 Stunden, aber zu gleichen Anteilen aufzuteilen. Das war die Geburt der heute noch verwendeten Stunde. Als geeignet für solch eine Uhr war ein zentrales Gebäude, was in Mitteleuropa in nahezu jedem Ort vorhanden war: der Kirchturm. Dort war Platz und dieser war weithin sichtbar.  Außerdem gaben schon früher Mönche durch ihre Glockenschläge die Zeit für den Ort an.

Mit der Entwicklung der Feinmechanik konnten die Uhren verkleinert werden. Mit einer gespannten Feder wurde die Unruh betrieben, die den Sekundentakt vorgab. Die Miniaturisierung ging so weit, bis Taschenuhren oder Armbanduhren entwickelt wurden.

Länge und Geschwindigkeit

Erst mit der Entwicklung einer präzisen Uhr war es möglich, die Längengrade der Erde anzugeben. Während die Breitengrade mit Hilfe eines Stabes oder später eines Sextanten über den Sonnen- oder Sternenstand bestimmt werden konnte, war es schlicht nicht möglich, den Ort auf der Ost-West-Achse anzugeben. Schiffe fuhren an Küsten entlang bis der gewünschte Breitengrad anhand von Landmarken erreicht war und überquerten erst dann die Ozeane ohne Sichtkontakt zum Land auf genau dieser Breite. Quer und damit den kürzesten Weg fahren, war noch nicht möglich. Den Seefahrenden Nationen war dieses Problem so wichtig, dass mehrmals Preisgelder zur Lösung des Längengradproblems ausgeschrieben wurden.

Erst mit der Entwicklung einer sehr genau gehenden Uhr, die dazu noch den rauen Bedingungen auf See gewachsen war, konnte das Problem gelöst werden. Einer der ersten Anwender war James Cook, der dieses für seine Weltumrundungen einsetzte. Dazu wurde eine Uhr auf die Ortszeit des Heimathafens festgelegt. Mit der Differenz zur Ortszeit auf See, die sich über den Zenit der Sonne bestimmen lässt, kann die Breite berechnet werden. Dazu ist es wieder mal von Vorteil, dass sowohl Uhren als auch Kreis- bzw. Kugelangaben ein Zahlensystem basierend auf dem Sexagesimalsystem verwenden.

Neben den Längenangaben konnte auch eine exakte Geschwindigkeit ermittelt werden. Mit dem Log, ein Seil mit Knoten, das hinter dem Schiff im Fahrwasser frei ausgerollt wird, ergab sich die heute noch gültige Geschwindigkeitsangabe “Knoten pro Stunde”.

Industrialisierung

Die Industrialisierung brachte für den Menschen mehrere große Änderungen zur Nutzung der Zeit. War es zur landwirtschaftlichen Ära üblich, dass der Mensch mit Sonnenaufgang aufstand und mit Sonnenuntergang zu Bett ging, so konnten die großen Maschinen nicht einfach zur Nacht abgeschaltet werden. Die Schichtarbeit wurde eingeführt und die Fabrikuhr gab den Takt für das Leben der Bevölkerung vor. Mit der Entwicklung von Elektrizität und damit der Glühlampe, konnte die Nacht zum Tag gemacht werden. Es gab keine Ruhezeiten mehr.

Ein anderes, zu lösendes Problem, sind die Ortszeiten. Auch mit der Einführung der gleichlaufenden mechanischen Uhr, war Mittag dann, wenn die Sonne im Zenit stand. Von einem Ort zum nächsten macht das keinen großen Unterschied. Jedoch bei größeren Abständen. So richtig bewusst wurde mir das, als ich in den späten 90er Jahren Bilder von Webcams sah. Während ich im Ruhrpott saß und dort noch die Sonne schien, war diese in Berlin bereits untergegangen. Orte auf demselben Breitengrad mit einem Abstand von 15 Längengraden haben beim Sonnenlicht einen Unterschied von einer Stunde. Zwischen Ruhrpott und Berlin kommt noch ein wenig die Nord-Süd-Verschiebung hinzu, was letzten Endes eine gute halbe Stunde Differenz bei Sonnenauf- und -untergang ausmacht.

Durch schnell fahrende Verkehrsmittel, wie die Eisenbahn, wurde es notwendig, einen einheitlichen Fahrplan zu entwickeln, der nicht von der Ortszeit der angefahrenen Bahnhöfe abhängig ist. 1884 wurden auf der Washingtoner Internationalen Meridiankonferenz, die Greenwich als den Längengrad 0 bestimmte, auch gleichzeitig die Zeitzonen verabschiedet. In den vielen einzelnen Ländern Deutschlands wurde die Mitteleuropäische Zeit zwischen 1892 und 1893 zum Gesetz und damit allgemeingültig.

Atomzeit

Mit dem Atomzeitalter in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Atomuhr entwickelt. Prinzipiell ist dieses “nur” eine Phasenregelschleife (“phase-locked loop”, kurz PLL), wie sie auch in der Funktechnik mit Hilfe von Schwingquarzen eingesetzt wird. Bei der Atomuhr werden die Schwingungen durch die Strahlenübergänge von Elektronen freier Atome als Grundlage genommen. Diese sind dauerhaft gleichbleibend. Das hatte zur Folge, dass nicht mehr die Erdumdrehung als Grundlage der Zeit (eine Sekunde war der 1/86400 Teil eines mittleren Sonnentages) verwendet wurde, sondern die Sekunde nun physikalisch korrekt seit 1967 folgendermaßen definiert ist:

Eine Sekunde ist das 9.192.631.770-fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids 133Cs entsprechenden Strahlung. (Quelle)

Weltweit existieren 260 dieser Primäruhren, deren Zeit nach Paris übermittelt wird, aus der die Internationale Atomzeit bestimmt wird. Seit Einsteins Relativitätstheorie ist bekannt, dass Zeit nicht absolut ist und zusammen mit dem Raum und Masse eine Einheit bildet. Je weiter weg vom Massepunkt der Erde eine Atomuhr betrieben wird, umso schneller läuft sie im Vergleich zu den auf der Erde hinterlassenen Uhren. Am bekanntesten ist das 1971 durchgeführte Hafele-Keating-Experiment mit Atomuhren an Bord von die Erde umkreisenden Flugzeugen.

Die Effekte der relativistischen Zeitdilatation sind bekannt und können berechnet werden. Die Atomuhren der GPS-Satelliten laufen beispielsweise etwas schneller als auf der Erde. Das Problem wird einfach dadurch behoben, dass die Schwingungsfrequenz der Atomuhren leicht verstimmt wird, weshalb sie langsamer laufen.

Eine andere Sache sind Schaltsekunden, die durch die Gezeitenwirkung des Mondes entstehen. Diese bewirkt, dass sich die Erde langsamer dreht. Das ist nicht linear und vorhersehbar, aber messbar, weshalb alle paar Jahre (oder sogar auch halbe Jahre) eine Schaltsekunde eingefügt wird. Dieses wird ebenso weltweit koordiniert.

Zeitzeichensender

Das Signal einer Atomuhr, die mit der “offiziellen” Atomuhr bei der Physikalisch Technischen Bundesanstalt in Braunschweig synchronisiert ist, wird in Deutschland seit 1959 über die Langwellenfrequenz 77,5kHz mit einem 50kW Träger vom Sender Mainflingen bei Aschaffenburg ausgesendet. Dieses als DCF77 bekannte Signal lässt sich in ganz Zentraleuropa empfangen.

In einem sogenannten Wasserfalldiagramm, was auf der x-Achse die Frequenz und auf der y-Achse die Zeit aufgetragen hat, sieht das Signal folgendermaßen aus:

WebSDR DCF77

 

Das Bild ist ein Screenshot vom WebSDR der Universität Twente in den Niederlanden (Frequenz auf 77,5kHz eingestellt, Bandbreite AM-nrw). Einfach mal selbst auf die Seite gehen und sich dazu den Ton anhören. Auf dem Bild ist das helle Signal in der Mitte der Träger. Wenn dieser abgesenkt wird, erscheint das Signal blau. Wie auch im Bild zu sehen ist, kommt ein regelmäßiges, sekündliches Knacken. Hier werden die Informationen über die Zeit übertragen.

Ein Mal in der Minute, zwischen der Sekunde 58 und 00, gibt es keine Absenkung des Signals. Das dient der Synchronisierung für die kommenden Informationen und wird als Bit 0 bezeichnet. Bei jeder Absenkung können Informationen übertragen werden, also pro Minute 60 Bits. Nun ist es entscheidend, ob das Signal für 100ms, was einer logischen 0, oder für 200ms, was einer logischen 1 entspricht, abgesenkt wird. Die ersten 14 Bits einer Minute enthalten Informationen des Katastrophenschutzes oder Wetterinformationen (214 sind 16384 unterschiedliche Informationen). Danach folgen 5 Bit, die Informationen über die Sommer- und Winterzeit oder Schaltsekunde beinhalten. In den letzten 40 Sekunden erfolgt die Übertragung der Stunde, Minute und des Datums im BCD-Code mit Prüfbit.

Eine Funkuhr braucht also etwa zwei Minuten, um sich auf den Sender einzustellen und alle Daten zu empfangen.

Der falsch laufende Funkwecker

Nach einem Uhrenvergleich zweier weiterer von meinem Bett erreichbaren Uhren – meiner Armbanduhr und dem Kindle – war ich mir sicher, dass der Funkwecker um eine Stunde hinterher hing. Die Ursache lässt sich im Nachhinein nicht richtig feststellen. Dennoch versuche ich mal eine Interpretation:

Da ich den Wecker schon seit vermutlich mehr als 20 Jahren besitze, hatte ich oft genug die Zeit zur Beobachtung der Synchronisation gehabt. Denn eine Funkuhr tickt nicht dauerhaft nach dem Signal, was vom DCF77 ausgesendet wird, sondern läuft auf einer internen Quarzuhr weiter. Stattdessen wird immer wieder mal synchronisiert. Dann blinkt im Display der symbolisierte Sender auf, was immer zwei Minuten vor der vollen Stunde geschieht.

Das oben genannte Protokoll von DCF77 zeigt, dass die Uhrzeit und das Datum mit einem Prüfbit übertragen werden, aber nicht die Information über die Sommer- und Winterzeitumstellung. Von daher vermute ich, dass das Bit mit der Information “am Ende der Stunde wird auf Winterzeit umgestellt” fehlerhaft als eine logische 1 interpretiert wurde – und das in zwei aufeinander folgenden Minuten. Dementsprechend stellte der Wecker seine fortlaufende Uhr zur kommenden Stunde um eine Stunde zurück.

Ein manueller Reset durch kurzzeitiges Entfernen der Batterien brachte binnen zwei Minuten die korrekte Zeit.

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Kerbal Space Program

Es gibt nicht viele Computerspiele, die mich auf lange Zeit so in ihren Bann ziehen. Eines davon ist Kerbal Space Program.

Vor einem Jahr war ich wie üblich zu dieser Jahreszeit ein Wochenende in Karlsruhe zu Gast. Nach einem ausgedehnten Frühstück an einem Sonntagnachmittag planten wir den weiteren Verlauf des Tages. Es wurde vorgeschlagen, dass wir Kerbal Space Program spielen. Auf meine Frage, was das für ein Spiel sei, hieß es “Das ist wie Lego, nur mit Raketen, die du in einem kleinen Sonnensystem starten kannst”. Kurz darauf saßen wir mit mehreren Leute vor einem Projektor mit dem gestarteten Spiel.

Mir wurde das Grundprinzip erklärt: “Hier hast du ein Vertical Assembly Building mit diversen Raketenbauteilen. Die kannst du recht frei zusammenbauen, dann das Staging richtig einstellen und anschließend starten lassen. Ich zeige es dir mal eben.” Ein paar Minuten schaute ich zu und dann wurde mir die Tastatur und Maus mit den Worten “So, jetzt bist du dran!” in die Hände gedrückt. Damit baute ich meine erste Rakete und machte meinen ersten Start – und es war ein voller Erfolg, da ich direkt ohne Explosion in den Orbit kam!

Noch am selben Abend kaufte ich mir das Spiel für ein paar Dollar. Das war die Version v0.17.1. Das Spiel ist eine Alpha-Version, aber die Entwickler stellten es bereits in einer frühen Phase im Juni 2011 zum Kauf online. Bisher waren alle Updates im erstmaligen Kaufpreis enthalten, was ich schon mal sehr großartig finde. Inzwischen ist das Spiel auch via Steam (dieses Wochenende sogar für nur 15€!) verfügbar.

Die nächsten Tage und Wochen verbrachte ich viele Stunde in diesem Spiel. Es gab nur einen Sandbox-Modus, also freies Spielen. Missionen waren nicht vorhanden, aber wie beim Spiel mit Lego hilft die eigene Kreativität und Phantasie. Ich baute Raketen, flog zu anderen planetaren Objekten, wie dem nächsten Mond oder zu anderen Planeten, immer weg vom Startplaneten Kerbin. Dieser ist der dritte Planet um eine Sonne und hat selbst zwei Monde namens Mün (Metal Umlaut) und Minimus (der eher ein Gesteinsbrocken ist).

Mit jedem größeren Update etwa alle zwei Monate kamen mehr Planeten oder mehr Raketenteile hinzu. Irgendwann gab es Docking-Adapter, wodurch zwei Raumschiffe miteinander verbunden werden konnten. Oder Steuerungseinheiten für unbemannte Satelliten, um das Sonnensystem zu erforschen.

Spaß macht mir auch der Zusammenbau von Space Planes, also Raumschiffen, die wie Flugzeuge horizontal starten. Hier ist mehr aerodynamische Feinjustierung nötig als einfach nur mehr Treibstoff und stärkere Raketenmotoren unter eine Kapsel zu setzen.

Missonsmodus

Das letzte Update v0.22 vom Oktober 2013 bietet zum ersten Mal einen Missionsmodus: Science. Die bisher schon vorhandenen Bauteile wie Antennen, Temperatur- oder Drucksensor machen nun endlich Sinn.

In diesem Modus wird mit einer kleinen Auswahl an Bauteilen gestartet. Während der Flüge können die Sensoren aktiviert oder auch einfach nur ein Bericht der Crew geschrieben werden. Bei erfolgreichen Missionen oder der geglückten Übertragung mit den Antennen gibt es dafür Punkte, die gegen weitere Bauteile eingetauscht werden können. Das Prinzip ist aus anderen Strategiespielen bekannt.

Das schöne an den Science-Missionen ist, die einzelnen Bauteile besser kennen zu lernen. Und vor allem diese Bauteile zu “missbrauchen”, also für andere Zwecke einzusetzen. Wie soll ich ein Flugzeug starten, wenn noch kein Fahrwerk erfunden wurden? Kein Problem – einfach auf Metall rumrutschen!

Weitere Missionsmodi werden wohl nicht lange auf sich warten lassen. Alle Bauteile haben bereits einen Preis. Somit wird bestimmt ein Modus kommen, wo Missionen an ein Budget gebunden werden. Oder auch eine Kombination aus Science- und Budget-Missionen. Also wie in unserer realen Welt.

Bahndynamik

Auch wenn Kerbal Space Program nur ein Spiel ist, hat es mich orbitale Flugmanöver gelehrt. Einfach nur in die Richtung Schub geben, in die ich gelange möchte, ist selten von Erfolg gekrönt. Wie genau das funktioniert, erklärt Urs in seinem großartigen Vortrag “Wie fliegt man eigentlich Raumschiffe?” auf der GPN13 – und das ganze anhand von Kerbal Space Program!

Dass die Physik recht gut der uns bekannten irdischen Physik nachempfunden ist, erklärte der Lead Delevoper Felipe Falanghe in einem Interview: in einer frühen Phase des Spiels haben sie einfach die in der Wikipedia gelisteten mathematischen Formeln in das Spiel eingehackt. Zwar gibt es keine Lagrange-Punkte, aber dafür sind sogar Manöver wie Aerobraking an Planeten und Monden mit Atmosphäre möglich.

Mods und Add-Ons

Das Spiel ist so modular aufgebaut, dass eigene Mods und Add-Ons eingebaut werden können. Inzwischen gibt es eine schier unendliche Zahl von Mods im Kerbal SpacePort. Es fängt mit einfachen Texturen an, geht über Navigationselemente und weiteren Bauteilen bis hin zu ganzen Planeten.

Da leider jedes Mod mehr RAM frisst (KSP ist eine 32-bit Applikation, also ist bei Windows die 3GB-Grenze entscheidend) und das Spiel langsamer macht, setze ich nur zwei Mods ein. Zum einen den Docking Port Alignment Indicator, der die fehlende Möglichkeit der 3D-Ansicht beim Andocken durch eine sehr übersichtliche Anzeige verbessert. Wie auch beim realen Docken von Raumfahrzeugen vermitteln Indikatoren als On-Screen-Display im Bild der Docking-Kamera eine Information über Lage, Position und Bewegung.

Das andere Modul ist das B9 Aerospace Pack mit ganz vielen neuen Teilen für Raketen und insbesondere Space Planes. Ich mag halt einfach stylische Raumschiffe haben. Dieses Paket bietet mir sehr viele Bauteile, um mein ästhetisches Empfinden zu befriedigen. Und wie ich gerade erst las, ist dieses Add-On nun auch für Science-Missions verfügbar. Ich sehe schon wieder neue Missionen auf mich zukommen!

Videos

Wie zu nahezu jedem Spiel gibt es Videos bei Youtube. Sehr schnell stolperte ich über die großartigen Videos von Scott Manley. Neben sehr guten Tutorien, um spezielle Raketen oder Flugzeuge zu bauen, entwickelt er immer wieder eigene Missionen. Die Videos sind in der Regel 15 bis 20 Minuten lang, aber aufgrund der Missionslänge Mehrteiler.

In den Audiokommentaren zu den Videos streut er immer wieder Anekdoten aus der realen Raumfahrt ein. Während seines Studiums der Astronomie kam er damit viel in Berührung. Für mich sind seine Videos eine angenehme Abwechslung im Feierabend, um mich mal für ein paar Minuten zurückzulehnen, aber nicht direkt einen langen Film oder oder eine Serienepisode anschauen möchte.

Bedienung

Bis vor kurzem steuerte ich das Spiel ausschließlich mit Maus und Tastatur. Das sind halt digitale Tastendrucke und für manche Manöver ist ein analoger Joystick besser geeignet. Jedoch haben Raumschiffe nicht nur einen, sondern zwei Joysticks, um alle sechs Freiheitsgrade in rotatorischen und translatorischen Bewegungen abzudecken.

Vor ein paar Monaten kaufte ich mir ein Xbox 360 Gamepad, um andere Spiele damit zu steuern. Irgendwann habe ich es dann für KSP verwendet, was sehr gut klappt. Die Tasten können im Spiel gemappt werden und die beiden Analogsticks helfen sehr gut bei der Steuerung. Einzig die Steuerung des Schubs mit den Trigger-Tasten ist nicht direkt einzustellen; da musste ich ein wenig nach Suchen und schließlich von Hand in einer Konfigurationsdatei etwas ändern.

Ebenso ärgerlich ist der Wireless Xbox 360 Controller. Sobald dieser sich zum Strom sparen abgeschaltet hat, vergisst KSP diesen. Das passiert sehr schnell beim Zusammenbau von Raketen und Flugzeugen, wo ich doch eher Maus und Tastatur verwende. Nur ein Neustart vom Spiel findet den Controller dann wieder.

Suchtgefahr

Ähnlich wie mit anderen Spielen macht Kerbal Space Program süchtig. Die Zeit vergeht echt schnell. Das merke ich in der Regel daran, dass ich währenddessen Podcasts höre und diese ein bis drei Stunden plötzlich schon vorbei sind. Somit bleibt nur noch an unverplanten Wochenenden oder Feiertagen die Zeit dazu.

Schön finde ich es auch, zu zweit oder noch mehr Personen vor einem Rechner eine Mission zu fliegen – das Spiel hat noch keinen Multiplayer-Modus. Aber nacheinander Bauteile für eine Raumstation entwickeln und Hochbringen hat auch einen gewissen Spaß!

Gibt es unter meinen Lesern weitere KSP-Süchtige? Vielleicht sogar in Berlin, um eine SelbsthilfeMissionsgruppe zusammen zu bringen?

Defekte Angleichung • Lars Weiler