Alle Beiträge von Lars Weiler

Engineer in Mechatronics, Networker, Hackerspace-& Fablab-Consultant, CCC member, Ham Operator, Tux- & Apple-Fanboy, addicted to Caffeine

re:publica XI

Die re:publica XI ist jetzt zwar schon ein paar Tage her, dennoch möchte ich ein paar Worte dazu verlieren. Für mich ist es eher seltsam, dass ich das Veranstaltungsjahr nicht mit dem Easterhegg beginne – aber das fand dieses Jahr auch extrem spät statt.

Bisher kannte ich die re:publica nur aus der Berichterstattung und aus den Erzählungen von Bekannten, die dort waren. Da ich mir ein eigenes Bild machen wollte, habe ich bereits im November beim Ticketkauf zugeschlagen und noch eine der günstigen Karten ergattern können.

Den Besuch kombinierte ich mit einer Woche Aufenthalt in Berlin, um mit etwas Zeit andere Locations wie beispielsweise das betahaus mit dem angeschlossenen Fablab Open Design City anzuschauen. Für mich als Gründer der Dingfabrik in Köln neben dem Coworking Space Gasmotorenfabrik eine gute Entscheidung, um neue Ideen zu sammeln und den Austausch unter den Betreibern fortzuführen.

Bereits im Vorfeld zur re:publica fand ich es ein wenig schade, dass zwar aufgefordert wird, Vorträge einzureichen, aber außer einer automatischen Antwort, dass etwas eingereicht wurde, keine weitere Meldung mehr kam. So wusste ich schlicht nicht, ob meine Einreichung angenommen oder abgelehnt wurde – erst aus dem Programm konnte ich erkennen, dass es nichts wurde. In mehreren privaten Gesprächen wurde mir zugesteckt, dass man mit einem der Organisatoren mauscheln musste, um einen Vortragsslot zu erhalten. Aus meiner persönlichen Erfahrung zur Programmplanung beim Chaos Communication Congress oder der SIGINT kann ich berichten, dass wir wirklich jeder Einreichung eine Zu- oder Absage schreiben. An einer professionell durchgeführten Veranstaltung wie der re:publica habe ich den gleichen Anspruch.

Die re:publica war schlicht überlaufen. Viele Gesichter waren mir von CCC-Veranstaltungen oder eher kleineren Zusammentreffen wie Twittwochs oder ähnlichem in Köln bekannt. Man traf, grüßte sich und ging wieder auseinander. Ab und an blieb man ein paar Minuten gemeinsam stehen, wechselte wenige Worte, zu welchen Vorträgen man nicht mehr rein kam, weil alles überlaufen war oder was man sich noch ansehen möchte.

Denn der Besuch von Vorträgen war teilweise etwas schwierig. Der Friedrichstadtpalast ist zwar schön groß und bietet im großen Saal viele Plätze – nur wurde in meiner Wahrnehmung dieser exklusive Raum hauptsächlich für Vorträge der Sponsoren (im Programm als “Partner-Track” gekennzeichnet) verwendet. Also Marketing-Blah, auf das verständlicherweise wenige Lust hatten. Dementsprechend ging es in die benachbarte Kalkscheune, die viele kleine und mittelgroße Räume bietet. Das Problem hier waren eher die Zugänge zu den Räumen, die teils nur über kleine Holztreppen erreicht werden konnten. Außerdem ein eher übermüdetes („Ich sollte jetzt mal nach 30 Stunden Schlafen gehen“) und unfreundliches (gut, das ist in Berlin ja eh normal) extern eingekauftes Sicherheitspersonal, das gerne mal die Zugänge zumachte – auch wenn ich von den Speakern von verpassten Vorträgen hinterher erfuhr, dass sogar noch Sitzplätze frei gewesen wären.

Nachteilig war übrigens auch, dass es keine “Raumwechselpausen” zwischen den Vorträgen gab. Beim Chaos Communication Congress hatten wir in der Vergangenheit auch ohne Pausen gearbeitet und die Referenten gebeten, 10 Minuten früher aufzuhören. Hat sich aber kaum einer dran gehalten. Erst durch die Einführung von festen 15min-Pausen zwischen den Vorträgen ist es zu einer gewissen Entspannung gekommen, sodass man auch mal den Saal wechseln konnte, ohne etwas zu verpassen. Aber auch der Congress leidet unter einem viel zu großen Besucherandrang, weshalb es manchmal schwierig ist, noch in einen Saal rein zu kommen…

Generell ist dazu festzuhalten, dass es in Berlin augenscheinlich an einer Veranstaltungslocation fehlt, die für etwa 5000 bis 8000 Personen geeignet ist. Zumindest für den Chaos Communication Congress und die re:publica wäre hier Bedarf.

Netzwerk? Ich bin ja durchaus Veranstaltungsnetzwerke gewohnt und dass es dort mitunter etwas langsamer vor sich geht. Die WLAN-Abdeckung war erstaunlicherweise sehr gut. Aber ich habe schon lange nicht mehr ein DHCP NAK „no leases left“ vom DHCP-Server erhalten. Eine schnelle Analyse der herumfliegenden Daten ergab, dass ich nicht allein von dem Problem betroffen war und schlicht mit einem zu kleinen IP-Space gearbeitet wurde. Inzwischen hat nahezu jeder Teilnehmer mindestens ein IP-fähiges WLAN-Device dabei – ich kam mit iPhone, iPad und Laptop auf drei. Aber keines durfte connecten.

Wenn man schon keine Vorträge besucht, kann man sich die Zeit mit einem kleinen Event-Spiel verkürzen: Hornbrillen vs. Hipster-Hüte zählen. Ergebnis: Gleichstand. Dass es so viele Hipster-Hüte zu sehen gab, war wohl dem eher nassgrauen Wetter geschuldet.

Komme ich zu den Lichtblicken: So bin ich eher zufällig in den Vortrag Augmented Reality von Keiichi Matsuda geraten. Er zeigte zu Beginn ein Video, das mir seit einem Jahr sehr bekannt vorkam. Es stellte sich heraus, dass er dieses Video im Rahmen seines Studiums erstellt hat. Nach seinem Vortrag traf ich ihn noch vor der Tür und wir unterhielten uns kurz zum Chaos Communication Camp diesen Sommer. Daraus entwickelte sich eine längerer “Briefwechsel” via E-Mail. Ich bin gespannt, was er auf dem Camp zeigen wird…

Die re:publica zog recht viele Leute aus meinem Bekanntenkreis in die Stadt. Die Tage davor, danach und die Abende verbrachte ich in sehr angenehmen, kleinen Runden. Hier war die nötige Ruhe, um sich über diverse Themen auszutauschen oder besser kennen zu lernen.

Der Veranstaltung re:publica selbst kann ich in Zukunft getrost fern bleiben. Dennoch lohnt es sich zu der Zeit in der Stadt zu sein, um sich mit diversen Leuten zu treffen.

Easterhegg 2011

In den vergangenen Tagen fand in Hamburg das 11. Easterhegg statt. Da ich zu den wenigen Personen gehöre, die alle bisherigen Easterheggs besucht hat, ist es für mich quasi ein Muss, dieser Veranstaltung weiterhin treu zu bleiben. Doch dieses Jahr war irgend etwas anders, denn ich fühlte mich in gewisser Weise “unwohl”.

Diskussionskultur

In der Vergangenheit war das Easterhegg die “Familienveranstaltung” des CCC. Man traf sich in kleinerer Runde als auf dem Chaos Communication Congress, es wurde produktiv an Technik gearbeitet oder intensiv diskutiert. Waren es noch beim ersten Easterhegg knapp 150 Besucher, kamen zum diesjährigen mehr als 300 Personen. Dadurch, dass Ostern dieses Jahr sehr spät lag, hatten wir ein wunderbares Frühsommerwetter mit Temperaturen jenseits der 20ºC-Marke und die Veranstaltung verlagerte sich verstärkt vor die Tür statt sich in den Vortrags- und Workshopräumen zu tummeln. Am zweiten Tag waren dann auch die vormals im Gebäude befindlichen Couches vor die Tür geräumt und ein dauerhaftes Trink- und Kiffgelage hielt Einzug.

Es wurde zunehmend schwierig, eine Gruppe zu finden, in der ich mich intensiv zu einem Thema unterhalten konnte. Ständig kamen Leute hinzu oder andere gingen weg. Das führte dazu, dass anfänglich gute Diskussionen von offensichtlichen Pöblern gesprengt wurden, die alles darauf setzten, in irgendeiner Weise durch Coolness zu trollen. Der verstärkte Konsum leichter Drogen führte zu einer gewissen Lethargie alles etwas lockerer zu sehen und sich eher seichteren Themen zuzuwenden. Oder um es mit einem von Eleanor Roosevelt zugesprochenen Zitat auszudrücken:

Great minds discuss ideas. Average minds discuss events. Small minds discuss people.

Statt Ideen zu diskutieren wurde immer mehr über Events oder halt einfach Personen hergezogen. Ein Armutszeugnis?

Verlust der Privatsphäre

Ein anderer Aspekt ist selbst in Kreisen der “Datenschützer” (zu denen ich durchaus dem Chaos Computer Club nahe stehende Personen zähle) die vermehrt festzustellende Tendenz, die Privatsphäre anderer Personen nicht zu respektieren. Mir ist es so ziemlich egal, wenn mir jemand auf den Bildschirm schaut. Nur, was ich einfach nicht leiden kann, sind Kommentare oder Fragen zu dem, was dort angezeigt wird. Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch, doch ich erwarte eher ein Verhalten, dass eine Kommunikation zu meinem Bildschirminhalt ausbleibt. Information aufnehmen, aber bitte weitergehen. Deal with it.

Was hilft, um nicht ständig angelabert zu werden (vielleicht, weil man mal eine Stunde Ruhe braucht, um den zu haltenden Vortrag zu finalisieren), sind Kopfhörer. Keine kleinen In-Ear, sondern so schöne große Monster-Teile. Um von weitem non-verbal mitzuteilen: „Ich höre Dich nicht, Du brauchst mich nicht ansprechen. Und wenn Du es doch tust, dann kriege ich das nicht mit.“

Recht auf Nichtkommunikation

Ähnlich verhält es sich bei Rundgängen durch das Gebäude. “Mal eben schnell etwas erledigen” (wie beispielsweise einen frischen Kaffee holen) kann zu einer längeren Geduldsprobe werden. Man trifft jemanden auf dem Gang, wird angesprochen und statt eines kurzen “Hallo” direkt in einen Smalltalk über das Leben & Co. seit der letzten persönlichen Begegnung verwickelt. Ganz hartnäckig sind die Kandidaten auf meiner Real-Life-Ignore-Liste, denen ich versuche aus dem Weg zu gehen, aber was auf schmalen Gängen nicht immer funktioniert. Ich versuche freundlich zu bleiben und ein kurzes Gespräch zu führen, aber mich so schnell wie möglich unter Vorwänden (oder eben auch keinen, wie beispielsweise das Kaffee-Holen) aus dem Gespräch raus zu winden.

Der Versuch, den Gesprächsaufbau einfach zu ignorieren und schnell weiter zu gehen, schlug schlicht fehl: So wurde ich angesprochen, ob “irgendetwas nicht stimmt”, “was denn los sei” oder einfach hinterher gerufen, um eine Reaktion von mir zu erhalten. (Pro-Tip: ein Hoodie mit aufgesetzter Kapuze wirkt besser und ähnlich wie der große Kopfhörer im vorigen Abschnitt.)

In einem Dialog mit einem Bekannten sagte mir dieser, dass das fragende Verhalten der Nerds auf FUD (Fear, Uncertainty, Doubt) zurückzuführen ist. So kann das Ablehnen eines Gesprächs zu Unsicherheiten führen, denn die Person ist es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden. Oder die Person reflektiert die Ablehnung auf ein Fehlverhalten ihrerseits, wodurch meinerseits kein Interesse am Gespräch besteht. Dass ich schlicht manchmal keine Lust auf ein Gespräch habe, um meine eigenen Dinge zu erledigen, kommt wohl kaum jemanden in den Sinn.

Oder schön von einem Freund zusammengefasst:

Nerds trying to communicate … eine Fallstudie in teilweise seltsamen und erfolglosen Ansätzen

Unzufriedenheit

Aber die angesprochene Unzufriedenheit ist nicht nur bei den anderen zu suchen. Da kann ich mir auch an meine eigene Nase packen. Schließlich habe ich eine gewisse Erwartungshaltung, wie ich mich selbst darstelle und auf Gespräche eingehe – es dann aber nicht mache und somit selbst mit der Situation unzufrieden bin.

Dadurch verkürzte sich meine Anwesenheit beim Easterhegg im Eidelstedter Bürgerhaus auf ein Minimum. Bevor ich noch unverschämter zu Personen werde, die mir im Grunde nichts getan haben, hielt ich mich von der Veranstaltung fern. Präsenz zeigen, aber keine Artillerie auffahren. Möglicherweise eine Strategie zur Bewältigung kommender Veranstaltungen.

Abschlussbemerkung

Es ist nicht meine Intention, alle Besucher in den gleichen Sack zu stecken und darauf rumzuknüppeln. Eventuell sind es meine eigenen Konvergenzfehler, die zu den aufgezählten Beobachtungen führten. Falls sich jemand fälschlicherweise beschuldigt fühlt, teile es mir über die bekannten Kommunikationskanäle mit.

Weiterhin bin ich über einen “Strategieaustausch zum schadenlosen Überleben von Veranstaltungen” interessiert.

Konvergenzfehler

Konvergenzfehler treten auf, wenn die additive Farbmischung der drei Grundfarben Rot, Grün und Blau in Röhrenbildschirmen aufgrund von Fehlern in der Lochmaske nicht erreicht werden kann.

Konvergenzfehler existieren in der Netzwerktechnik, wenn kleinere Netzwerke nicht zu größeren Verbänden zusammenwachsen können.

Konvergenzfehler gibt es in der Mathematik in der Bestimmung von Reihen und Funktionen, deren Grenzwert nicht ermittelt werden kann.

Konvergenzfehler hemmen in der Telekommunikationstechnik das Zusammenwachsen verschiedener Inhalte und Dienste.

Konvergenzfehler sind Abweichungen beim Zusammenfluss verschiedener Quellen zu einer einheitlichen Masse.