Testpilot

Nachdem ich die vergangenen Wochen über den bevorstehenden 28. Chaos Communication Congress schrieb, wende ich mich wieder einem persönlichen Thema zu. Nachdem mich Freunde, Bekannte und Kollegen immer häufiger darauf ansprachen, dass ich im Büro mal kürzer treten sollte, machte ich mir intensiver Gedanken dazu.

Neuer Job, neue Aufgaben

Vor elf Wochen trat ich einen neuen Job an. Inzwischen kann ich sagen, dass die Einarbeitungszeit vorbei ist und ich voll im Team mitarbeiten kann. Bereits bei der Einstellung war mir klar, dass das Primärziel die Fertigstellung des Produkts und das Verlassen der Beta-Phase sein wird – und dass bis dahin noch einiges zu tun ist. Der Druck war hoch, denn dieses Ziel sollte noch dieses Jahr erreicht werden. Am vergangenen Donnerstag war es so weit und das Unternehmen ging aus der Erprobungsphase raus und hinein in den offenen Markt mit zahlenden Kunden.

Doch in den  vergangenen sechs Wochen war viel Arbeit zu erledigen, um dieses Primärziel zu erreichen. Drei Wochen nachdem ich meinen Job auf nahm wurde ein Schichtplan eingeführt, um für die bereits vorhandenen Beta-Kunden einen Support zu gewährleisten. In einer Gleitzeitregelung konnte dieses nicht mehr gewährleistet werden. Auch wenn ich vom Chronotyp her eine Eule bin, übernahm ich die Frühschicht ab 8 Uhr morgens. Theoretisch hieße es, dass ich dann inklusive Mittagspause um 17 Uhr Feierabend machen kann. Doch häufig hatte ich noch offene Aufgaben und blieb länger im Büro, um diese fristgemäß abzuschließen. Das hätte ich in der gegebenen Zeit geschafft, wenn nicht plötzliche Probleme aufgetreten wären, die alles in die Länge zogen. So kam es mehrmals vor, dass ich morgens der Erste und abends der Letzte im Büro war. An Schichten von zwölf Stunden am Stück hatte ich mich bereits gewöhnt.

Das Faszinierende dabei: Es macht mir Spaß! Es ist nicht der klassische Stress, der einen runter zieht, sondern es ist positiver Stress. Es ist schön, mit vielen Leuten an einem Produkt zu arbeiten und dieses hinterher so klappt wie man es sich vorgestellt hat. Oder Aufgaben abschließt, die das Primärziel in erreichbare Nähe rücken. Es ist ein herrliches Gefühl mit ein paar Mal auf die Tastatur einhacken 1000 CPU-Cores und ein paar Terabyte RAM gleichzeitig zum Leben zu erwecken, die nur darauf warten, Arbeit verrichten zu können.

Wichtig ist dabei die Planung der Aufgaben im Team und diese mit gegebenen Sekundärzielen argumentieren zu können. In den vergangenen Jahren kamen herrliche Managementmethoden wie Scrum oder Kanban auf. Testweise versuchte ich diese umzusetzen, doch da muss das gesamte Team mitspielen. Letzten Endes war der kleinste gemeinsame Nenner übrig geblieben: ein für jedermann editierbares Spreadsheet mit allen noch zu erledigenden Aufgaben. Agile Softwareentwicklungsmethoden sind für den Sysadmin-Bereich mit vielen spontanen Änderungen einfach nicht das Wahre.

Testpilot in der Produktentwicklung

Wenn ich von Kollegen gefragt wurde, warum ich trotz Rückschläge oder langer Arbeitszeiten weiterhin so motiviert dabei blieb, war meine Antwort: „Ich fühle mich als Testpilot. Das ist auf der einen Seite eine harte Aufgabe, aber auch ein gewisser Nervenkitzel dabei und hinterher die Freude, wenn alles geklappt hat!“ Okay, das mag zwar ein wenig überzogen sein, denn als Admin braucht man kein lebensgefährdendes Risiko befürchten. Aber die Eigenschaften eines Testpiloten sind nicht weit entfernt von denen eines Admins, der ein neues Produkt auf den Weg zur Veröffentlichung bringt.

Die deutsche Wikipedia nennt folgende Eigenschaften als Vorraussetzung für einen Testpiloten:

  • Die Fähigkeit, ein vorgegebenes Testprogramm zu verstehen und es mit höchstmöglicher Präzision umzusetzen,
  • die Fähigkeit, jeden Test genau und umfassend zu dokumentieren,
  • ein ausgezeichnetes Gespür für das Fluggerät und die Fähigkeit, ungewöhnliche Verhaltensweisen des Fluggeräts während eines Tests genau zu analysieren,
  • die Fähigkeit, Probleme mit dem Fluggerät während eines Tests schnell zu lösen, und
  • die Fähigkeit, mit vielen (schiefgehenden) Dingen gleichzeitig fertigzuwerden (Multitasking).

Beim allerersten Testflug wird man wohl kaum den Steuerknüppel voll durchdrücken oder direkt einen Looping mit dem Fluggerät hinlegen, sondern es wird erst geschaut, ob das Fluggerät überhaupt fliegt und wieder heil zum Boden runter kommt. So auch in der Softwarewelt. Zuerst wird ein Grundprodukt fertiggestellt. Sobald dieses stabil läuft, kann es intensiv getestet werden. Dann wird das Produkt um Features erweitert, die es besser machen – wieder gefolgt von diversen Tests. Oder es muss nachgebessert werden. Dabei muss die Hardware die ganze Zeit beobachtet und im Zweifel eingegriffen werden, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen droht. Aber letzten Endes ist es ein herrliches Gefühl, wenn alles funktioniert und viele vorher definierte Checks als positiv dokumentiert werden können!

Nebeneffekte der Frühschicht

Eine Beobachtung, die ich nebenbei führte, waren die positiven Effekte der Frühschicht. Wie vorher bereits genannt, bin ich eigentlich eher der Chronotyp Eule, der lange auf bleibt, um dann am nächsten Morgen viel zu spät aufzustehen. Das hatte sich erst im Studium ergeben, als ich nur für mich selbst verantwortlich war, dass ich zu den Vorlesungen gehe. Fehlzeiten wurden nicht notiert – im Gegensatz zur Schulzeit. Dort begann in der Oberstufe der Unterricht bereits um 7:30h, was für mich hieß, um 5:15h aufzustehen und den Bus um 6:14h zu nehmen (selbst 13 Jahre später weiß ich noch diese Uhrzeit sehr genau…). Durch meine aktuelle Verantwortung gegenüber Kunden erreichbar zu sein, stehe ich freiwillig früh auf, um mir größeren Ärger zu ersparen.

Dadurch, dass ich jetzt in der dunklen Jahreszeit alle Sonnenstunden des Tages mitnehmen kann, fühle ich mich um einiges wohler.  Vom sonst üblichen “Winter Blues” (ein übrigens großartiger Artikel von Frank Rieger zu Maßnahmen gegen den Winter Blues) ist nichts zu spüren. Hinzu kommt, dass ich in der Mittagspause nach dem Essen gerne noch eine halbe Stunde spazieren gehe – vor allem, wenn die Sonne scheint. In dieser Zeit kann ich auch noch mal in Ruhe über die nächsten Schritte nachdenken, die ich ausführe, wenn ich zurück im Büro bin.

Aber es gibt auch einige negative Nebeneffekte der Frühschicht, insbesondere, wenn es zu einer “Doppelschicht” von 16 Stunden im Büro raus läuft. Die letzten sechs Wochen habe ich (bis auf gelegentliche Wochenendtouren) Freunde vernachlässigt, habe kaum Abendveranstaltungen zum technischen Austausch besucht und ließ mein Mitwirken bei den 28C3-Vorbereitungen sehr weit links liegen. Es ging sogar so weit, dass ich nicht zum Einkaufen kam, da ich vor Ladenöffnung die Wohnung verließ und erst nach Ladenschluss wieder zurück kam. Es gab Tage, an denen ich das Mittagessen ausfallen ließ, was mein Körper am späten Abend mit vollkommener Nahrungsverweigerung strafte. Es gab Wochen, in denen ich nicht mehr als fünf Stunden Schlaf die Nacht abbekam, was in einer erhöhten Koffeindosis endete. Die Entwöhnung vom Koffein wird noch ein harter Schritt werden.

Es war eine Periode von viel Arbeit in diesem Jahr. Für mich war klar, dass ich diese bis zum Release durchziehen werde. Und auch jetzt nach dem Release gibt es viel zu tun, doch das werde ich jetzt etwas gemächlicher angehen, damit ich wieder andere Menschen als nur meine Kollegen sehen werde und wieder etwas von dem Real Life außerhalb des Tunnels um mich rum mitkriege.