Frühlingserwachen im Zeitraffer

Vor ein paar Wochen, als es noch Winter war, fiel mir ein Bild in die Hand, das ich letzten Sommer aus dem Fenster im Arbeitszimmer geschossen habe. Ich war über den Unterschied extrem erstaunt! Zum Vergleich zwei aktuelle Bilder aus diesem Jahr:

Garten im Winter Garten im Frühjahr

Zwischen den beiden Bildern liegt ein Unterschied von 44 Tagen. Oder um genau zu sein, 29. März zu 12. Mai. Da die Prozesse in der Flora nur sehr langsam ablaufen, ist für den Menschen an sich kaum möglich, den Blumen beim wachsen zuzusehen. Hier helfen nur technische Hilfsmittel. Also schaute ich mich in meinem Haushalt um, womit ich eine Zeitrafferaufnahme über mehrere Wochen laufen lassen kann.

Man nehme:

  • Raspberry Pi (Modell B Rev. 2)
  • Logitech C525 HD Webcam
  • 16GB SD-Card
  • 10W USB-Netzteil (in diesem Fall das Apple iPad Ladegerät)
  • Doppel- und Gewebeklebeband

Als Betriebssystem ist ein ganz normales Raspbian von Anfang 2013 auf der SD-Card installiert. Der Kernel ist sogar noch ein 3.2.27 vom Oktober 2012. Aber er enthält bereits das für diese Kamera notwendige Modul uvcvideo, sodass nicht noch ein neuer Kernel kompiliert werden muss. Die einzigen beiden nachträglich installierten Pakete sind uvcdynctrl und motion. Ersteres, um die Webcam einzustellen und letzteres für die regelmäßigen Bilder.

Mit dem ersten Befehl werden die verfügbaren Kameras angezeigt (hier die “HD Webcam C525” an video0) und mit dem zweiten Befehl die verfügbaren Einstellungen.

root@raspberrypi:~# uvcdynctrl -l
Listing available devices:
video0 HD Webcam C525
Media controller device /dev/media0 doesn\'t exist
ERROR: Unable to list device entities: Invalid device or device cannot be opened. (Code: 5)
root@raspberrypi:~# uvcdynctrl -c
Listing available controls for device video0:
Exposure, Auto
Exposure (Absolute)
Exposure, Auto Priority
Pan (Absolute)
Tilt (Absolute)
Focus (absolute)
Focus, Auto
Zoom, Absolute
root@raspberrypi:~#

Mit der Option -f lassen sich die verfügbaren Auflösungen anzeigen, um die Auswahl für das andere Tool, motion, einfacher zu machen.

Nach dem ersten Aufnahmetag stellte ich fest, dass die Bilder zu stark “pumpen”, was der Kameraautomatik verschuldet war. Insbesondere bei starken Kontrastwechseln durch Wolken waren die aufeinander folgenden Bilder sehr unterschiedlich. Mit uvcdynctrl lassen sich beide Werte fest einstellen.

root@raspberrypi:~# uvcdynctrl -s 'Focus, Auto' 0
root@raspberrypi:~# uvcdynctrl -s 'Focus (absolute)' 0
root@raspberrypi:~# uvcdynctrl -s 'Exposure (Absolute)' 35
ERROR: Unable to set new control value: A Video4Linux2 API call returned an unexpected error 5. (Code: 12)
root@raspberrypi:~# uvcdynctrl -s 'Exposure, Auto' 1
root@raspberrypi:~# uvcdynctrl -s 'Exposure (Absolute)' 35

Die Namen der Controls können mit der bereits vorher schon genannten Option -c herausgefunden werden. Da die Namen Leerzeichen oder andere komische Zeichen enthalten, den Namen in einfache Anführungsstriche setzen.

Der Wert ‘Exposure (Absolute)’ lässt sich beispielsweise im ersten Anlauf nicht setzen, da bei ‘Exposure, Auto’ noch nichts gesetzt ist. Der Wert ’1′ schaltet ‘Exposure, Auto’ nicht ein, wie sich vermuten lässt, sondern schaltet dieses auf den ‘Manual Mode’. Das lässt sich mit den Optionen -c -v herausfinden, so wie auch alle anderen möglichen setzbaren Werte:

Exposure, Auto
ID : 0x0000000f,
Type : Choice,
Flags : { CAN_READ, CAN_WRITE },
Values : { 'Manual Mode'[1], 'Aperture Priority Mode'[3] },
Default : 0

Mit dem Wert von ’35′ bei Exposure schaltet die Kamera beispielsweise nicht auf einen sensitiveren Wert in der Nacht um, sodass es tatsächlich ab der Dämmerung auf dem Bild dunkel und nachts gar ganz dunkel ist. Laternen oder Wohnungsbeleuchtungen reichen nicht aus, um ein Bild wahrzunehmen. Die eingestellten Werte lasse sich mit den Optionen -S und -L in eine Datei speichern und laden, da sie beim Abstöpseln der Kamera oder einem Reboot verloren gehen würden.

Am besten einfach mal mit den Werten herumspielen und das Ergebnis anschauen – Stopp! Bisher ist ja nur die Kamera angeschlossen und kein Ergebnis zu sehen. Da ich den Raspberry Pi headless betreibe, also ohne Monitor, brauche ich irgendwie eine Ausgabe. Das bringt uns zu motion.

Das Tool motion ist ein Daemon, der die Webcam ansprechen kann und diverse Aktionen durchführt. Wie der Name vermuten lässt, wurde es entwickelt, um so etwas wie eine Überwachungskamerafunktionalität mit Linux aufzubauen. Es kann regelmäßig Bilder aufnehmen, vergleichen und bei einer einstellbaren Schwelle an Änderungen Aktionen durchführen, wie beispielsweise Bilder aufnehmen oder irgend etwas anderes per Kommandozeile steuern.

In meinem Fall wollte ich drei Funktionen:

  1. Regelmäßige Aufnahme von Bildern
  2. Automatisches Erstellen eines Videos aus den Bildern
  3. Ansicht im Browser zur Überprüfung des Bildes

Bei Debian bzw. raspbian wird der motion Daemon in der Datei /etc/default/motion eingeschaltet. Die Datei /etc/motion/motion.conf dient zur Konfiguration. Als Beispiel, meine Änderungen gegenüber der Default-Configdatei:

# YU12 bzw. YUV520 Palette
# MJPEG lässt sich nicht aktivieren
v4l2_palette 8
# 720p ist mit dieser Kamera ohne Probleme möglich und da nur
# Standbilder aufgenommen werden, reicht der raspi
width 1280
height 720
# Generelle maximale Framerate für die Kamera
framerate 10
# Einstellungen für das automatische Video, hier:
# alle 300 Sekunden ein Bild und daraus täglich ein
# mpeg4 Video in der höchsten Bitrate/Qualität erstellen
ffmpeg_cap_new off
ffmpeg_timelapse 300
ffmpeg_timelapse_mode daily
ffmpeg_variable_bitrate 2
ffmpeg_video_codec mpeg4
# Intervall für jpg-Snapshots, hier alle 60 Sekunden
snapshot_intervall 60
# Text, der unten rechts im Video eingeblendet wird (Datum, Zeit)
text_right %Y-%m-%d\n%T
# Datei zum speichern; Motion speichert per default nach /tmp, was
# bei einem Reboot gelöscht wird!
target_dir /srv/motion
# die JPGs sortiert speichern, um nicht zu viele Dateien in einem
# Ordner zu haben (1 Tag = 60 Bilder ⨉ 24 Stunden = 1440 Dateien)
snapshot_filename %Y/%m/%d/%H-%M-%S
# Dateiname für die mpg-Dateien
timelapse_filename %Y%m%d-%H%M-timelapse
# Port für die Browser-Funktion angeben, um diese einzuschalten
webcam_port 8081
webcam_maxrate 10
webcam_localhost off
# Motion nicht über einen Browser-Interface konfigurieren lassen
control_port 0

LangzeitaufnahmeMotion kann einfach mit dem Init-Script gestartet werden. Jetzt kann via HTTP im Browser auf der IP des Raspi und dem Port 8081 das aktuelle Bild betrachtet werden. Die Aktualisierung braucht durchaus ein paar Sekunden, insbesondere, wenn an uvcdynctrl-Werten etwas geändert wird. Die Kamera habe ich mit Doppelklebeband von innen an die Scheibe geklebt und mit Gewebeklebeband gefixt. Das ganze Setup baute ich am 10. April auf. Am 11. und 12. April machte ich ein paar Einstellungen an motion und uvcdynctrl, um Exposure und Focus unter Kontrolle zu bekommen. Außerdem verwendete ich die Funktionen für Pan und Tilt, um nur den Ausschnitt rechts oben mit Bäumen ins Bild zu holen statt den Garten mit den Sandkästen. Am 4. Mai beendete ich die Aufnahmen, was 22 Tagen entspricht. Der raspi lief die ganze Zeit ohne Reboot oder Zucken durch. Auch wenn motion mit der Webcam-Funktion die CPU nahezu am Anschlag laufen lässt, gab es keine Hitzeprobleme oder ähnliches. Ich bin von der Stabilität dieses Kleincomputers sehr erstaunt! Selbst die Installation eines FTP-Daemons zum besseren Download der Bilddateien statt über sftp hat des raspi nicht gestört.

Nun ging ich davon aus, dass ich einfach die täglichen, von motion erstellten Videos nehmen könnte, um eine schöne Timelapse-Aufnahme zu erstellen. Doch leider stellte sich heraus, dass entweder motion oder der raspi Probleme verursachen und recht häufig Artefakte aus sich überschneidenden Bildern dargestellt werden. Außerdem sind die schwarzen Nächte recht lang, sodass ich die Videos eh hätte schneiden müssen.

Glücklicherweise hatte ich ich in der motion-Config angegeben, dass minütlich ein JPG-Bild aufgenommen werden soll. Pro Tag kommen dort so 100MiB bis 150MiB für die 1440 Bilder zusammen, je nach Sonnenscheindauer, Wetter und der damit verbundenen Anzahl an Farben. Von diesen Bilder habe ich erstmal getrost gelöscht, was wirklich Nacht ist. Also, alles zwischen 22 und 04 Uhr. Da Sonnenauf- und -untergang nicht nur vom Tag sondern auch vom Wetter abhängig sind, konnte ich keine fixen Uhrzeiten raussuchen, welche Bilder ich löschen konnte. Stattdessen benutzte ich das Tool identify aus der ImageMagick Suite. Mit der Option -format %k gibt identify die Anzahl der Farben in einem Bild aus. Stichproben ergaben, dass selbst in schwarzer Nacht die Kamera immer noch so etwa 75 Farben zurück gibt. Mit Einsetzen der Dämmerung nimmt die Anzahl der Farben schlagartig auf mehrere Tausend zu. Als guten Schwellwert ermittelte ich 100 Farben. In einer Schleife sieht das so aus:

for pic in *.jpg; do colors=$(identify -format %k ${pic}); echo "${pic}: ${colors}"; [[ "${colors}" -lt "100" ]] && rm ${pic}; done;

Zum Erstellen des Videos las ich noch mehrere Stunden lang ffmpeg-Parameter und testete diverse Einstellungen aus. Das beste Ergebnis bekam ich mit

ffmpeg -r 30 -f image2 -pattern_type glob -i "*-?0-00.jpg" -crf 18 -preset slow springtime.mp4

Das erstellt ein Video mit einer Framerate von 30 Bildern pro Sekunde (also etwas mehr als die üblichen 25 im Fernsehen oder 24 im Kino), die einem Pattern entsprechen. Das Pattern löst sich zu “alle Bilder, die zu einer Minute mit 0 am Ende aufgenommen wurden”, also “alle 10 Minuten” auf. Mit -crf 18 -preset slow wird eine variable Bitrate mit hoher Qualität verwendet. Das Umkodieren der 1925 verwendeten Bilder hat knapp 9 Minuten gedauert; dabei sind 64 Sekunden an Film heraus gekommen. Das kommt auch von den eingegebenen Bildern hin: Bei “ein Bild alle 10 Minuten” sind das 6 Bilder pro Stunde. Bei 30fps ist das 1/5 Sekunde pro Stunde. Im April sind es etwa 14,5 Stunden von der Morgen- bis zur Abenddämmerung, was ungefähr 2,9 Sekunden für einen Tag (die Nacht habe ich ja entfernt) ausmacht. Bei 22 Tagen mit 2,9 Sekunden komme ich auf die 64 Sekunden Film.

Viel geredet, hier ist der Film:


Link zu Vimeo

Im Laufe der Zeit neigte sich die Kamera immer weiter nach oben, da morgens die direkte Sonne auf das Fenster schien und das Klebeband gelöst hat. Aber es ist sehr schön zu beobachten, wie es von unten herauf immer grüner wurde. Der richtige Durchbruch kam dieses Jahr um den 21. April.

Gigabit über Telefonkabel

Als ich meine jetzige Berliner Wohnung vor über einem Jahr bezog, fielen mir bereits die in allen Zimmern verteilten ISDN- und TAE-Dosen auf. Vom Vormieter erfuhr ich, dass die Unterputz-TAE-Dose im Wohnzimmer diejenige sei, an die er sein DSL-Modem angeschlossen hatte. Und somit wurde diese Dose auch bei mir die primäre TAE (steht übrigens für das schöne Bundespost-Wort Telekommunikations-Anschluss-Einheit). Ich hatte also im Wohnzimmer einen hässlichen DSL-Router vor sich hin blinken und mein Rechner im Arbeitszimmer war nur per WLAN angeschlossen. Mit 5GHz-WLAN ging das sogar ganz passabel, aber das Netz reichte nicht bis in den Garten. Mit Techniken wie “WLAN erweitern” durch einen weiteren Access-Point kam ich zwar in den Garten, aber das Netz wurde sehr fragil, sobald sich mehrere Clients dort drin aufhielten. Bei Besuch von mehreren Gästen, die alle ihre ein bis drei WLAN-Geräte dabei haben, brach das Netz von Zeit zu Zeit zusammen.

Mit dem Gedanken, ordentliche Netzwerkkabel in der Wohnung zu verlegen, spielte ich öfters. Aber dazu hätte ich durch 60cm dicke tragende Wände bohren müssen und die Kabel an mehreren Türrahmen vorbei oder unschön an der Decke entlanglegen müssen. Somit wurde der Gedanke einfach wieder verworfen.

Etwa ein Jahr nach dem Einzug bekam ich einen Rappel und schraubte alle ISDN- und TAE-Dosen auf, um die Kabel zu untersuchen. Von den Nachbarn erfuhr ich, dass meine Wohnung vor ein paar Jahren als Büro gedient hatte und somit hegte ich die Hoffnung, dass die einzelnen Zimmer wie in den 90er-Jahren üblich mit ISDN verbunden waren.

Kabel in der Wand

Im Arbeitszimmer schauten direkt mehrere Kabel aus der Wand. Im rechten Loch waren nur schwarze, einadrige Leitungen. Ich nehme an, dass dieses Zugkabel für die Leerrohre sind, um zu einem späteren Zeitpunkt weitere Kabel dort durch zu legen. Im linken Loch ist eine achtadrige Leitung, deren Zweck ich bis heute nicht entschlüsselt habe, da ich keine Stelle fand, an der ein gleichartiges Kabel aus der Wand schaut. Möglicherweise ist das Kabel für eine alte Einheit der Gegensprechanlage gedacht, denn die aktuell verbaute ist neueren Datums und basiert auf Zweidrahttechnik.

Im mittleren Loch, wo noch die unbenutzte TAE dranhängt, wurde ich fündig. Drei Kabel vom Typ J-Y(ST)Y mit jeweils vier Doppeladern, der bei ISDN-Verkabelungen üblicherweise eingesetzt wird! Auf zwei der drei Kabel wurde mit Edding groß und klein drauf geschrieben, was mir die Hoffnung machte, dass diese im Wohnzimmer (groß) und Schlafzimmer (klein) enden. Mit Papier, Stift und einem Durchgangsprüfer bewaffnet, verband ich stichprobenartig ein paar Leitungen und suchte die dazu farblich passenden Enden an den anderen Dosen. Meine Vermutung bewahrheitete sich!

Kabelplan

Mein Ziel war es jetzt, die ISDN-Dose gegen Netzwerkdosen auszutauschen und die Kabel richtig anzuschließen. Zumindest eine feste 100MBit/s-Leitung zwischen Wohnzimmer, wo der DSL-Router steht, und Arbeitszimmer sollte möglich sein. Denn aus irgendeinem Grund konnte ich von der Leitung zwischen Wohnzimmer und Arbeitszimmer nur drei Adernpaare verwenden, was Gigabit, das auf vier Adernpaaren aufsetzt, unmöglich macht. Beim Messen der Leitungen stellte ich fest, dass zwei ISDN-Busse mit jeweils zwei Adernpaaren vom Arbeitszimmer, über das Schlafzimmer, zurück zum Arbeitszimmer und dort zum Wohnzimmer geschleift wurden, wo dann die notwendigen 100Ω Abschlusswiderstände anmontiert waren. Eine sehr fragliche Verkabelung. Ein weiteres Mysterium blieb das dritte, unbeschriftete Kabel in der Arbeitszimmerdose, das statt nach oben zur Decke in ein Rohr nach unten verschwand, aber irgendwie mit einem der anderen Kabel verbunden war.

Achtung! Breitbandkabel

Leider konnte ich auch keines der Kabel weit genug aus der Wand ziehen, um die Beschriftung zu lesen. Eine Schirmung ist nur als Folie um alle Adernpaare drumgewickelt, das heißt, es wird zwischen den Leitungen ein Übersprechen geben. Vom Alter her schätze ich die Kabel auf etwa 20 Jahre. Zumindest wurde zu der Zeit das um 1890 erbaute Haus komplett renoviert. Neben dem Stromzähler im Keller hängt noch ein Installationszettel mit einem Datum von 1992. Ebenso aus Anfang bis Mitte der 90er Jahre ist auch die Telefonverkabelung. Friedrichshain gehörte zu den Testgebieten der Optischen Anschlussleitung, kurz OPAL. Alle Häuser hier in der Straße haben einen schönes Hinweisschild darauf angebracht. Im Keller ist ein großer Kasten mit dem Schriftzug der gerade von der Bundespost getrennten, aber noch mit altem Posthörnchen versehenen, Telekom zu entdecken.

Glasfaser

In diesem Kasten endet die Glasfaser. Ja, Glasfaser. Breitband. Seit mehr als 20 Jahren. Im Keller. Und nein, Internet mit mehr als 6MBit/s ist nicht möglich. Denn OPAL ist alte Technik. Um dicke Kabelbäume zu sparen, wurden in den OPAL-Testgebieten Glasfasern in die Häuser gelegt und Technik dazu montiert, die nur die TAE von Kupfer auf passive Glasfaser umsetzen.

Saubere TAE-Verkabelung

Die wie im nebenstehenden Bild zu sehen von Telekom-Technikern “ordentlich” angeschlossenen Kabel von den Wohnungen gehen also in diesen Kasten und werden bis zur Vermittlungsstelle (VSt) als Glasfaser weiter geführt. Im Gegensatz zu neuerer Technik, wie ich sie beispielsweise in meiner Kölner Wohnung hatte, hängt dort kein Mini-DSLAM (Digital Subscriber Line Access Multiplexer) im Keller, der sowohl Telefonie als auch Daten übertragen kann (wobei Telefonie heute auch nur noch Daten in Form von VoIP sind), sondern wirklich nur für Telefonie ausgelegt ist. DSL klappt deshalb nur bedingt, da anstatt wie bei Kupferleitungen kaum freie Frequenzen zur Übertragung zur Verfügung stehen.

An der Straßenecke steht ein VDSL-Kasten, der komplett leer ist, da VDSL eine durchgehende Kupferleitung bis zur TAE benötigt. Die VDSL-Kästen wurden von der Telekom (mittlerweile) AG 2006 mit Hilfe der 3 Milliarden Euro von der Bundesregierung und ihrer Absicherung über die Änderung des TKG (Stichwort: Lex Telekom) ganz schnell aufgestellt. Somit stehen hier große, graue Kästen in der Gegend rum, die ohne die Straße aufzubuddeln und Kupferkabel bis in die Häuser zu legen niemals in Betrieb gehen werden.

Zurück zu meiner Wohnungsverkabelung. Für Ethernet kann ich die alten ISDN-Dosen nicht verwenden, da diese nur die mittleren vier von acht Pins verdrahtet haben. Mit ein wenig Recherche fand ich heraus, dass es selbst 20 Jahre später passende Ethernet-Unterputzdosen für die in der Wohnung angebrachte Schalter-, Steckdosen- und ISDN-Dosen-Serie gibt. Und selbst die ISDN-Doppeldosen-Abdeckkappen passen vom Lochmaß! Die 3x8EUR für einfache Ethernet-Dosen waren es mir wert, um einen Test zu starten.

Beim Entfernen der ISDN-Dose im Arbeitszimmer bekam ich plötzlich eine gewischt. Irritiert griff ich zum Spannungsmesser und stellte fest, dass dort ein Signal anliegt. Direkt danach fing der Router im Wohnzimmer an zu blinken. Kombiniere: Das mysteriöse Kabel, das aus dem Keller im Arbeitszimmer ankommt, ist die eigentliche TAE für die Wohnung. Diese wurde über die alte ISDN-Verkabelung in das Wohnzimmer verlängert, was auch erklärt, dass dort nur sechs Adernpaare zur Verfügung standen. Aber da ich den Router eh nicht im Wohnzimmer haben wollte, entschloss ich mich, die Verkabelung nochmals zu überdenken. Die TAE wurde jetzt im Arbeitszimmer angeschlossen und nun standen mir vier Adernpaare für das Wohnzimmer und nochmals vier Adernpaare für das Schlafzimmer zur Verfügung.

Die Ethernet-Dosen legte ich nach der üblichen Farbkodierung für Telefonkabel auf, sodass die richtigen Adernpaare zusammen liegen. Mit vier Adernpaare kann eine ordentliche 1000BASE-T Verkabelung vorgenommen werden. Im Gegensatz zu 100BASE-T haben die Adernpaare im Gigabit keine feste Zuordnung für Hin- und Rückkanal. Viel mehr handeln die beiden Netzwerkadapter bei Verbindung miteinander aus, welche Leitung wofür verwendet wird. Dazu wird die Dämpfung gemessen und letzten Endes alle Leitungen optimal ausgenutzt.

DurchsatztestNachdem die Dosen angeschlossen waren, musste ich natürlich den Durchsatz testen. Dazu eignet sich das Tool iperf, das für jede gängige Plattform existiert. Ein Rechner ist der Server, der auf Anfragen reagiert und der andere schickt Daten durch. In Bild ist die Ausgabe zu sehen, zuerst zwischen Arbeitszimmer und Schlafzimmer und dann zwischen Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Ich ging ja von etwa 100MBit/s aufgrund alter Kabel und Übersprechen zwischen den Leitungen aus, aber das Ergebnis hat mich echt vom Hocker gerissen: mehr als 850MBit/s sind über die alten Telefonleitungen möglich! Das reicht dicke aus, um einen Film vom Laptop zum Multimedia-Rechner im Wohnzimmer zu übertragen, ohne lange warten zu müssen. Der begrenzende Faktor sind hier eher die Festplatten der Rechner…

ISDN zu Ethernet

Als Ergebnis lässt sich festhalten: alte Telefonleitungen sind nicht schlecht und ich habe nun sauber verlegtes Netzwerk in der Wohnung. Die schlechte Anbindung an die Welt ist natürlich eine andere Geschichte, die sicherlich irgendwann ihre Fortsetzung finden wird.

Der Hack_space ist tot – es lebe der Hack_space!

Anfang Januar rief ich zu einem Treffen über einen weiteren Hack_space für Berlin auf. Dieses Treffen fand in den Räumen der Abteilung-für-Redundanz-Abteilung (AFRA) statt. Im Laufe des Abends waren 15 Personen anwesend.

In drei Stunden Gespräch kam heraus, dass der Bedarf nach einem weiteren Ort vorhanden ist. Es festigte sich die Idee, einen “Groß-Hack*Space” zu gründen, der Platz für viele Beteiligte und Projekte bietet. Das “Groß” bezieht sich auf den Raum, denn es werden mindestens 120qm benötigt, eher 200qm, um alles unterzubringen, was geplant ist. Es gab auch die Idee, keinen langsamen, natürlichen Wachstum zu betreiben, sondern von Beginn an mit dem großen Raum zu starten. Es wurden Wünsche für diese Räume geäußert:

  • Sauber-Werkstatt (z.B. Elektronik, Textil, Papier)
  • Staub-Werkstatt (z.B. Fräse, Holzschnitt, Metallverarbeitung)
  • Stink-Werkstatt mit Waschbecken (z.B. Farbe und Lacke)
  • Lager (für Material; kein Mülllager)
  • Audiolab/Aufnahmeraum
  • Multifunktionsraum (Workshops, Seminare, flexible Arbeitstische)
  • Couchraum
  • Küche (Einbauküche zum gemeinsamen kochen)
  • Dusche (wäre toll)

Grob überschlagen ließen sich mit 50.000 EUR die Grundausstattung und der Betrieb für zwei Jahre sichern. Sollte nach zwei Jahren der Betrieb nicht aus eigenen Mitteln finanziert werden können, hätte es dennoch einen interessanten Ort für diese Zeit gegeben. Ein Hack*Space muss nicht mit der Gründung für die Ewigkeit angelegt sein.

Ein Treffen zur weiteren Planung in der darauf kommenden Woche war nur sehr dünn besucht. Ich muss zu meiner Entschuldigung sagen, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. Mir wurde vom Treffen berichtet.

Es hat sich ergeben, dass zwischenzeitlich mehrere Besucher des ersten Treffens Mitglieder in der AFRA geworden sind. Die Suche nach oder den Aufbau eines weiteren Hack*Spaces hat sich für diese also erübrigt. Persönlich werde ich mich dem anschließen und ebenso in der AFRA mitwirken.

Die Idee für einen “Groß-Hack*Space” ist nicht beerdigt, aber erstmal auf Eis gelegt. Möglicherweise ergibt sich in der Zukunft eine Gelegenheit für einen passenden Raum oder das nötige Kleingeld für den Aufbau und Betrieb.

Hackerspace ≠ Mackerspace

Vergangenen Mittwoch lud ich zu einem ersten Treffen für einen weiteren Hacker_Space in Berlin ein. Die Notizen zum Treffen sind noch nicht veröffentlicht, da wir über diese erst beim zweiten Treffen am Donnerstag, 24.01. wieder um 20 Uhr in der AFRA sprechen und vervollständigen wollen.

Im Nachhinein zum Treffen hatte ich mehrere Gespräche mit Teilnehmern und weiteren Interessierten geführt, die am Abend nicht dabei sein konnten. Dabei entwickelte ich meine Gedanken weiter, was dieser Space bieten und für wen er eigentlich sein soll. Oder eher gesagt, ich kann meine Wünsche konkret formulieren.

Ruhige Mitmacher

Mir geht es besonders darum, dass auch die ruhigeren Mitmacher* ihre Meinungen und Wünsche mitteilen können. Die mir bisher bekannten Orte haben Mitmachstrukturen entwickelt, in denen die Lautesten das Sagen haben. Ähnlich wie bei Hühnern etabliert sich eine Hackordnung und letzten Endes werden die Aktivitäten in diesem Space von nur wenigen geleitet.

Dass eher ruhigere Mitmacher* das Wort nicht ergreifen, kann diverse Gründe haben. Sei es durch negative Erfahrungen in der Vergangenheit, da sie bei einer Meinungsbildung mit starken Worten nieder gemacht wurden oder einfach deshalb, weil sie generell eher ruhigere Menschen sind. Möglicherweise lassen sich auch autistische Züge nicht ausschließen – und von solchen Menschen haben wir im technischen Umfeld sehr viele.

Diskussionsmethoden

Als eine Herausforderung sehe ich an, Methoden für Diskussionsrunden zu entwickeln. Beispielsweise beim wöchentlichen Plenum allen Anwesenden die Möglichkeit zum Mitreden bieten.

Damit möchte ich direkt beim kommenden Treffen anfangen und schlage vor, ein “Redeholz” rumzureichen. Dieses wandert immer im Kreis von Person zu Person und nur, wer das Holz in der Hand hält, darf reden. Antworten auf Fragen werden in der nächsten Runde beantwortet. Damit bekommt jede Person die Chance, auch ohne vergebliches Melden oder Reinbrüllen, aktiv an der Diskussion teilzunehmen. Das benötigt einen gewissen Grad an Disziplin und die Diskussionsstränge werden eher parallel ablaufen. Notizen machen wird hier von Vorteil sein.

Es gibt sicherlich noch andere Methoden, die ausgetestet werden können. Ich bin gespannt.

Toxin

Auch wenn ich grundsätzlich dafür bin, allen Interessierten eines Hack*spaces den Raum zum Mitmachen zu geben, ziehe ich meine Grenzen. Ich könnte jetzt hingehen und diverse gedankliche Schubladen von Personengruppen öffnen, mit denen andere Hack*spaces ihre (negativen) Erfahrungen gemacht haben. Doch ich versuche es mal mit einer allgemeineren Beschreibung:

Meine Akzeptanz für Menschen hört dort auf, wo andere Menschen in ihrem freien, konstruktiven Schaffen unterdrückt werden.

Wo die Grenze genau liegt und welche Maßnahmen bei Grenzüberschreitung ergriffen werden, möchte ich mir nicht allein anmaßen. Der Grenzverlauf wird ein steter Diskussionspunkt sein. Als Ziel definiere ich lieber das Vorleben eines guten, gemeinschaftlichen Miteinanders. Das ist ansteckend und führt zu Nachahmung.

Fehlerklausel

Der schwierigste Punkt wird sein, die von mir gestellten Forderungen selbst zu leben. Ich gehe davon aus, dass ich nicht ein Mal, nicht zwei Mal oder sogar nur fünf Mal daneben greife. Das wird häufig genug passieren. Aber daraus kann ich lernen – und noch viel besser, wenn ich auf den Fehltritt hingewiesen werde. Es ist ein Prozess und auch dieser gehört zum gemeinschaftlichen Miteinander.

Good Night Nerd Pride

…war der Titel eines Blogpost-Entwurfs, den ich zur Verabschiedung aus der Hacker-Szene wählte. Den Slogan sah ich während des 29. Chaos Communication Congress auf einem T-Shirt und ist zurückzuführen auf einen Blogpost von tante. Da dieser Blogpost kontrovers aufgenommen wurde, gibt es einige weitere Erklärungen zu den Reaktionen.

Ich wollte aussteigen aus der Hacker-Szene. Mit Beginn der dunklen Tage im Jahr 2012 stand ich immer wieder inmitten von diversen Diskussionen zum gemeinsamen Umgang. Meine Meinung verhärtete sich immer mehr dazu, dass die Punkte “Toleranz” und “Respekt” von denen am wenigsten gelebt werden, die sie am meisten fordern.

In diese “Hacker-Szene” bin ich an heutigen Maßstäben gemessen mit 17 Jahren erst sehr spät dazu gestoßen, das heißt, noch nicht mal mein halbes Leben. Aber dafür umso intensiver. Die späten 1990er waren dank Internet in jedem Kinderzimmer eine Art Aufbruch zu neuen Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung. Hier konnte ich endlich mal meine Qualitäten ausnutzen, für die ich in der Schule gerne als “der Professor” schmähend benannt wurde.

Im CCC e.V. habe ich Fuß gefasst. Aber nicht als einer der coolen Hacker, die Systeme auseinanderpflücken können. Sondern eher als jemand, der die Räume dafür schaffte. Räume, die Menschen zusammen bringen, um gemeinsam etwas großartigeres zu schaffen. Und selbst habe ich von den Leuten dort viel gelernt und mich selbst weitergebildet. Das entsprechende Skillset, um mich mit diesen Leuten, die einfach mal eine Menge mehr Wissen hatten als ich, auf nahezu gleichem Level unterhalten zu können, eignete ich mir im Lauf der Zeit an. Denn es gehörte dazu, technische Konversation zu pflegen.

Nach gut zehn Jahren in der Szene war ich zufälligerweise in der Entwicklung einer weltweiten Bewegung verstrickt, die heute als “Hackerspaces”* bekannt sind. Eigentlich war es nur die Zusammenstellung von Erfahrung für den Aufbau von Räumen zum Austausch und dem Zusammenbringen von Menschen mit ähnlichem technisch-kreativen Mindset. Und auch heute, mehr als fünf Jahre später, erhalte ich immer noch Anfragen aus aller Welt, bei Fragestellungen zum Aufbau von Hackerspaces behilflich zu sein.

CCC und Hackerspaces haben mein Leben begleitet. Es fällt mir schwer – nein, ich sträube mich dagegen – nach so langer Zeit das alles an den Nagel zu hängen. Und das aufgrund von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Szene, wie der Umgang miteinander aussehen soll. Es haben sich mehrere Blöcke herausgebildet, die jeweils ihre totalitäre Meinung zum Umgang miteinander vertreten – auch wenn die unterschiedlichen Meinungen oftmals gar nicht mal so weit voneinander entfernt sind. Ich kann die Meinungen der diversen Gruppen verstehen, aber ich kann sie nicht immer teilen. Und hier stehe ich zwischen den Stühlen, denn in jeder Gruppe gibt es Menschen, die ich persönlich mag und mit denen ich es mir nicht versauen will.

Für mich wurde immer klarer: ich kann mich nicht von der Szene trennen. Aber ich kann auch nicht die teilweise sehr stark eingefahrenen Strukturen ändern, ohne anderen auf die Füße zu treten. Mein Gefühl ist es, dass eins in den bestehenden Gruppen nur mitwirken darf, wenn ein gewisser Level an Respekt aufgebaut wurde. Neulinge ohne Referenz haben keine Chance.

Das brachte mich dann dazu, nach dem Interesse für einen weiteren Ort in Berlin zu fragen. Zumindest ein Ort, der denjenigen Menschen, die ähnliche Erfahrung mit den festgefahrenen Strukturen der bisherigen Hackerspaces erlebt haben, einen frischen Start zu geben.

Heute lernte ich dann einen neuen Begriff dafür kennen: “Baumhaus”. Da hat mir map doch einiges zu denken gegeben. Aus dem Text lese ich heraus, dass ein weiterer Ort mehr zur Verhärtung der Probleme führt als dass sie szeneweit gelöst oder zumindest angegangen werden. Und Recht hat er.

Was ein neuer Ort bieten kann, ist für eine gewisse Zeit einen gefühlt besseren Schutz vor Problemen in der Gruppe. Denn wenn eine Gruppe ein gemeinsames Ziel hat und auf dieses zustrebt, hält diese Gruppe zusammen. Diese Zeit wird rückwirkend betrachtet als die “beste Zeit” wahrgenommen, denn es war ein Zusammenhalt dabei, der Freundschaften hervorbrachte. Ist das Ziel erreicht und es folgen keine neuen, gemeinsamen Ziele, bilden sich Cliquen, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Nach einer gewissen Zeit treten Probleme auf, bei deren Diskussion immer häufiger fingerzeigend die Worte “die da” fallen. Der Kreislauf der Trennung und dem verfolgen von neuen Zielen beginnt erneut.

Eine einfache, schnelle Lösung aller Probleme des Miteinanders wird es nicht geben. Es sind eher viele, kleine Schritte notwendig, die uns wieder zusammenbringen. Und hier können – nein müssen – alle mitmachen und insbesondere wollen. Eine Herausforderung, die aber zu schaffen ist.

Zusammenfassung: Der Umgang in der technik-kreativen Szene ist angeknackst. Es fehlt an einem gemeinsamen Ziel, auf das wir hinarbeiten wollen.

Be excellent to each other!

*Heute benutze ich den traditionellen Begriff “Hackerspaces”, den ich sonst gegen die andere Form “Hack_Space” austausche, um darzustellen, dass zwischen dem “Hack” und ”Space” (Raum) mehr steht, als nur die Beziehung auf die Form des männlichen, technisch-affinen Nerds.