Die Hackerethik als Ursache/Auslöser für Depression

Vor einigen Wochen unterhielt ich mich sehr lange mit punycode. In dem Gespräch ging es unter anderem über Depressionen und dem in letzter Zeit immer häufigeren Auftreten in der Hacker-Szene. Wir sprachen über das Geeks and Depression Panel auf dem 28C3 und darüber, dass Hacker sich immer tiefer und tiefer in die Technik reinknien anstatt mal Pause zu machen. Viele sind Perfektionisten, wollen ihre Arbeit immer noch ein Stückchen verbessern, wollen alles verstehen und keinen einzigen Punkt auch nur ansatzweise offen lassen. Die Scham darüber, an einer Stelle versagt zu haben, ist extrem groß. Außerdem will man der erste sein, etwas fertig zu stellen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dort spielt der Respekt aus der Szene mit ein, um ein besseres Standing zu haben und sich in der Gruppe Willkommen zu fühlen.

Plötzlich fiel uns die Hackerethik als Grundlage des Miteinanders in der Szene ein. Insbesondere der Satz

Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut, und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Herkunft, Spezies, Geschlecht oder gesellschaftliche Stellung.

Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut. Im Umkehrschluss liest es sich: Ohne dass ein Hacker etwas “gehackt” hat, kann keine Beurteilung stattfinden und damit keine Akzeptanz von anderen Hackern oder der Gruppe finden. Der Wunsch nach Anerkennung ist groß, bis hin zur Selbstaufgabe für den ersten Hack und danach immer mehr, um weiterhin die Akzeptanz zu bewahren. Es ist eine ständige Jagd nach neuen Aktivitäten.

Schaue ich mich auf den großen Hacker-Veranstaltungen um, so sind viele Vorträge von immer wieder den selben Leuten. Fast jedes Mal haben sie ein neues Thema im Gepäck, das sie vorstellen. Dadurch leben sie einen schnellen Stil vor, den andere Hacker beeinflusst, ihnen nachzueifern. Auch wenn dieser Stil Ansporn für andere Hacker ist, so stehe ich persönlich diesem sehr kritisch gegenüber, da dieses unter anderem der Auslöser für  eine Depression sein kann. Nicht jeder kann es sich leisten, Tag und Nacht um die Ohren zu schlagen, um so schnell wie möglich ein neues Thema in der Tiefe zu bearbeiten, wie die Messlatten der Community es erfordert. Nicht jeder kann wochenlang wissenschaftlich arbeiten und gleichzeitig soziale Kontakte pflegen, die für Ausgleich sorgen.

Die Übersetzung der Hackerethik des CCC war eine der ersten deutschen Übersetzungen und bereits zu BTX-Zeiten online nachzulesen. Sie wurde sehr frei übersetzt, denn im Englischen Original von Steven Levy heißt es:

Hackers should be judged by their hacking, not criteria such as degrees, age, race, sex, or position

Der größte Unterschied hier ist, dass er sich ausschließlich auf das Hacken und nicht wie in der Übersetzung des CCC auf alle Taten bezieht. Ethisch betrachtet ist die Übersetzung des CCC besser, da ein Mensch für sein gesamtes Handeln und nicht nur für die Hacks beurteilt werden soll.

Egal ob Originaltext oder Übersetzung, dahinter befindet sich ein System der Meritokratie, welches nicht nur in Hackerkreisen sondern in unserer Leistungsgesellschaft ständig anzutreffen ist. Hat man etwas geleistet, erhält man einen besseren Stand in der Gesellschaft und damit auch Zugang zu Gütern oder Wissen.

Die Fragen, die seit dem ersten Gespräch immer wieder in meinem Kopf kreisen und die ich bisher noch nicht beantworten konnte, sind:

  • Wie kann die Spirale des gegenseitigen Übertreffens gestoppt oder zumindest verlangsamt werden, sodass niemand zurückgelassen wird?
  • Wie vermittelt man Hackern mit Depressionen, dass sie Opfer der Anforderungen an die Hackerethik und damit der Leistungsgesellschaft geworden sind?
  • Wie bringt man einem Hacker bei, dass sie/er so, wie sie/er ist, Willkommen ist?

In Memoriam: Chris

Vor etwas mehr als sechs Jahren tauchtest Du bei einem OpenChaos im Kölner CCC auf. Wir sind nach dem Vortrag ins Gespräch gekommen. Du wolltest etwas mehr mit dem CCC zu tun haben, nachdem Du in den Jahren davor diverse Veranstaltungen wie die BlackHat oder DEFCON in den USA besucht hattest. Und Du hattest Lust zum EasterHegg 2006 nach Wien zu fahren, da Du eh einen Servertransport für einen Deiner Kunden dorthin durchzuführen hattest. Ich nahm Dein Angebot der Mitnahme an und so fuhren wir die knapp 1000km über Nacht in zehn Stunden nach Wien. Meinen ersten Kaffee in Wien habe ich mit Dir in einem Serverraum getrunken.

Das war unsere erste gemeinsame Fahrt von vielen weiteren. Es gab Zeiten, da hatte ich kein Auto und Du kein Geld für Benzin für die “EU-LE”. Aber gemeinsam konnten wir dann doch die Veranstaltung besuchen, zu der wir hin wollten. Die vielen Gespräche mit Dir auf den Fahrten waren nicht immer einfach. Zu anderen Zeiten habe ich unser stundenlanges Anschweigen oder der Musik zuhören genossen, da wir uns nicht ständig unterhalten brauchten. Wir haben uns auch ohne Worte verstanden.

Es gab Zeiten, da hast Du die Stellung im C4 gehalten, wenn Du keine Lust hattest, die 42km nach Euskirchen zu fahren. Du warst einfach da und hast heimlich den Kühlschrank mit Mate befüllt, damit die nächsten Clubber wieder etwas kühles zu trinken haben. Immer wieder brachtest Du Hardware mit in den C4, die unter anderem für das U23 genutzt wurde oder die Xbox für den Konsolenstrang, an der Du im Club mehr spieltest als sie noch daheim stand. Manchmal warst Du im Club etwas proaktiv und konfiguriertest etwas um, wo andere den Nutzen nicht draus gesehen haben. Es war aber nie Dein Anliegen, etwas kaputt zu machen. Fehler tauchen halt auf.

Im Sommer 2006 haben wir für die Amateurfunk-Prüfung gebüffelt und sind gemeinsam in die Prüfung gegangen. Du hattest übelst geschwitzt, dass Du in die Nachprüfung musstest, aber bist mit Erfolg raus gekommen. Das Funken wurde für Dich ein neues Hobby. Ich habe Dein Gesicht vor Augen, wie Du nach einer Stunde in QSOs mit rot glühenden Ohren, aber einem dicken Grinsen am Funkgerät sitzt.

Viele Leute haben Dich nicht persönlich gekannt, da Du ganz viel im Hintergrund gemacht hast, wie im Nachruf des CCC zu lesen ist. Du warst eine ehrliche Haut. Auf Dich war Verlass, egal wie übermüdet Du warst, weil Du wieder mal rund um die Uhr für eine Veranstaltung des CCC gearbeitet hast. Wenn Du andere glücklich machen konntest, hast Du alles gegeben. Für Freunde hast Du Dein letztes Hemd gegeben und wenn Du gebraucht wurdest, warst Du einfach da.

Ab und zu, als ich noch in Köln wohnte, hatte ich Dich daheim besucht. Wir saßen dann zusammen in Deinem Wohnzimmer und schauten Snowboard- oder BMX-Videos. Wir unterhielten uns über den CCC, über das Funken und auch über Arbeit. Die Wirtschaftskrise hatte Dich erwischt. Du erzähltest mir, dass Du Dich seit Tagen von Zwieback und Leitungswasser ernährt hattest, da einfach kein Geld da war, obwohl Du dauerhaft versuchtest, neue Aufträge zu erhalten. Dass es Dich sehr bedrückte, konnte ich sehen und sagte es Dir. Wir versuchten gemeinsam Lösungen zu finden, wie Du wieder ein sorgenfreieres Leben führen konntest. Und manchmal sind wir auch wegen dieses Themas aneinander geraten, doch unsere Funkstille war nie von langer Dauer. Freunden vergibt man und gelegentlich brauchen harte Worte etwas Zeit bis sie verstanden werden.

Im vergangenen Jahr bist Du für einen dauerhaften Job in die Mainmetropole Frankfurt umgezogen – und ich nach Berlin. Wir sahen uns nicht mehr so häufig wie früher in Köln. Aber Du warst einfach bei jeder größeren CCC-Veranstaltung dabei. Darauf war Verlass und so konnten wir mal bei einer Mate darüber quatschen, wie es jedem so geht.

Dann hörte ich, dass Du kurz nach dem letzten Chaos Communication Congress mit Verdacht auf Schlaganfall in eine Klinik in Frankfurt eingeliefert wurdest. Aus den letzten Gesprächen mit Dir konnte ich raushören, dass Du am Ende Deiner Kräfte warst und die Existenzangst Dich weiterhin bedrückt. Der Weg in eine unbeschwerte Zukunft war zu weit zugestellt, als dass Du einen klaren Blick hattest. Du warst einfach fertig mit allem.

Da ich mit meinem eigenen Umzug zu sehr beschäftigt war, schaffte ich es nicht, Dich einfach mal zu besuchen. Aus unserem gemeinsamen Bekanntenkreis wusste keiner, in welcher Klinik Du überhaupt liegst. Ich habe die Vermutung, dass Du Deine letzten beiden Monate sehr einsam auf der Intensivstation verbracht hast.

Am vergangenen Freitagnachmittag erhielt ich von Macke eine SMS: “Ich bekam eben [vom DARC] die Nachricht, dass hotshot verstorben ist. Weisst Du mehr?” In dem Moment konnte ich es einfach nicht glauben, aber es passte zusammen. Du hast den Kampf um Deine Gesundheit mit 35 Jahren verloren.

Der DARC e.V. erhält meines Wissens nach Sterbemitteilungen direkt vom Amt, da der Verein überaltert und sehr häufig mit versterbenden Mitgliedern zu tun hat. Der Verein wird sich auch nicht die Blöße geben, eine Sterbemitteilung fälschlich zuzusenden. Aber richtig begreifen konnte ich es für einige Tage nicht. Schließlich bist Du immer noch im IRC online. Du schreibst nur nichts mehr. Das Traurige dabei ist, dass wir über diesen Weg von Deinem Tod erfahren mussten, anstatt, wie es für mein Verständnis üblich ist, über Freunde, die in Deiner Nähe waren. Wir kennen noch nicht mal Dein genaues Sterbedatum.

Mir bleibt nur die Erinnerungen an die vielen Momente mit Dir in den vergangenen Jahren. Und die Gewissheit, dass keine neuen Momente hinzu kommen.

Wo auch immer Du nun bist, ich gehe davon aus, dass es Dir jetzt besser geht.

Du wirst mir fehlen, Chris.

Event-Kalender 2012

Der Frühling hat begonnen und wie im vorigen Jahr stelle ich meinen Event-Kalender für zu besuchende Veranstaltungen zusammen. Bemerkenswert ist, dass so gut wie alle Termine schon zum Jahresende 2011 fest standen. Los geht es mit ein paar Veranstaltungen, die bereits vorbei sind, aber der Vollständigkeit halber hier mit gelistet.

4.–5. Februar: CCC e.V. Mitgliederversammlung in Wiesbaden

Eine außerordentliche Mitgliederversammlung des CCC e.V. in Wiesbaden. Steht im Kalender mit drin, da diese inzwischen eine Größe von mehr als 100 Personen angenommen hat und über zwei Tage geht.

10.–11. März: Planungstreffen für den Chaos Communication Congress in Berlin

Eine zweitägige Diskussions- und Planungsveranstaltung zur Zukunft des Chaos Communication Congresses.

17.–18. März: Chemnitzer Linux-Tage in Chemnitz

Nach drei Jahren wieder dabei gewesen, wenn auch nur für einen Tag. Von Berlin aus ist Chemnitz nicht so weit entfernt, sodass ein Tagesausflug gereicht hat.

6.–9. April: EasterHegg in Basel

Das EasterHegg findet zum 12. Mal statt. Dieses Jahr in der Schweiz, in Basel.

21. April: C4-Einweihung in Köln

Der Chaos Computer Club Cologne ist umgezogen. An diesem Tag werden nach einem halben Jahr Umbauarbeiten die neuen Räume offiziell eröffnet.

2.–4. Mai: re:publica 12 in Berlin

Im Vorjahr war ich zum ersten Mal dabei, dieses Mal als Speaker. Der Vortrag dreht sich um das Konzept “Dingfabrik+” – Das Fablab als Teil der urbanen Infrastruktur. Der Ort der Veranstaltung ist ein anderer und ich gehe davon aus, dass meine ärgsten Kritikpunkte des vergangenen Jahres damit beseitigt werden können.

17.–20. Mai: Gendercamp in Hüll ein ganzes Stück hinter Hamburg

Wäre ich gerne wie letztes Jahr wieder hin gefahren, aber war schnell ausverkauft und es liegt leider parallel zur SIGINT12.

18.–20. Mai: SIGINT12 in Köln

Nach 2009 und 2010 findet wieder die SIGINT statt: “Eine Konferenz für Hacker, Netzbewohner und Aktivisten.” Mein Vortrag (der gleiche wie bei der re:publica) ist bereits angenommen.

25.–27. Mai: BerlinSides in Berlin

Die BerlinSides (b-sides) fanden bereits 2010 und 2011 parallel als Zusatzveranstaltung zum Chaos Communication Congress statt. Jetzt füllt sie den Raum der weggefallenen ph-neutral.

7.–10. Juni: GPN12 in Karlsruhe

Meine Lieblingsveranstaltung unter den kleineren CCC Regionalveranstaltungen. Mit der GPN ist viel Basteln und Spaß verbunden. Leider wohne ich inzwischen in einem Bundesland an dem der Fronleichnam kein Feiertag ist und Karlsruhe weit weg liegt. Aber die GPN ist ein Muss und ich werde dort hin fahren! Geplant habe ich einen Vortrag zu Raumschiffen in Science und Fiction.

2.–7. August: ICMP6 in Münchsteinach

Eine Woche Campen auf dem heiligen Acker vor Club-Mate Loschers Brauerei. Die ICMP 1–5 hatte ich alle besucht und eventuell wird dieses wieder mein Jahresurlaub im schicken Steigerwald.

10.–12. August: evoke in Köln

Seit 2001 besuche ich die Democoder-Party evoke und habe sie bisher nur in den Jahren ausfallen lassen, bei denen das Chaos Communication Camp parallel lag. Steht noch ein wenig unsicher im Kalender, aber Interesse habe ich schon.

25.–26. August: FrOSCon in Sankt Augustin

Die Free and Open Source Conference im gemütlichen Sankt Augustin zwischen Köln und Bonn. Bisher war das ein Heimspiel, dieses Mal wird die Anreise weiter sein.

7.–9. September: MRMCD in Darmstadt

Eine der kleineren, aber recht regelmäßigen CCC-Veranstaltungen. Meistens die letzte im Jahr, in der man noch mal nachts draußen Party machen kann.

13.–14. Oktober: Datenspuren in Dresden

Da Dresden von Berlin aus in Tagesausflugsreichweite liegt, ist ein Besuch ziemlich sicher.

27.–30. Dezember: 29. Chaos Communication Congress in Berlin

Ganz traditionell findet der 29. Chaos Communication Congress in Berlin statt. Für mich der 14. Congress in Folge.

Weitere Veranstaltungen

Zu den vielen bereits verplanten Wochenenden kommen sicherlich noch kleinere, eher spontane Veranstaltungen und unter der Woche diverse Vorträge. Berlin macht es nicht einfach, denn in dem Umfeld in dem ich mich bewege, gibt es immer wieder Interessantes zu sehen. Ob in der c-base, im Berliner CCC, der Raumfahrtagentur oder sonstwo – an Themen mangelt es nicht, um sich fortzubilden und neuen Input zu erhalten.

Falls doch mal an einem Wochenende keine Veranstaltung stattfindet, so plane ich diverse Tagesausflüge in das Berliner Umland, damit ich die Gegend besser kennen lerne. Es gibt viel zu entdecken!