Hackerspace ≠ Mackerspace

Vergangenen Mittwoch lud ich zu einem ersten Treffen für einen weiteren Hacker_Space in Berlin ein. Die Notizen zum Treffen sind noch nicht veröffentlicht, da wir über diese erst beim zweiten Treffen am Donnerstag, 24.01. wieder um 20 Uhr in der AFRA sprechen und vervollständigen wollen.

Im Nachhinein zum Treffen hatte ich mehrere Gespräche mit Teilnehmern und weiteren Interessierten geführt, die am Abend nicht dabei sein konnten. Dabei entwickelte ich meine Gedanken weiter, was dieser Space bieten und für wen er eigentlich sein soll. Oder eher gesagt, ich kann meine Wünsche konkret formulieren.

Ruhige Mitmacher

Mir geht es besonders darum, dass auch die ruhigeren Mitmacher* ihre Meinungen und Wünsche mitteilen können. Die mir bisher bekannten Orte haben Mitmachstrukturen entwickelt, in denen die Lautesten das Sagen haben. Ähnlich wie bei Hühnern etabliert sich eine Hackordnung und letzten Endes werden die Aktivitäten in diesem Space von nur wenigen geleitet.

Dass eher ruhigere Mitmacher* das Wort nicht ergreifen, kann diverse Gründe haben. Sei es durch negative Erfahrungen in der Vergangenheit, da sie bei einer Meinungsbildung mit starken Worten nieder gemacht wurden oder einfach deshalb, weil sie generell eher ruhigere Menschen sind. Möglicherweise lassen sich auch autistische Züge nicht ausschließen – und von solchen Menschen haben wir im technischen Umfeld sehr viele.

Diskussionsmethoden

Als eine Herausforderung sehe ich an, Methoden für Diskussionsrunden zu entwickeln. Beispielsweise beim wöchentlichen Plenum allen Anwesenden die Möglichkeit zum Mitreden bieten.

Damit möchte ich direkt beim kommenden Treffen anfangen und schlage vor, ein “Redeholz” rumzureichen. Dieses wandert immer im Kreis von Person zu Person und nur, wer das Holz in der Hand hält, darf reden. Antworten auf Fragen werden in der nächsten Runde beantwortet. Damit bekommt jede Person die Chance, auch ohne vergebliches Melden oder Reinbrüllen, aktiv an der Diskussion teilzunehmen. Das benötigt einen gewissen Grad an Disziplin und die Diskussionsstränge werden eher parallel ablaufen. Notizen machen wird hier von Vorteil sein.

Es gibt sicherlich noch andere Methoden, die ausgetestet werden können. Ich bin gespannt.

Toxin

Auch wenn ich grundsätzlich dafür bin, allen Interessierten eines Hack*spaces den Raum zum Mitmachen zu geben, ziehe ich meine Grenzen. Ich könnte jetzt hingehen und diverse gedankliche Schubladen von Personengruppen öffnen, mit denen andere Hack*spaces ihre (negativen) Erfahrungen gemacht haben. Doch ich versuche es mal mit einer allgemeineren Beschreibung:

Meine Akzeptanz für Menschen hört dort auf, wo andere Menschen in ihrem freien, konstruktiven Schaffen unterdrückt werden.

Wo die Grenze genau liegt und welche Maßnahmen bei Grenzüberschreitung ergriffen werden, möchte ich mir nicht allein anmaßen. Der Grenzverlauf wird ein steter Diskussionspunkt sein. Als Ziel definiere ich lieber das Vorleben eines guten, gemeinschaftlichen Miteinanders. Das ist ansteckend und führt zu Nachahmung.

Fehlerklausel

Der schwierigste Punkt wird sein, die von mir gestellten Forderungen selbst zu leben. Ich gehe davon aus, dass ich nicht ein Mal, nicht zwei Mal oder sogar nur fünf Mal daneben greife. Das wird häufig genug passieren. Aber daraus kann ich lernen – und noch viel besser, wenn ich auf den Fehltritt hingewiesen werde. Es ist ein Prozess und auch dieser gehört zum gemeinschaftlichen Miteinander.

Good Night Nerd Pride

…war der Titel eines Blogpost-Entwurfs, den ich zur Verabschiedung aus der Hacker-Szene wählte. Den Slogan sah ich während des 29. Chaos Communication Congress auf einem T-Shirt und ist zurückzuführen auf einen Blogpost von tante. Da dieser Blogpost kontrovers aufgenommen wurde, gibt es einige weitere Erklärungen zu den Reaktionen.

Ich wollte aussteigen aus der Hacker-Szene. Mit Beginn der dunklen Tage im Jahr 2012 stand ich immer wieder inmitten von diversen Diskussionen zum gemeinsamen Umgang. Meine Meinung verhärtete sich immer mehr dazu, dass die Punkte “Toleranz” und “Respekt” von denen am wenigsten gelebt werden, die sie am meisten fordern.

In diese “Hacker-Szene” bin ich an heutigen Maßstäben gemessen mit 17 Jahren erst sehr spät dazu gestoßen, das heißt, noch nicht mal mein halbes Leben. Aber dafür umso intensiver. Die späten 1990er waren dank Internet in jedem Kinderzimmer eine Art Aufbruch zu neuen Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung. Hier konnte ich endlich mal meine Qualitäten ausnutzen, für die ich in der Schule gerne als “der Professor” schmähend benannt wurde.

Im CCC e.V. habe ich Fuß gefasst. Aber nicht als einer der coolen Hacker, die Systeme auseinanderpflücken können. Sondern eher als jemand, der die Räume dafür schaffte. Räume, die Menschen zusammen bringen, um gemeinsam etwas großartigeres zu schaffen. Und selbst habe ich von den Leuten dort viel gelernt und mich selbst weitergebildet. Das entsprechende Skillset, um mich mit diesen Leuten, die einfach mal eine Menge mehr Wissen hatten als ich, auf nahezu gleichem Level unterhalten zu können, eignete ich mir im Lauf der Zeit an. Denn es gehörte dazu, technische Konversation zu pflegen.

Nach gut zehn Jahren in der Szene war ich zufälligerweise in der Entwicklung einer weltweiten Bewegung verstrickt, die heute als “Hackerspaces”* bekannt sind. Eigentlich war es nur die Zusammenstellung von Erfahrung für den Aufbau von Räumen zum Austausch und dem Zusammenbringen von Menschen mit ähnlichem technisch-kreativen Mindset. Und auch heute, mehr als fünf Jahre später, erhalte ich immer noch Anfragen aus aller Welt, bei Fragestellungen zum Aufbau von Hackerspaces behilflich zu sein.

CCC und Hackerspaces haben mein Leben begleitet. Es fällt mir schwer – nein, ich sträube mich dagegen – nach so langer Zeit das alles an den Nagel zu hängen. Und das aufgrund von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Szene, wie der Umgang miteinander aussehen soll. Es haben sich mehrere Blöcke herausgebildet, die jeweils ihre totalitäre Meinung zum Umgang miteinander vertreten – auch wenn die unterschiedlichen Meinungen oftmals gar nicht mal so weit voneinander entfernt sind. Ich kann die Meinungen der diversen Gruppen verstehen, aber ich kann sie nicht immer teilen. Und hier stehe ich zwischen den Stühlen, denn in jeder Gruppe gibt es Menschen, die ich persönlich mag und mit denen ich es mir nicht versauen will.

Für mich wurde immer klarer: ich kann mich nicht von der Szene trennen. Aber ich kann auch nicht die teilweise sehr stark eingefahrenen Strukturen ändern, ohne anderen auf die Füße zu treten. Mein Gefühl ist es, dass eins in den bestehenden Gruppen nur mitwirken darf, wenn ein gewisser Level an Respekt aufgebaut wurde. Neulinge ohne Referenz haben keine Chance.

Das brachte mich dann dazu, nach dem Interesse für einen weiteren Ort in Berlin zu fragen. Zumindest ein Ort, der denjenigen Menschen, die ähnliche Erfahrung mit den festgefahrenen Strukturen der bisherigen Hackerspaces erlebt haben, einen frischen Start zu geben.

Heute lernte ich dann einen neuen Begriff dafür kennen: “Baumhaus”. Da hat mir map doch einiges zu denken gegeben. Aus dem Text lese ich heraus, dass ein weiterer Ort mehr zur Verhärtung der Probleme führt als dass sie szeneweit gelöst oder zumindest angegangen werden. Und Recht hat er.

Was ein neuer Ort bieten kann, ist für eine gewisse Zeit einen gefühlt besseren Schutz vor Problemen in der Gruppe. Denn wenn eine Gruppe ein gemeinsames Ziel hat und auf dieses zustrebt, hält diese Gruppe zusammen. Diese Zeit wird rückwirkend betrachtet als die “beste Zeit” wahrgenommen, denn es war ein Zusammenhalt dabei, der Freundschaften hervorbrachte. Ist das Ziel erreicht und es folgen keine neuen, gemeinsamen Ziele, bilden sich Cliquen, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Nach einer gewissen Zeit treten Probleme auf, bei deren Diskussion immer häufiger fingerzeigend die Worte “die da” fallen. Der Kreislauf der Trennung und dem verfolgen von neuen Zielen beginnt erneut.

Eine einfache, schnelle Lösung aller Probleme des Miteinanders wird es nicht geben. Es sind eher viele, kleine Schritte notwendig, die uns wieder zusammenbringen. Und hier können – nein müssen – alle mitmachen und insbesondere wollen. Eine Herausforderung, die aber zu schaffen ist.

Zusammenfassung: Der Umgang in der technik-kreativen Szene ist angeknackst. Es fehlt an einem gemeinsamen Ziel, auf das wir hinarbeiten wollen.

Be excellent to each other!

*Heute benutze ich den traditionellen Begriff “Hackerspaces”, den ich sonst gegen die andere Form “Hack_Space” austausche, um darzustellen, dass zwischen dem “Hack” und ”Space” (Raum) mehr steht, als nur die Beziehung auf die Form des männlichen, technisch-affinen Nerds.

Ein weiterer Hack_space für Berlin

Um ehrlich zu sein, der Gedanke kreist schon länger in meinem Kopf rum. Es wäre für mich wieder an der Zeit, einen neuen Hack_space zu gründen. Und es kommt mir so vor, dass trotz der großen Dichte an Hack_spaces der Bedarf in meiner aktuellen Wohnstadt Berlin vorhanden ist.

Trotz der Motivation quälen mich einige Fragen, bei deren Beantwortung ich mir schwer tue.

Für wen?

Den Bedarf sehe ich insbesondere bei einigen, neu hinzugezogenen Bekannten, die arge Probleme haben, in den bestehenden, teils festgefahrenen Strukturen vorhandener Hack_spaces Fuß zu fassen. Derzeit scheint es auch Trend zu sein, diverse dieser alten Strukturen kritisch zu hinterfragen und abzulehnen. Eine “Veränderung von Innen” wird vor allem denen zuwider aufstoßen, die jahrelang einen Hack_space betreiben und sich im aktuellen Status wohl fühlen.

Grundsätzlich soll der Hack_space (ganz im Sinne der Hackerethik) inkludieren. Warum “grundsätzlich”? Nun, es gibt immer irgendwie Menschen, die das mit dem “gemeinsamen Miteinander” nicht so drauf haben. Das geht los mit Pöbeleien, führt über Sabotage, hin zu Selbstbedienung an Getränken oder direkt an der -kasse und sogar dahin, dass andere Personen den Raum erst gar nicht betreten, da eine unliebsame Person anwesend ist, aber keiner sich traut, sie rauszuwerfen. Zumindest ist das meine traurige Erfahrung nach vielen Jahren in diesen Kreisen. Die Frage ist hier eher, wo wird die Grenze gezogen?

Und dann sind da noch die Öffnungszeiten. Berlin lebt in der Kreativkultur eher auf der Zeitzone von New York. Dennoch gibt es arbeitende Bevölkerung, die abends nicht so lange auf bleiben kann, aber die gerne einen Hack_space besuchen kommen will, ohne kurz nach Türöffnung direkt wieder zu gehen.

Was soll der Space bieten?

Auch hier gehen die Ideen weit auseinander. Einzig einen Punkt höre ich von Sehnsüchtern nach einem neuen Hack_space immer wieder raus: rauchfrei. Tatsächlich ist das meiner Erfahrung nach einer der Punkte, die im Nachhinein nie wieder geändert werden können. Ein Hack_space muss von vornherein komplett rauchfrei sein oder es muss überall geduldet werden. Ein Zwischending, wie Raucherraum oder nur zu speziellen Veranstaltungen, wird niemals funktionieren. Dazu kommt, dass spezielles Material oder Maschinen nicht in Rauchnähe gelagert werden sollten. Das wären Textilien und Präzisionsmaschinen, auf denen sich der Rauch ablagert.

Zurück zur Frage: Platz und Gemütlichkeit. Also, Tische und Couches. Und ein Bällebad. Und eine Lötecke. Und ein 3D-Drucker. Und einen Lasercutter. Und eine große Küche mit Fritteuse und Eismaschine. Und eine Theke. Und noch mehr Platz, um eigene Basteleien zu lagern. Und einen Raketenstartplatz. Ach, so vieles… Das Beste aus allen bekannten Hack_spaces vereint.

Wo?

Berlin ist groß. Doch die meisten Interessierten wohnen innerhalb des S‑Bahnrings oder kurz dahinter. Aus dem Bauch heraus würde ich einen Ort entlang der südlichen U8-Achse vorschlagen, damit die Erreichbarkeit akzeptabel bleibt. Aber das sind Details und die Frage ist eher, wo überhaupt bezahlbare Räume zu finden sind.

Wer macht?

Tja. “Vun nix kütt nix”, wie man so schön sagt. Vor Jahren hatten wir (die Autoren der Hackerspace Design Patterns) die kritische Masse mit “2 + 2” beschrieben. Zwei mit einer Idee und zwei zum weiteren helfen, um dann ganz schnell auf 10 Mitwirkende zu kommen. Vermutlich hätten wir diese zusammen. Vielleicht sogar mehr, was dann eher zum TEAM-Effekt (toll, ein anderer macht’s) führt. Niemand fühlt sich mehr verantwortlich, eine Aufgabe zu übernehmen. Gibt ja noch mehr Mitwirkende und am Ende bleibt es wieder an den “üblichen Verdächtigen” hängen, dass der Hack_space läuft. Um es mit ganz böser Zunge zu sagen: es wird immer Personen geben, die keinen Handschlag machen und den Ort eher wie eine Kneipe mit Netzanschluss wahrnehmen werden. Auch das ist traurige Erfahrung.

Ich selbst hätte durchaus wieder Lust, einen neuen Ort zu schaffen. Aber nicht alleine, denn meine Zeit ist nicht mehr im Überfluss vorhanden und meine Energie nach acht Stunden täglicher Arbeit im Vollzeitjob auch nicht mehr. Ich wünsche mir Menschen, auf die ich mich verlassen kann, dass etwas zeitnah erledigt wird, da es dem gemeinsamen Ziel gilt, und wo ich nicht über den Zeitraum von mehreren Wochen nachtreten muss, um es dann selbst zu erledigen. Ach, schon wieder so viel traurige Erfahrung hier drin.

Wann geht es los?

Es ist wichtig, dass sich die Personen, die solch einen neuen Hack_space aufziehen wollen, vorab treffen. Insbesondere, um die “traurige Erfahrung” zu überwinden und die ersten vier Fragen zu beantworten:

  • Für wen?
  • Was soll der Space bieten?
  • Wo?
  • Wer macht?

Ich bin ja geneigt zu sagen, wir treffen uns in der abgestürzten Raumstation, aber das ist wie Salz in die Wunde streuen. Wer kennt einen neutralen Ort, wo so 10 bis 20 Personen an einem Tisch zusammen sitzen können, ohne dass laute Musik die Unterhaltung stört (mir schwebt da etwas von einer Art Hinterzimmer vor)? Im Sommer ließe sich so etwas schön im Park organisieren, aber jetzt im Winter müssen wir andere Wege finden.

Bis KW3 lässt sich sicherlich ein Ort finden, deshalb frage ich direkt nach dem besten Wochentag für ein erstes Treffen (die Umfrage bei dudle ist wohl irgendwie über Nacht kaputt gegangen, deshalb noch mal von vorne). Wenn Du trotz meiner Zweifel Interesse hast, trag Dich ein! Bei Fragen hinterlasse einen Kommentar oder kontaktiere mich auf einen der bekannten Wege.

Update:

Das Doodle hat gesprochen. Wir treffen uns am Mittwoch, den 16. Januar 2013 um 20 Uhr. Der Ort ist auch ausgewählt, die AFRA Berlin.

Die AFRA befindet sich in der Herzbergstr. 55 in Lichtenberg. Das ist zwar außerhalb des S-Bahnrings und trotz meiner ersten Zweifel sehr gut zu erreichen. Von der Ringbahnstation S Landsberger Allee fährt die M8 alle paar Minuten und von Friedrichshain oder vom S Lichtenberg aus die Tram 21. Aussteigen an der Station Herzbergstraße/Siegfriedstraße. Die Station ist direkt vor der Tür. Links vom Gebäude ist ein Durchgang in den Innenhof. Auf etwa der Hälfte des Hofs ist der Aufgang B (manchmal klemmt die Tür, aber wir schauen, dass sie angelehnt bleibt). Ab in den dritten Stock und in Raum 3.07, der mit Schildern beschriftet ist.