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Editor und Shell mit Powerline

Vor ein paar Wochen bin ich über die von MadMalik erstellte Font “monoOne” gestolpert. Für den täglichen Einsatz in der Shell und im Editor habe ich recht hohe Ansprüche an eine Font. Dazu zählen:

  • Fixed Width, also dass alle Zeichen immer dieselbe Breite haben; hierdurch fallen alle Fonts mit variabler Zeichenbreite und Kerning raus
  • Klare Unterscheidbarkeit der einzelnen Zeichen, was insbesondere für “l”, “I”, “1”, “!” und “|” gilt, aber auch für “O” und “0”
  • Die Font soll nicht all zu groß eingestellt werden müssen, um die Unterscheidbarkeit zu gewährleisten
  • In der kleinen Größe sollen auch fontspezifische Eigenschaften, wie Serifen, erkennbar sein oder allein die Richtung von “ordentlichen” Anführungszeichen
  • Die gängigen Umlaute und diverse Symbole insbesondere für einfache mathematische Darstellungen sollen vorhanden sein

Mit der monoOne hat MadMalik eine Font geschaffen, die mir sehr gut gefällt. Im Büro sprachen mich Kollegen an, welche Font ich nutzen würde, da sie neben der fast schon einheitlichen Menlo positiv heraussticht.

In der Beschreibung zur monoOne las ich, dass diese die powerline Symbole beinhaltet, von denen ich bisher noch nie hörte.

powerline

Die powerline Symbole sind eigentlich nur sieben Zeichen, die im erweiterten Unicode-Bereich abgelegt werden. Zusammen mit anderen bereits vorhandenen Unicode-Zeichen können sie über Plugins in Editors und Shells geladen werden, um visuell erweiterte Informationen zum Zustand der editierten Datei oder dem System zu geben.

Konkret sieht es dann beispielsweise beim Editor vim so aus, dass die Statuszeile um einige Informationen aufgewertet wird (das Bild ist vom powerline Autor übernommen und zeigt die Font Pragmata Pro):

Es zeigt, dass ich mich im Normal-Modus vom vim befinde. Rechts daneben wird mit einem Symbol der aktuell verwendete Branch im git Repository angezeigt, erst dann der Dateiname. Auf der rechten Seite sind Informationen über das Dateiformat (unix), das Encoding (utf-8), das eingestellte Syntax-Highlightning (python), der aktuellen Cursorposition relativ zum Gesamtdokument (2%), Linebreak, Zeilen- und Spaltenposition.

Beim Wechsel des Editor-Modus schaltet sich die Zeile um:



Allein diese massive visuelle Änderung hilft ungemein, schnell Informationen über den Zustand des Editors und der Datei zu erfahren.

Shell

In der Dokumentation zur powerline steht, dass diese auch für andere Applikationen verfügbar ist. Das geht zwar eigentlich auch mit den für vim installierten powerline-Tools, aber irgendwie wollte das auf meinem Mac nicht wirklich zusammenarbeiten. Stattdessen gab es irgendwo den Hinweis, es gebe ein zshTheme für powerline.

Der Entwickler nutzt dazu das Framework oh-my-zsh. Seit Jahren nutze ich die hoch konfigurierbare zsh. Anfangs mit vielen eigenen Snippets, die ich mir im Web zusammensuchte oder mit anderen Bekannten im Hackspace austauschte. Später dann baute ich meine zsh-Config auf die vom Projekt grml auf.

Das Framework oh-my-zsh setzt auf eine schnelle Konfiguration der zsh, was vermutlich viele bisher abschreckte, auf diese Shell zu wechseln. Ohne Konfigurationsdatei ~/.zshrc zeigt die zsh keinen Prompt sondern einen minimalen Konfigurationsdialog. Die danach angezeigte Shell ist extrem Minimal. Die großen Stärken von zsh kommen einfach nicht hervor. Bei oh-my-zsh braucht nur das Repository von github gecloned und eine ~/.zshrc angelegt werden, die im Grunde nicht mehr als zwei Zeilen beinhaltet, um oh-my-zsh zu aktivieren. Weiterhin können in der eigenen ~/.zshrc Plugins oder Themes aktiviert werden.

Bei mir sieht die ~/.zshrc so aus:

ZSH=$HOME/.oh-my-zsh
ZSH_THEME="powerline"
COMPLETION_WAITING_DOTS="true"
POWERLINE_RIGHT_A="exit-status"
POWERLINE_NO_BLANK_LINE="true"
plugins=(git brew github osx python screen ssh-agent mosh terminalapp)
source $ZSH/oh-my-zsh.sh

Das Ergebnis sieht dann zusammen mit der monoOne so aus:

Screen Shot 2013-11-03 at 14.56.50

 

In der linken Infobox habe ich meinen Usernamen, den Host, dann den Pfad und noch ähnlich wie beim vim-Plugin die Information über das git-repository und den Status der Dateien. Die rechte Infobox mit der Uhrzeit und dem Return-Code verschwindet, wenn der eingetippte Befehl länger als die Lücke zwischen den Boxen ist.

Community-Configs

Vor allem oh-my-zsh machte mir bewusst, wie stark der Einfluss von github auf den Austausch von Konfigurationsdateien ist. Obwohl es vorher viele andere Projekte gab, bei denen mitgewirkt werden konnte, ist es bei github viel einfacher. Es kann schnell ein Fork erstellt werden, um die eigene Konfiguration anzupassen und zu erweitern. Und wenn alles schön aussieht, kann diese Konfiguration auch wieder hoch geladen werden – oder ein Pull-Request geschickt werden, um die Erweiterung im Hauptprojekt aufzunehmen.

Gigabit über Telefonkabel

Als ich meine jetzige Berliner Wohnung vor über einem Jahr bezog, fielen mir bereits die in allen Zimmern verteilten ISDN- und TAE-Dosen auf. Vom Vormieter erfuhr ich, dass die Unterputz-TAE-Dose im Wohnzimmer diejenige sei, an die er sein DSL-Modem angeschlossen hatte. Und somit wurde diese Dose auch bei mir die primäre TAE (steht übrigens für das schöne Bundespost-Wort Telekommunikations-Anschluss-Einheit). Ich hatte also im Wohnzimmer einen hässlichen DSL-Router vor sich hin blinken und mein Rechner im Arbeitszimmer war nur per WLAN angeschlossen. Mit 5GHz-WLAN ging das sogar ganz passabel, aber das Netz reichte nicht bis in den Garten. Mit Techniken wie „WLAN erweitern“ durch einen weiteren Access-Point kam ich zwar in den Garten, aber das Netz wurde sehr fragil, sobald sich mehrere Clients dort drin aufhielten. Bei Besuch von mehreren Gästen, die alle ihre ein bis drei WLAN-Geräte dabei haben, brach das Netz von Zeit zu Zeit zusammen.

Mit dem Gedanken, ordentliche Netzwerkkabel in der Wohnung zu verlegen, spielte ich öfters. Aber dazu hätte ich durch 60cm dicke tragende Wände bohren müssen und die Kabel an mehreren Türrahmen vorbei oder unschön an der Decke entlanglegen müssen. Somit wurde der Gedanke einfach wieder verworfen.

Etwa ein Jahr nach dem Einzug bekam ich einen Rappel und schraubte alle ISDN- und TAE-Dosen auf, um die Kabel zu untersuchen. Von den Nachbarn erfuhr ich, dass meine Wohnung vor ein paar Jahren als Büro gedient hatte und somit hegte ich die Hoffnung, dass die einzelnen Zimmer wie in den 90er-Jahren üblich mit ISDN verbunden waren.

Kabel in der Wand

Im Arbeitszimmer schauten direkt mehrere Kabel aus der Wand. Im rechten Loch waren nur schwarze, einadrige Leitungen. Ich nehme an, dass dieses Zugkabel für die Leerrohre sind, um zu einem späteren Zeitpunkt weitere Kabel dort durch zu legen. Im linken Loch ist eine achtadrige Leitung, deren Zweck ich bis heute nicht entschlüsselt habe, da ich keine Stelle fand, an der ein gleichartiges Kabel aus der Wand schaut. Möglicherweise ist das Kabel für eine alte Einheit der Gegensprechanlage gedacht, denn die aktuell verbaute ist neueren Datums und basiert auf Zweidrahttechnik.

Im mittleren Loch, wo noch die unbenutzte TAE dranhängt, wurde ich fündig. Drei Kabel vom Typ J-Y(ST)Y mit jeweils vier Doppeladern, der bei ISDN-Verkabelungen üblicherweise eingesetzt wird! Auf zwei der drei Kabel wurde mit Edding groß und klein drauf geschrieben, was mir die Hoffnung machte, dass diese im Wohnzimmer (groß) und Schlafzimmer (klein) enden. Mit Papier, Stift und einem Durchgangsprüfer bewaffnet, verband ich stichprobenartig ein paar Leitungen und suchte die dazu farblich passenden Enden an den anderen Dosen. Meine Vermutung bewahrheitete sich!

Kabelplan

Mein Ziel war es jetzt, die ISDN-Dose gegen Netzwerkdosen auszutauschen und die Kabel richtig anzuschließen. Zumindest eine feste 100MBit/s-Leitung zwischen Wohnzimmer, wo der DSL-Router steht, und Arbeitszimmer sollte möglich sein. Denn aus irgendeinem Grund konnte ich von der Leitung zwischen Wohnzimmer und Arbeitszimmer nur drei Adernpaare verwenden, was Gigabit, das auf vier Adernpaaren aufsetzt, unmöglich macht. Beim Messen der Leitungen stellte ich fest, dass zwei ISDN-Busse mit jeweils zwei Adernpaaren vom Arbeitszimmer, über das Schlafzimmer, zurück zum Arbeitszimmer und dort zum Wohnzimmer geschleift wurden, wo dann die notwendigen 100Ω Abschlusswiderstände anmontiert waren. Eine sehr fragliche Verkabelung. Ein weiteres Mysterium blieb das dritte, unbeschriftete Kabel in der Arbeitszimmerdose, das statt nach oben zur Decke in ein Rohr nach unten verschwand, aber irgendwie mit einem der anderen Kabel verbunden war.

Achtung! Breitbandkabel

Leider konnte ich auch keines der Kabel weit genug aus der Wand ziehen, um die Beschriftung zu lesen. Eine Schirmung ist nur als Folie um alle Adernpaare drumgewickelt, das heißt, es wird zwischen den Leitungen ein Übersprechen geben. Vom Alter her schätze ich die Kabel auf etwa 20 Jahre. Zumindest wurde zu der Zeit das um 1890 erbaute Haus komplett renoviert. Neben dem Stromzähler im Keller hängt noch ein Installationszettel mit einem Datum von 1992. Ebenso aus Anfang bis Mitte der 90er Jahre ist auch die Telefonverkabelung. Friedrichshain gehörte zu den Testgebieten der Optischen Anschlussleitung, kurz OPAL. Alle Häuser hier in der Straße haben einen schönes Hinweisschild darauf angebracht. Im Keller ist ein großer Kasten mit dem Schriftzug der gerade von der Bundespost getrennten, aber noch mit altem Posthörnchen versehenen, Telekom zu entdecken.

Glasfaser

In diesem Kasten endet die Glasfaser. Ja, Glasfaser. Breitband. Seit mehr als 20 Jahren. Im Keller. Und nein, Internet mit mehr als 6MBit/s ist nicht möglich. Denn OPAL ist alte Technik. Um dicke Kabelbäume zu sparen, wurden in den OPAL-Testgebieten Glasfasern in die Häuser gelegt und Technik dazu montiert, die nur die TAE von Kupfer auf passive Glasfaser umsetzen.

Saubere TAE-Verkabelung

Die wie im nebenstehenden Bild zu sehen von Telekom-Technikern “ordentlich” angeschlossenen Kabel von den Wohnungen gehen also in diesen Kasten und werden bis zur Vermittlungsstelle (VSt) als Glasfaser weiter geführt. Im Gegensatz zu neuerer Technik, wie ich sie beispielsweise in meiner Kölner Wohnung hatte, hängt dort kein Mini-DSLAM (Digital Subscriber Line Access Multiplexer) im Keller, der sowohl Telefonie als auch Daten übertragen kann (wobei Telefonie heute auch nur noch Daten in Form von VoIP sind), sondern wirklich nur für Telefonie ausgelegt ist. DSL klappt deshalb nur bedingt, da anstatt wie bei Kupferleitungen kaum freie Frequenzen zur Übertragung zur Verfügung stehen.

An der Straßenecke steht ein VDSL-Kasten, der komplett leer ist, da VDSL eine durchgehende Kupferleitung bis zur TAE benötigt. Die VDSL-Kästen wurden von der Telekom (mittlerweile) AG 2006 mit Hilfe der 3 Milliarden Euro von der Bundesregierung und ihrer Absicherung über die Änderung des TKG (Stichwort: Lex Telekom) ganz schnell aufgestellt. Somit stehen hier große, graue Kästen in der Gegend rum, die ohne die Straße aufzubuddeln und Kupferkabel bis in die Häuser zu legen niemals in Betrieb gehen werden.

Zurück zu meiner Wohnungsverkabelung. Für Ethernet kann ich die alten ISDN-Dosen nicht verwenden, da diese nur die mittleren vier von acht Pins verdrahtet haben. Mit ein wenig Recherche fand ich heraus, dass es selbst 20 Jahre später passende Ethernet-Unterputzdosen für die in der Wohnung angebrachte Schalter-, Steckdosen- und ISDN-Dosen-Serie gibt. Und selbst die ISDN-Doppeldosen-Abdeckkappen passen vom Lochmaß! Die 3x8EUR für einfache Ethernet-Dosen waren es mir wert, um einen Test zu starten.

Beim Entfernen der ISDN-Dose im Arbeitszimmer bekam ich plötzlich eine gewischt. Irritiert griff ich zum Spannungsmesser und stellte fest, dass dort ein Signal anliegt. Direkt danach fing der Router im Wohnzimmer an zu blinken. Kombiniere: Das mysteriöse Kabel, das aus dem Keller im Arbeitszimmer ankommt, ist die eigentliche TAE für die Wohnung. Diese wurde über die alte ISDN-Verkabelung in das Wohnzimmer verlängert, was auch erklärt, dass dort nur sechs Adernpaare zur Verfügung standen. Aber da ich den Router eh nicht im Wohnzimmer haben wollte, entschloss ich mich, die Verkabelung nochmals zu überdenken. Die TAE wurde jetzt im Arbeitszimmer angeschlossen und nun standen mir vier Adernpaare für das Wohnzimmer und nochmals vier Adernpaare für das Schlafzimmer zur Verfügung.

Die Ethernet-Dosen legte ich nach der üblichen Farbkodierung für Telefonkabel auf, sodass die richtigen Adernpaare zusammen liegen. Mit vier Adernpaare kann eine ordentliche 1000BASE-T Verkabelung vorgenommen werden. Im Gegensatz zu 100BASE-T haben die Adernpaare im Gigabit keine feste Zuordnung für Hin- und Rückkanal. Viel mehr handeln die beiden Netzwerkadapter bei Verbindung miteinander aus, welche Leitung wofür verwendet wird. Dazu wird die Dämpfung gemessen und letzten Endes alle Leitungen optimal ausgenutzt.

DurchsatztestNachdem die Dosen angeschlossen waren, musste ich natürlich den Durchsatz testen. Dazu eignet sich das Tool iperf, das für jede gängige Plattform existiert. Ein Rechner ist der Server, der auf Anfragen reagiert und der andere schickt Daten durch. In Bild ist die Ausgabe zu sehen, zuerst zwischen Arbeitszimmer und Schlafzimmer und dann zwischen Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Ich ging ja von etwa 100MBit/s aufgrund alter Kabel und Übersprechen zwischen den Leitungen aus, aber das Ergebnis hat mich echt vom Hocker gerissen: mehr als 850MBit/s sind über die alten Telefonleitungen möglich! Das reicht dicke aus, um einen Film vom Laptop zum Multimedia-Rechner im Wohnzimmer zu übertragen, ohne lange warten zu müssen. Der begrenzende Faktor sind hier eher die Festplatten der Rechner…

ISDN zu Ethernet

Als Ergebnis lässt sich festhalten: alte Telefonleitungen sind nicht schlecht und ich habe nun sauber verlegtes Netzwerk in der Wohnung. Die schlechte Anbindung an die Welt ist natürlich eine andere Geschichte, die sicherlich irgendwann ihre Fortsetzung finden wird.

Update Sommer 2014:

Da ich im Sommer sporadische Ausfälle des DSL hatte, orderte ich einen Telekom-Techniker. Mit ihm habe ich mich während der Leitungsüberprüfung über die Verkabelung unterhalten.

Die OPAL wird im Haus nicht verwendet. Die liegt zwar noch, aber es kam dann irgendwann eine Kupferleitung hinzu. Dass hier DSL über ADSL2+ heraus, also 16MBps, nicht angeboten wird, liegt an der langen Strecke bis zur nächsten Ortsvermittlungsstelle. Diese ist gute 1,5km Luftlinie und sicherlich noch etwas mehr Kabelstrecke entfernt.

Auf der anderen Straßenseite ist VDSL bereits angeschlossen. Nur auf dieser Straßenseite bleibt der Kasten an der Straßenecke weiter leer.

Die Leitungsprobleme stammten übrigens von einer Patina auf den Kupferadern in dem oben gezeigten “ordentlich” angeschlossenen Verteilerkasten im Keller.

Das Empörungsmedium

Ich erkläre meinen „Twitter-Urlaub“ nach 25 Tagen für beendet. Nach 30 Tagen wäre der Account seitens Twitter endgültig gelöscht worden. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich zurückkehren würde.

In diesen 25 Tagen erfuhr ich von diversen anderen Menschen, die ihren Account geschlossen hatten. Nach wenigen Stunden oder Tagen kehrten sie zurück. Für meine Entscheidung ließ ich mir etwas mehr Zeit, um mich zu orientieren. An dieser Stelle bedanke ich mich bei all denjenigen Menschen, mit denen ich in den vergangenen Wochen lange und ausgiebige Gespräche führte! ❤

Entscheidung

Die Entscheidung fiel nicht leicht – nach reiflicher Überlegung gibt es drei Punkte, die mich zur Reaktivierung bewogen:

1. Verabredungen, Treffen, kurze Gespräche

Twitter hat sich als ein gutes Medium zum nahezu spontanen Verabreden etabliert. Statt Anrufe, SMS oder Facebook-Events, kann ich darüber recht gut in der eigenen Peer-Group einladen. Oder es ist ersichtlich, wo sich die Peer-Group gerade befindet und ich kann nachfragen, ob ich noch vorbei schauen kann.

2. Möglichkeit zur Kommunikation

Es passiert mir immer häufiger, dass ich keine XMPP (vulgo: Jabber) oder E-Mail Adressen, geschweige Telefonnummern von Bekannten besitze. Meistens treffe ich andere Menschen, erfahre oder erfrage den Twitter-Account und folge diesem. Durch gegenseitiges Folgen gibt es die Möglichkeit, DMs zu senden.

3. Manchmal habe ich doch etwas zu sagen

Mit meinem Account habe ich eine gewisse Reichweite errungen. Ab und an habe ich doch etwas zu sagen und möchte es mitteilen. Da ich bereits in der Vergangenheit etwas sagte, wurde darauf verlinkt. Diese Links zu den eindeutigen IDs der Tweets waren in der Zeit der Deaktiverung nicht erreichbar. Ich ärgere mich selbst immer, wenn Links ins Leere führen und kann Depublizierung nicht gut heißen.

Kommunikationsarten

Im Nachgang zur Deaktivierung des Accounts, versuchte ich, die Gründe zu kanalisieren. In der Ingenieurswissenschaft wird traditionell zwischen zwei Klassen von Kommunikation unterschieden, was sich auch auf Menschen und deren Kommunikationsmittel übertragen lässt.

Zur synchronen Kommunikation gehören direkte Gespräche, wie sie von Angesicht zu Angesicht durchgeführt werden oder am Telefon. Hier lassen sich ebenso IRC oder Instant Messenger einsortieren. Das prägende an dieser Art von Kommunikation ist die direkte Antwort auf das vorher Gesagte. Informationen, die mehrere Augenblicke gealtert sind, haben an Bedeutung verloren.

Bei der asynchronen Kommunikation hingegen kann zwischen dem Verbreiten der Information und einer Reaktion sehr viel Zeit verstreichen. Als Klassiker gilt der Brief oder moderner die E-Mail. Die Information ist in der Regel so aufbereitet, dass viele Informationshappen übermittelt werden. Gedanken können komplett ausformuliert werden und somit sehr tief ins Detail gehen. Zu dieser Art von Kommunikation zähle ich auch einen Blogpost.

Nun möchte ich eine dritte Klasse von Kommunikation hinzufügen, die in speziellen Ingenieursdisziplinen bereits so bezeichnet wird (Bereich: Bussysteme): die semisynchrone Kommunikation. Nachrichten werden verbreitet und bieten die Möglichkeit zur Reaktion und gleichzeitig zur Referenzierung mittels Identifier (URI). Der Klassiker hierbei ist Twitter. Noch lange Zeit später kann wie bei der asynchronen Kommunikation auf eine verbreitete Information verwiesen und darauf reagiert werden. Im Rahmen der Reaktion skaliert Twitter so weit, dass es wie synchrone Kommunikation – eine Art Chat – gebraucht werden kann.

Twitter, das Empörungsmedium

Bei meinen Gesprächen in den letzten Wochen habe ich einige Thesen entwickelt, wodurch Twitter als Medium zur Empörung überaus gut geeignet ist.

Ausformulierung von Gedankengängen

Es ist nahezu unmöglich – oder oft nur durch starke Kürzung – Gedankengänge auszuformulieren. 140 Zeichen sind dafür schlicht nicht genug. Erst durch die Nutzung eines weiteren (asynchronen) Mediums, wie das eigene Blog, Ton- oder Videoformate oder auch pastebin, kann die nötige Zeichenlänge gefunden werden, mit dem teils komplexe Gedankengänge in voller Länge niedergelegt werden können. Sehr häufig wird mittels eines Links in einem Tweet darauf hingewiesen und die Diskussion auf Twitter geführt. Weitere Diskussionsstränge ergeben sich durch die Verbreitung des Links. Es müssen nicht nur die eigenen Beiträge sein – üblich ist auch die Referenzierung auf etwas Gesagtes einer anderen Person.

„Im Internet wird mehr über Menschen kommuniziert, als mit ihnen.“ – @zweifeln

Ab und an ist zu beobachten, dass das ursprüngliche Medium gar nicht mehr konsultiert wird. In der Diskussion werden zusammenhanglose Satzfragmente auseinandergepflückt, die in der Gesamtdarstellung durchaus ein anderes Bild ergeben. Für die Recherche fehlt offenbar die Aufmerksamkeit oder auch Zeit. Schließlich ist das Medium semisynchron und in wenigen Minuten oder Stunden wird die nächste „Sau durchs Dorf gejagt“.

Gesunkene Schwelle für Beleidigungen

Eine Beleidigung ist schnell geschrieben und abgeschickt. Etwas distanziert vom eigenen Ich über einen Twitter-Account sinkt die Schwelle dazu. Mit etwas mehr Gelassenheit mag die Beleidigung übertrieben gewesen sein, doch da Twitter an dieser Stelle zu einem synchronen Kommunikationsmedium wurde, ist Schnelligkeit gefragt und somit wird einfach rausposaunt, was durch den Kopf geht.

Vor ein paar Wochen (nachdem diverse Menschen ihren Twitter-Account schlossen) schrieb Sascha Lobo dazu in seiner Kolumne unter dem Titel „Netzhass ist gratis“. Ich gehe davon aus, dass an dieser Stelle diverse Leser die Nase rümpfen, da sie „den Lobo nicht leiden können“ und wie ich überhaupt darauf kommen könne, einen seiner Texte als Referenz heranzuziehen – dabei haben sie vermutlich gar nicht mal die Kolumne gelesen. (Die Kritik, zwischen „Analogwelt“ und „Digitalwelt“ zu differenzieren ist eine andere, bereits an diversen Stellen geführte Diskussion mit jeder Menge Empörung.)

Im Podcast „Leitmotiv 002 – Eine Meinungsänderung – mit @herrurbach“ von Caspar Clemens Mierau im Gespräch mit Stephan Urbach sprach dieser an, dass er Personen, die ihn über das Netz beleidigen, teilweise anruft und auf die Beleidigung anspricht. Die Beleidiger sind oft sehr erstaunt darüber und reden sich gerne damit raus, dass es nicht so gemeint war. Der Wechsel des Mediums und von semisynchroner in synchrone Kommunikation in Verbindung mit der weggefallenen Abstraktion der Person im Netz zu der realen Person, führen zum Nachdenken und einer Distanzierung vom Geschriebenen.

Empörung ist cool

Es kommt mir vor, dass Empörung zur Steigerung des Coolnessfaktors führt. Wer sich viel empört, ist cool, ist ein Vorbild und ein Kumpel, mit dem gerne abgehangen wird. Das Tolle an der semisynchronen Kommunikation: alle können sich empören. Es ist nicht mehr so wie auf dem Schulhof, wo die coole Truppe über jemanden herzieht, diese Person aber ein paar Sekunden länger zur Formulierung einer passenden Antwort benötigt, in der Zeit aber schon eine gelangt bekommen hat oder die coole Truppe lachend von dannen zieht. Nein, bei der semisynchronen Kommunikation ist die Zeit zum Nachdenken für einen coolen Empörungstweet gegeben! Ich muss nicht den erstbesten Gedanken rauspusten, sondern kann mir ruhig acht Sekunden mehr Zeit lassen, um sogar die beste Formulierung dafür zu finden, um damit viele Favs und Retweets abzusahnen! Empörung führt also direkt zu einer Bestätigung in der Peer-Group, was das vor sich hinsiechende Ego mal so richtig aufmuntert. Sind die Favs für eure Empörung wirklich das, worauf ihr stolz seid? (Der letzte Absatz wurde mit einem Bissen mehr Empörung geschrieben – ich hatte ja Zeit zum Nachdenken.)

Nichtcool

Smartphones und überall

Twitter vor fünf Jahren scrollte nicht. Das iPhone war gerade erfunden, Clients dafür gab es erst gar nicht und dann nur sehr begrenzt, das digitale Mobilfunkdatennetz entwuchs gerade erst den Kinderschuhen. Die Timeline wurde am heimischen Monitor gelesen – oder auf der Arbeit. Ab und an wurde ein Tweet verfasst, der vielleicht das Tagesgeschehen zusammenfasste.

Jetzt gibt es die Möglichkeit immer und ständig twittern zu können. Ich kenne Menschen, die dauerhaft auf ihr Smartphone starren, die Timeline ständig updaten, um sich berieseln zu lassen, oder jeden kleinsten quersitzenden Furz raushauen. Ergibt sich ein Moment zum Mitreden, wird halt mal was dazu gesagt. Ein paar Momente später wäre es schon wieder vergessen – sowohl aus dem Kopf als auch im Medium.

Die Alternativen

Seien wir ehrlich, es gibt keine Alternative. Insbesondere kein Medium, was die Reichweite von Twitter hat. Für synchrone Kommunikation klappt es teilweise mit Instant Messengern, die ich während meines „Twitterurlaubs“ wieder stärker verwendete.

Einige Personen behaupten, der Trend verlagert sich zu APP.NET, einem Twitter-ähnlichen Dienst. Dadurch, dass die Entwicklung komplett frei läuft und kein Unternehmen dahinter steckt, das mit den Inhalten der Nutzer Geld verdienen möchte, wird ein Kostenbeitrag zur Nutzung verlangt. So etwas schränkt ein und begrenzt die Reichweite. Tatsächlich kommt mir APP.NET derzeit wie ein Netz aus weißen, mittelalten, gebildeten und wohlhabenden Männern aus Industrienationen vor (Privilegiencheck durchgeführt). Die Inhalte der Nachrichten sind eher technischer, weniger sozialer. Aber wenn hier und da mal eine Diskussion entflammt, ist sie in der Regel reflektierter und weniger empört.

Überlebenstricks gegen die Empörung

Eine wasserdichte Strategie gegen eine Flut von Empörungen in der Timeline habe ich nicht. Was aber gut hilft, sind Listen. Und Clients, die Listen als alternative Timeline darstellen können. Mehrere hundert Followings schaffe ich einfach nicht zu lesen – selbst nicht ohne Vollzeitjob. Mit einem guten Misch an Personen in dieser Liste gelingt es mir, auf dem aktuellen Stand an gemeinsamen Themen zu bleiben.

Ab und an gibt es „Retweet-Monster“. Da werden diverse Informationen einfach weiter verteilt, auch wenn mich das keinen Deut interessiert. Seit geraumer Zeit gibt es die Möglichkeit, die Retweets von einzelnen Personen zu unterbinden, sodass nur eigens geschriebene Tweets angezeigt werden. Das hilft hier und da, etwas Timelinehygiene zu betreiben.

Muten (Stummschalten) von Hashtags und Personen sorgt dafür, dass bestimmte (überdrüssige) Themen nicht mehr angezeigt werden. Leider werden häufig Hashtags „vergessen“ (damit das auch noch die Muter mitbekommen) oder der Platz reichte nicht mehr dafür aus. In harten Diskussionen hilft es schon mal, eine oder beide Diskussionsteilnehmer zu muten. Leider ist Muten eine Funktion des Clients und nicht von Twitter selbst.

Für die erweiterte Timelinehygiene helfen noch Unfollow und Block. Das ist das Pendant zu „ich will nichts mehr von Dir hören“ und „ich möchte es nicht, dass Du meine Inhalte auf einfachem Wege liest“. Natürlich ist es weiterhin möglich, dass diese Personen Empörung über mich oder ein Thema verbreiten. Nur, eine Diskussion kann bei einer starken Voreinnahme eh nicht mehr statt finden.

„The only winning move is not to play“ War Games (1983)

Ab und an lohnt sich ein Protected Account. Nachrichten werden nur eigens bestätigten Personen sichtbar gemacht, wodurch ich selbst über die Reichweite meiner Inhalte bestimme. Der Nachteil ist hier ganz klar, dass ich nicht mehr auf Personen reagieren kann, die ich nicht freigeschaltet habe (und die eh zuerst eine Anfrage an mich stellen müssen, mir folgen zu dürfen). Ein Protected Account ist ein halbherziger Versuch, sich einen Rückzugsort zu schaffen, ohne den Anschluss an die Peer-Group (in diesem Fall häufig vertrauenswürdige Follower) zu verlieren.

Dazu in eigener Sache: ich habe auch einen Protected Account, bei dem ich die Zahl der Follower recht klein auf ein paar vertrauenswürdige Personen halte oder womit ich anderen Protected Accounts aus meinem engeren Umfeld folge. Über manche Follower-Anfragen muss ich länger nachdenken – und manche lehne ich ganz ab.

Zusammengefasst halte ich es mit den Worten von @heliantje im Gedicht „Die Shitstormer“:

„Wir hetzen, wir ätzen!“

PS: Eigentlich hätte ich gerne @Pylon als Twitter-Account gehabt, aber der war zur Zeit meiner Registrierung im Mai 2008 nicht mehr frei (und wird seitdem von einem nicht genutzten Protected Account blockiert). Deshalb gibt es an meinem Account den „Nachnamen“ C: @PylonC