GenderCamp 2011

Vor inzwischen wenigen Wochen fand das GenderCamp in Hüll nahe der Elbe zwischen Hamburg und der Nordsee statt. Für die Fertigstellung dieses Artikels benötigte ich insgesamt mehrere Stunden, um einen umfassenden Überblick aus meiner Sicht zur Veranstaltung zu bieten. Dementsprechend ist der Artikel etwas umfangreicher geworden…

In meinen Event-Kalendar schrieb ich:

Durch meinen Bekanntenkreis der vergangenen zwei Jahre inspiriert, werde ich das (bereits ausgebuchte) Gendercamp besuchen. Ich bin noch etwas unschlüssig, mit welchen Erwartungen ich dort hin fahren werde. Auf jeden Fall habe ich Lust auf Diskussionen zu den Themen Gender, Queer und Netzkultur.

Allein durch die Beschreibung mit den Worten Das GenderCamp ist ein BarCamp rund um Feminismus, Queer, Gender und Netzkultur.” fühlte ich mich eingeladen, um neue Anregungen für die Kombination der Themen zu finden. Vom Gefühl her kann ich zu allem etwas beitragen.

Freitag

Da ich für meinen an das GenderCamp anschließenden längeren Berlin-Aufenthalt noch diverse Sachen packen musste, verzögerte sich die Abfahrt auf den frühen Nachmittag. Dementsprechend habe ich es nicht mehr zum einleitenden Plenum geschafft, in dem – wie sich später herausstellte – einige Umgangsregeln für das Wochenende erklärt wurden. Erst zum Abendessen war ich anwesend und rasselte quasi direkt in die erste Session namens “Konversationshach”.

Konversationshach

Eine nette Idee, wie sich die etwa 65 Teilnehmer_innen besser kennen lernen können. Es wurden auf den Tischen Zettel mit acht unterschiedlichen Fragen ausgelegt, um die sich immer etwa vier bis acht Personen gruppiert haben, um dann binnen 23 Minuten sich selbst vorzustellen und die Frage diskutieren.

Geschafft habe ich nur fünf von den acht Runden, die ich hier mal fett markiere.

  • Was für politische Utopien habt ihr?
  • Was macht ihr im Netz?
  • Wer seid ihr im Netz?
  • In was für welchen sozialen Netzwerken seid ihr angemeldet und was nutzt ihr am liebsten?
  • Wie seid ihr dazu gekommen, euch mit Genderdingsbums zu beschäftigen?
  • Wie seid ihr dazu gekommen, euch mit Netzdingsbums zu beschäftigen?
  • Was habt ihr zum GenderCamp mitgebracht? (Gegenstände, Fragen, Ideen …)
  • Was ist euer Lieblingskommunikationsweg? @-Reply, DM, eMail, Jabber, Brief, Telefon, F2F
Welche sind eure politischen Utopien

Es hat Spaß gemacht, mit diversen, teilweise bisher unbekannten Menschen, über Dinge zu diskutieren, die streckenweise arg privat sind und über die ich normalerweise nur mit meinen engsten Freunden reden würde. Post-Privacy-Debatte hin oder her, der Sprung über den eigenen Schatten hilft, um mehr von der Veranstaltung an sich zu haben. Das Kennenlernen verlief dadurch sehr gut und das ein oder andere eingebrachte Argument führte im Laufe des Wochenendes zu weiteren – sehr angenehmen – Diskussionen mit einzelnen Personen.

Problematisch für mich persönlich war der Umgang mit der korrekten Verwendung des Pronomens von Transgender. Eine Person mit dem gewählten Namen anzusprechen ist für mich das kleinere Problem; schließlich bin ich das mit Nicknames aus der Netzwelt gewohnt. Aber es ist etwas schwieriger herauszufinden, ob eine Person mit sie oder er angesprochen werden möchte. Da ich auch niemanden auf die Füße treten wollte oder zum x-ten Mal an einem Abend die Frage stellen würde, habe ich mich dazu entschlossen, nicht nachzuhaken. Stattdessen versuchte ich in der Diskussion meine Sprache zu ändern, um statt „sie/er hat gesagt“ die Person mit „Alice/Bob hat gesagt“ beim Namen zu nennen. Praktischer Nebeneffekt ist das Merken des Namens.

Die ersten vier Runden vergingen schnell. Danach war festzustellen, dass die Aufmerksamkeitsspanne bei einigen Teilnehmer_innen extrem nachließ.

Filme

Es wurde ein Filmabend angekündigt. Ich hatte irgend einen Actionthriller oder eine Romanze erwartet. Stattdessen wurden zwei selbstgedrehte Filme von Teilnehmer_innen präsentiert, die das Thema Feminismus anreißen. Wenn man mit dem Thema nicht so vertraut ist, lassen die Filme viele Fragen offen. Glücklicherweise konnte mit den Macher_innen direkt vor Ort darüber diskutiert werden.

Unsichtbar! Renee Butch & Renee King auf der Suche nach Renee Femme (von Jo Bucher, Marlen Jacob, Janna Joke Janssen, Christiane Wehr, Deutschland 2005, 15 min)

Ein filmischer Versuch zu queeren Identitätszuschreibungen mit Theorie als Ideengeberin und ein Bündel praktischer Erfahrung – inszeniert in einem peripheren Stadtraum. Eine No-Budget-Produktion.

(Beschreibung geklaut)

natürlich: kai (2006, gleiches Team, ca. 45min)

Kai Butch, Kai Femme und Kai King leben glücklich ihre polyamouröse Dreierbeziehung. Eines Morgens stellen sie fest: Kai Femme ist schwanger. Die Freude ist groß, und das Ereignis wird sogleich mit Freund*innen geteilt und gefeiert. Ein Partygast plaudert die Neuigkeit an die Presse aus. Die Frage „Wer hat gezeugt?“ ist für die drei Kais nicht von Bedeutung, jedoch die Öffentlichkeit beginnt sich für den Fall zu interessieren. Schnell wird die Geschichte von der „Schwangerschaft ohne männliches Zutun“ über die Medien verbreitet, von ihnen kommentiert und bearbeitet. Naturwissenschaftler*innen nehmen Stellung zu dem Phänomen der Femme, die offensichtlich von Kai Butch oder von Kai King geschwängert wurde. Die neuesten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse von Evolutionspsychologie und Genetik werden bemüht. Auf der Straße befragte Menschen äußern ihre Meinung und stellen Fragen. Eine Talkshow mit geladenen Spezialist*innen aus Kultur, Kirche, Rechtswissenschaft und einem Interessen-Verband geht den politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Konsequenzen dieses außergewöhnlichen Falls nach.

Kurz: Viele Leute versuchen, das Ereignis und seine Folgen für sich und ihre Zwecke in Anspruch zu nehmen…

(Beschreibung geklaut)

Samstag

Wer kam auf die blöde Idee das Frühstück auf 8:30 Uhr zu legen? Andererseits, der Tag bietet viel Programm. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn man früh anfängt.

Plenum

Das morgendliche Plenum mit anschließender Sessionplanung für den Tag. Alles zog sich etwas länger hin, aber irgendwie haben wir doch ein ansehnliches Programm für den Tag zusammengestellt gekriegt.

Mainstream-Räume vs. geschützte Räume

Die Frage war (ungefähr): Sollen sich Feminist_innen eher in geschützten Räumen zum Austauschen treffen oder ihre Ideen in Mainstream-Räumen (großen Veranstaltungen) nach draußen tragen?

Direkt zu Beginn der Session hatte ich von der SIGINT10 und des dortigen Panels “Women and Geek Culture – What’s the problem, guys?” berichtet. In meinen Augen war die SIGINT genau zum richtigen Zeitpunkt, denn das Thema köchelte bereits ein paar Wochen in der Netzwelt vor sich hin. Zu einem Ergebnis kam es auf dem Panel leider nicht, aber die Frage zum Umgang mit Frauen im Geek-Umfeld wurde erneut beleuchtet. In meinem hauptsächlich männlichen Bekanntenkreis wurde noch Wochen darauf immer wieder über das Thema geredet. Teilweise aber auch, da der Aufhänger (im wahrsten Sinne des Wortes) zur Polarisation beitrug. Eine weitere Betrachtung hatte damals mspro in seinem ctrl-verlust-Blog geschrieben.

Das Problem: Redner_innen auf Veranstaltungen machen sich direkt zur Zielscheibe für Alles. Alles bedeutet in diesem Fall, sowohl Anfeindungen, über Anregungen bis hin zu Fragen, um einzelne Sachen zu erklären. Kleine Veranstaltungen hingegen bieten den Vorteil, dass “unter sich” Themen vertieft ausgearbeitet werden können, ohne ständig die Grundlagen erklären zu müssen.

Problematisch ist das sehr umfangreiche Themenfeld des Feminismus. In der (deutschen) Öffentlichkeit wird der Begriff Feminismus oft mit Alice Schwarzer gleichgesetzt. Andere Strömungen sind selten bekannt. Passend dazu fiel in der Session der Satz:

Mein Feminismus ist nicht dein Feminismus.

Ein richtiges Ergebnis kam bei dieser Session nicht rum, jedoch einige Lösungsansätze, was optimiert werden kann. Als Lösungsideen für große Veranstaltungen wurde kurz besprochen, als Gruppe oder Team sprechen zu und sich vorab darauf zu einigen, wie auf die üblicherweise gestellten Fragen geantwortet wird. Als Hilfsmittel dazu wäre es sinnvoll, die englische Feminism FAQ (danke an Piratenweib für den Link in den Kommentaren!) zu übersetzen oder den Leitfaden der Friedrich-Ebert-Stiftung zu nutzen.

hatr.org Session I

Direkt im Anschluss lief eine Session zu hatr.org. Von dem Projekt hatte ich recht früh Wind gekriegt und war bei der Session im Grunde nur dabei, um ein wenig mehr über den Betrieb dieser Plattform zu erfahren. Zu der sehr guten Mitschrift noch ein paar von mir notierte Punkte:

  • Befreiungsschlag für Blogger, da Hass-Kommentare nicht gelöscht werden brauchen, sondern wiederverwertet werden
  • Der Durchstart fand kurz nach dem Release während der re:publica statt
  • Es ist ein mediales Beuteschema, da es populistisch wirkt – Zitat: „Bild-Zeitung des Feminismus“
  • Dazu ist es einfach der Presse zu erklären, denn Online-Journalisten kennen das Problem der Hass-Kommentare zu kontroversen Themen

Das Projekt an sich ist toll und wer es mag, kann und sollte es flattrn.

bausteln

Nach dem Mittag benötigte ich ein wenig Abwechslung mit bausteln, die Kombination aus Basteln und Bauen. Als Gründer von Hackerspaces und FabLabs wollte ich dazu eine Session einstreuen, um einen Austausch mit anderen FabLabbern durchzuführen. Es blieb jedoch bei der Idee, denn der Makerbot von Philip hat die Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Aber bevor es zum 3D-Druck mit dem Makerbot kam, hatten wir noch etwas “Zeit totzuschlagen”. Ein paar Anwesende wollten etwas mit einem Arduino machen, doch ich besitze keinen. Aber auf meinem Laptop waren diverse Tools für “Trockenübungen”, sodass ich eine kleine Show&Tell-Session abhielt.

Vorgestellt wurde das von der Fachhochschule Potsdam entwickelte Fritzing, ein wunderbares Tool für die Entwicklung auf Breadboards. Die ursprüngliche Idee dazu war eine Möglichkeit zu schaffen, Elektronikbastelprojekte zu dokumentieren. Denn oft reicht die Zahl der vorhandenen Breadboards oder Arduinos nicht aus, um alle Ideen umzusetzen oder mal länger liegen zu lassen, um zu einem späteren Zeitpunkt weiter zu machen. Mit Fritzing kann am Rechner die gesteckte Schaltung nachgebaut werden, um diese zu für einen späteren Zeitpunkt zu speichern. Sehr angenehm sind die weiteren Layouts, die produziert werden können: ein Schaltplan und ein PCB-Plan, um eine Prototyp-Schaltung in eine Serienreife zu überführen, sodass Platinen daraus hergestellt werden können.

Dann gab es noch einen kleinen Einstieg in die Arduino-Programmierung mit der Arduino-Software. Für mich ist es immer wieder etwas umständlich dieses Tool zu nutzen, da ich ursprünglich Mikrokontroller mittels Assembler oder direkt in C programmiert habe. Die Arduino-Software nimmt eine Abstraktionsebene ab und bietet ein “einfacheres C”, um schneller zu Ergebnissen zu kommen. Just in dem Moment, als ich ein einfaches LED-Blink-Programm erklärte, wurde ein Arduino vorbei gebracht, sodass wir das Programm direkt ausprobieren konnten.

Neben Arduino-Bausteln und dem 3D-Drucker wurden LED-Throwies zusammengesetzt. Das Prinzip ist einfach: Man nehme eine LED, eine Knopfzellenbatterie und einen kleinen Magneten, klebe diese mit etwas Gaffer zusammen und schon hat man eine leuchtende LED, die durch einen Wurf an metallische Gegenstände geworfen werden kann und dort haften bleibt. Es ist ein schönes Objekt für Streetart. LED-Throwies sah ich das erste Mal vor vielen Jahren während einer Gulaschprogrammiernacht in Karlsruhe, doch in den letzten Jahren wurden die Kosten für LEDs, Batterien und Magneten um einiges günstiger. Außerdem wurden die LEDs viel besser, sodass es heute schöne, große LEDs in angenehmen Farben gibt.

Zukünftige Gesellschaftsformen im Weltall

Nach Kaffee und Kuchen führte ich die von mir eingebrachte Session, um ein wenig Brainstorming zu betreiben, wie wir in Zukunft leben können. Die Idee dazu entstand zugegebenermaßen aus den Arbeiten zum “Space Program for the Hacker Scene”, aber empfand, dass dieses auf dem GenderCamp durchaus eingestreut werden kann, um insbesondere aus anderen Kreisen als nur den üblichen “Nerds” Inspiration zu finden. Als Motivation ist der Gedanke, dass jetzt zukünftige Gesellschaftsformen entwickelt werden, anstatt die heutigen Probleme mit in den Weltraum zu verschleppen.

Die Dokumentation beschreibt einen interessanten Wandel, der mich tatsächlich ein wenig verwundert hat. Der Zusatz Weltall wurde konkret gewählt, um die Abgeschiedenheit von der Erde zu demonstrieren. Dazu gehören insbesondere Ideen, wie in Raumschiffen, die zur Exploration des Weltalls unabdingbar sind, miteinander umgegangen werden kann und welche Bedingungen es braucht, damit eine Gesellschaft nicht zusammenbricht. Schließlich ist auf einem Raumschiff eine Gruppe von Menschen für einen langen Zeitraum zusammen, ohne dass sich eine Person für eine Zeit zurückziehen oder dieser Gruppe entfliehen kann. Die Diskussion führte weiter zu Generationsraumschiffen, bei denen eine Generation über die Bestimmung der zukünftigen Generationen entscheidet. Es kann sogar sein, dass manche Generationen niemals einen Planeten begehen werden und ihr gesamtes Leben auf einem Raumschiff verbringen.

Einen Schritt für eine bessere Gesellschaft bereits auf der Erde wurde durch ein weltumspannendes Datennetz (Internet) bereits getan. Dieses dient dem Völkeraustausch und der Diskussion. Das praktische dabei: jeder kann Empfänger und Sender sein. Der Nachteil liegt aber auf der Hand, denn um an diesem Netz partizipieren zu können, bedarf es an einer grundlegenden Bildung und dem Zugang zur Technologie. Das Fazit dieser Session ist gleichwohl verblüffend als auch einleuchtend:

Bevor eine neue Gesellschaftsform entwickelt und etabliert wird, muss erst die Grundlage in Form von Bildung (Lesen und Schreiben) beigebracht werden.

Boing Boom Tschak

Eine Party am Samstagabend darf nicht fehlen. Der Aufbau wurde zur Session, bei dem Philip und sv ihr DJ-Equipment erklärten und einen Grundlagenworkshop zum DJing anboten. Dazu kamen noch schicke Retro-Geräte wie ein Roland SH-101 und MC-303. Es wurde ein wenig rumgejammt, was dann in irgendwann in eine gemütliche Party überging.

Eingeschlafen bin ich zu Klängen von Rick Astley’s “Never Gonna Give You Up”…

Sonntag

Wieder ein frühes Frühstück, was ich dank Schlafbedürfnis noch so gerade eben mitgenommen habe.

Plenum

…oder der Beginn des Shitstorm? Zumindest kam es mir so vor. In Einzelheiten kriege ich es nicht mehr zusammen, deshalb der Versuch einer Kurzdarstellung, was vorgefallen war:

Es wurde im „Kummerkasten“ ein anonymer Brief vorgefunden, der vorgelesen wurde. Der Brief handelte vom Verhalten einiger Teilnehmer auf dem GenderCamp und dass sich der oder die Verfasser dadurch nicht wohl gefühlt hat.

Diskriminierungserfahrungen, Grenzüberschreitung, dominantes Redeverhalten, Unsicherheiten in Bezug auf Umgehen mit Wissensgefällen

Insgesamt war der Brief in einer eher wissenschaftlich-feministischen Weise geschrieben, sodass es „Quereinsteigern“ aus der Netzwelt in die Themen Feminismus und Queer nicht auf den ersten Blick ersichtlich wurde, welche Kritik und Absicht dieser Brief hat.

Dieses löste eine längliche Diskussion zu Verhalten aus. Ein Wort, das zwar schon öfters während des Camps fiel, aber insbesondere in dieser Session, war privilegiert. Dieses Wort bedarf einer genaueren Beschreibung, was ich zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Blog vornehmen werde.

Nach dem Plenum war meine Laune erheblich unten durch. Ich fühlte mich schlecht und in gewisser Weise schuldig, dass ich irgendwem durch mein Verhalten unbewusst auf die Füße getreten bin, mir mein Fehlverhalten aber nicht gesagt wurde. Hervorgerufen insbesondere dadurch, dass ich dank Bildung und Erziehung privilegiert bin und somit gewisse Probleme nicht wahrnehme. Die Aktion mit dem Brief fand ich anfänglich als Armutszeugnis und extrem feige, die Probleme in einer anonymen Art einzubringen und damit alle Anwesenden gleichsam in einen Sack zu stecken und draufzuknüppeln. Erst spätere Gespräche im Laufe des Tages relativierten meine Ansicht.

Ich hatte kurz darüber nachgedacht meine Sachen zu packen und einfach abzureisen. Es war gut, dass ich noch bis zum Ende blieb.

Queer und Kirche/Spiritualität

Eine kleine Session mit wenigen Teilnehmer war die bessere Wahl. Zu einem Thema, das mir sogar einigermaßen liegt, da ich in der Vergangenheit immer wieder mit Christen in Diskussionen zu Polyamory und Homosexualität geriet. Das Protokoll der Session gibt es nicht so ganz her, aber leider hatten wir während der Session nur Zeit, um eine Art Vorstellungsrunde mit dem Bericht der eigenen Erfahrungen durchzuführen. Zumindest wurde die Grundlage für eine Detailbetrachtung von Themen während eines zukünftigen GenderCamps gelegt.

Wunden lecken

Im Innenhof traf ich Joke und Steff, die ich beide erst seit dem GenderCamp kenne, aber die ich als sehr kompetente Ansprechpartner für eine Diskussion zum morgendlichen Plenum hielt. Es war eine sehr gute Wahl, mit beiden zu sprechen. Zufälligerweise hatten sie die Ergebnisse der spontan eingeschobenen (von mir aber nicht besuchten) Session zum Umgang mit dem Brief im Plenum dabei.

Mir wurde verständlich, dass der anonyme Brief möglicherweise der letzte Strohhalm von einer Person war, die Probleme in der Vergangenheit bereits viele Male angesprochen hat und es einfach Leid ist, sich wieder zur Zielscheibe für Kritik zu machen. Von daher ist dieses ein plausibles Mittel, dem Unmut Luft zu machen, auch wenn die Auswirkungen viele Teilnehmer getroffen hat.

Liste der Vorschläge und Ideen, an denen weitergearbeitet werden soll
Liste der Vorschläge und Ideen, an denen weitergearbeitet werden soll

Mit den entwickelten Ideen kann ich mich anfreunden und freue mich damit auf zukünftige Treffen. In den vergangenen vier Wochen vernahm ich bereits einige weitere Diskussionen auf Twitter und im IRC für die Entwicklung von Strategien. Es geht also vorwärts!

An dieser Stelle möchte ich mich bei Joke und Steff für die Zeit und die sehr gute Diskussion bedanken. Ihr habt mir echt geholfen, die Dinge aus einer anderen Sicht zu sehen.

Abschlussplenum

Nachdem meine Laune nun wieder etwas besser war, aber immer noch viel Stoff zum Nachdenken im Kopf herumkreiste, kam der nächste Schlag auf dem Abschlussplenum. Es wurde – ich verwende jetzt mal dieses Wort – darüber geschimpft, dass das GenderCamp so weit im Norden abseits von Allem stattfindet und somit nur einem privilegiertem Kreis (sic!) zugänglich ist, der in der Nähe wohnt oder sich Reisekosten erlauben kann. Eine ähnliche Veranstaltung Näher an Österreich wäre für einige Teilnehmer_innen (und indirekt weitere Personen, die sich die Reise nach Hüll nicht erlauben konnten) um einiges bequemer. Im gleichen Rundumschlag wurden mehr oder weniger regelmäßige Meetings wie die Genderbar in Hamburg (kann keinen Link setzen, da dieses ein Facebook-Event ist) oder das Queer Geeks and Naughty Nerds Treffen in Berlin kritisiert, da diese wiederum nur in den Großstädten stattfinden.

Während des Abschlussplenum habe ich dazu kein Wort gesagt sondern die Diskussion so weit wie möglich verfolgt, um die Gruppendynamik zu studieren. Deshalb sage ich es jetzt mit aller Deutlichkeit: Liebe Leute, macht eure eigene Veranstaltung! Ja, ich sage das so einfach und das mit Grund. Ich bin mit solch einer Aussage vor zehn Jahren selbst auf die Schnauze gefallen, als ich eine ähnliche Frage bezüglich des Easterheggs stellte. Im Jahr darauf durfte ich (glücklicherweise mit einer Hand voll Helfern) schauen, wie ich diese Veranstaltung in einer anderen Stadt organisiert kriegte.

Um mal ein paar Punkte einzuwerfen, warum das GenderCamp ausgerechnet in Hüll stattfindet: Zum einen liegt es am Organisationsteam, das größtenteils aus dem nahen Hamburg stammt. Das Veranstaltungszentrum ABC Hüll ist seit mehr als (wenn ich das richtig gesehen habe) zwei Jahrzehnten auf die Ausrichtung von „alternativen“ Tagungen getrimmt. Die Küche hat kein Problem damit, vegetarisch und vegan zu kochen. Es können Gelder aus öffentlichen Töpfen locker gemacht werden, um die Veranstaltung für die Teilnehmer_innen günstiger zu gestalten.

Aber all die Punkte sollen niemanden davon abhalten, GenderCamps oder andere Treffen dezentral zu organisieren. Die jetzigen Organisator_innen sind nicht aus der Welt und mittels Internet gut erreichbar. Auf deren Erfahrungen kann zurück gegriffen werden. Das einzige, was zu überwinden gilt, ist die eigene Bequemlichkeit.

Übrigens, wer die genannten Kritikpunkte nachvollziehen möchte, dem sei der Podcast “heiter scheitern Folge 31 live vom gendercamp” empfohlen. Dort wurde bereits einen Tag vor dem Abschlussplenum über die Lage des GenderCamps gesprochen.

Nachbereitung

Die kommenden Stunden und Tage waren immer wieder mit der Nachbereitung des Wochenendes durchzogen. Sei es die lange Rückfahrt von Hüll nach Berlin zusammen mit johl, mit dem ich sehr detailliert über das Thema Privilegierung sprechen konnte; sei es das Queer Geeks and Naughty Nerds Treffen in Berlin; oder seien es diverse Diskussionen im Netz via Twitter oder IRC. Das GenderCamp hat aus meiner Sicht einen Stein ins Rollen gebracht. Wohin dieser rollt ist aktuell etwas unklar, aber die Richtung können wir mitbestimmen.