Archiv der Kategorie: Persönliches

Magnetfinger

Vor einem Jahr habe ich mir einen kleinen Magneten im Finger einsetzen lassen. In meinem Bekanntenkreis ist das nichts besonderes mehr. So als kleine Spielerei mit Büroklammern für zwischendurch, zum Anheben von Elektronik-Bauteilen oder auch zum Spüren von elektromagnetischen Feldern. Letzteres hat mich als Funkamateur am meisten fasziniert.

Über die Motivation, die Implantation und die kleinen Freuden im Alltag habe ich bereits zu der Veranstaltung mrmcd im letzten September einen halbstündigen Vortrag gehalten. Da dürften auch die meisten Fragen zu Magnetimplantaten geklärt werden. Wer lieber lesen mag, kann sich in Jannis Artikel zu seinem Magnetfinger informieren.

 

Bin ich ein Cyborg?

Von Zeit zu Zeit werde ich gefragt, ob ich ein Cyborg sei. Das ist schwierig zu beantworten. Schließlich besitze ich weder mit Aktoren ausgestattetes Implantat noch Prothese. Es sind keine Sensoren mit meinen Nerven direkt verbunden.

Und dennoch schlummert da ein Magnet in einer Narbentasche in meinem Finger, der bei Erregung durch ein (elektro)magnetisches Feld meine Nerven anstubst und somit mein Gehirn über das Feld informiert. Das sehe ich als einen zusätzlichen Sinn.

Außerdem habe ich mich willentlich einem Eingriff unterzogen, um mir diesen zusätzlichen Sinn für (elektro)magnetische Felder anzueignen. Jedoch bin ich damit weit weg von einem kybernetischem Organismus.

Es ist mehr ein “passiver Cyborg der niedrigsten Stufe”. Eine Vorabform von dem, was in Zukunft kommen mag. Und auf diese bin ich sehr gespannt. Ich freue mich auf zukünftige Methoden, mittels Sensoren und direkten Anschlüssen an Nervenfasern weitere Sinne mit dem Körper zu erschließen. Der erste Eingriff wurde gemacht. Mal schauen, wann der nächste kommt.

c-base Austritt

Die c-base kenne ich seit 1999. Damals war sie noch am Hackeschen Markt und ich kam während des 16C3 dort vorbei. Danach war ich immer wieder mal dort, insbesondere da diverse Veranstaltungen des CCC dort statt fanden oder weil ich zu Besuch in Berlin war.

Manchmal wurde ich bereits als Mitglied gehalten, einfach weil ich recht regelmäßig dort zu sehen war und diverse Leute kannte. Ich fand den Ort toll, denn so eine Event-Location mit Space-Bar zieht mich einfach an. Aber Mitglied wollte ich erst werden, falls ich mal in Berlin wohnen sollte. Das war dann im Februar 2012 der Fall.

c-base

Der Sommer 2012 in der c-base war großartig. Mehrmals die Woche war ich dort, traf mich mit meiner Peergroup und hatte viele tolle Gespräche auf beiden Seiten der Bar. Gäste, die Berlin besuchten, schleppte ich mit in die c-base, gab Rundführungen durch die Hallen der abgestürzten Raumstation. Es war der erste Anlaufpunkt für zwanglose Treffen mit Internetanschluss statt einer Kneipe oder dem heimischen Wohnzimmer (falls vorhanden).

Die strukturelle Integrität ist gefährdet

Doch irgendwann fing die Stimmung an zu bröseln. Manche alteingesessenen Mitglieder (bei weitem nicht alle!) ließen Kommentare fallen wie “Müsst ihr Themen wie Politik oder Gleichberechtigung ausgerechnet hier diskutieren?”. Es wurde zunehmend unfreundlicher. Die Mitgliederschaft freute sich über die vielen Neumitglieder, die den Erhalt des Vereins finanziell unterstützen, aber verwehrten sich einer Offenheit.

Dieses Problem wurde erkannt und in Form mehrerer “c-vision” Workshops behandelt. Den Vorwurf der “Xenophobie”, also der Angst vor Fremden, wollte die Besatzung einer Raumstation nicht auf sich sitzen lassen. Es wurden viele Lippenbekenntnisse im Sinne des San Francisco Hackerspace Noisebridge gegeben:

Be excellent to each other

Es wurden Plakate mit diesem Motto aufgehangen, um immer wieder daran zu erinnern. Irgendwann waren diese entsorgt worden, da sich manche Member daran störten. Schade.

Zum Herbst kamen immer mehr mich störende Vorfälle auf. Zum einen liegt es daran, dass sich meine Sichtweisen im gegenseitigen Umgang stark verändert haben. Zum anderen fühlten sich wohl einige Nerds in ihrer Freiheit rumzupöbeln auf den Schlips getreten. Die Details mag ich hier gar nicht alle auflisten und führen zu tief in das Miteinander eines Vereins. Die Umgangsform ist schlicht nachhaltig angeknackst.

Zur Silvesterparty gab es dann einen Vorfall, der bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Seitdem war ich nur noch sechs Mal in der c-base gewesen. Ich meide den Ort, da ich keinen Bock mehr auf Sprüche wie “Dich gibt es auch noch?”, “Bist Du eigentlich noch Member?” oder “Sei mal nicht so kleinkariert!” habe.

Im Sommer habe ich auf Grundlagen von viirus den Vereinsautrittgenerator gebaut, aber erst nicht verwendet. Ich wollte mir noch etwas Zeit zum Nachdenken und Beobachten gönnen. Aktives Mitwirken zur Verbesserung des Umgangs hatte ich bereits aufgegeben; da ist es einfacher gegen Windmühlen zu kämpfen. Den Austritt schickte ich dann erst Mitte Oktober ab.

Eine Bestätigung über den Austritt gab es nicht. Seit gestern kann ich jedoch nicht mehr auf meine c-base Mails zugreifen. Vermutlich wurde die Bestätigung an diese Mailadresse versandt…

Ausblick

So ganz ohne Hackspace, dem ich mich zugehörig fühle, möchte ich in Berlin nicht sein. Seit Januar besuche und unterstütze ich die AfRA, die Abteilung-für-Redundanz-Abteilung. Diese ist als Spin-Off der c-base entstanden, da andere Personen auch Probleme mit der Raumstation haben. Das Aushängeschild ist der “rauchfreie Hackspace”, was in Berlin tatsächlich problematisch ist. Zumindest bei denen, die unabhängig von (Hoch-)Schulen sind. Elektronikbastelei und Rauch vertragen sich halt nicht so gut.

Diverse Bekannte, die ebenso die c-base meiden, berichteten mir, dass ihnen auch ein Ort zum Treffen fehlt. Die AfRA ist dazu derzeit noch zu klein und etwas außerhalb gelegen. Anfang des Jahres machte ich mir dazu schon mal Gedanken. Momentan sieht es wieder ganz gut aus, dass Räume geschaffen werden könnten.

Es soll keine Konkurrenz zur c-base sein, sondern eine Alternative. Alte, eingefahrene Strukturen lassen sich nicht ändern. Da hilft nur ein Neuanfang.

Good Night Nerd Pride

…war der Titel eines Blogpost-Entwurfs, den ich zur Verabschiedung aus der Hacker-Szene wählte. Den Slogan sah ich während des 29. Chaos Communication Congress auf einem T-Shirt und ist zurückzuführen auf einen Blogpost von tante. Da dieser Blogpost kontrovers aufgenommen wurde, gibt es einige weitere Erklärungen zu den Reaktionen.

Ich wollte aussteigen aus der Hacker-Szene. Mit Beginn der dunklen Tage im Jahr 2012 stand ich immer wieder inmitten von diversen Diskussionen zum gemeinsamen Umgang. Meine Meinung verhärtete sich immer mehr dazu, dass die Punkte “Toleranz” und “Respekt” von denen am wenigsten gelebt werden, die sie am meisten fordern.

In diese “Hacker-Szene” bin ich an heutigen Maßstäben gemessen mit 17 Jahren erst sehr spät dazu gestoßen, das heißt, noch nicht mal mein halbes Leben. Aber dafür umso intensiver. Die späten 1990er waren dank Internet in jedem Kinderzimmer eine Art Aufbruch zu neuen Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung. Hier konnte ich endlich mal meine Qualitäten ausnutzen, für die ich in der Schule gerne als “der Professor” schmähend benannt wurde.

Im CCC e.V. habe ich Fuß gefasst. Aber nicht als einer der coolen Hacker, die Systeme auseinanderpflücken können. Sondern eher als jemand, der die Räume dafür schaffte. Räume, die Menschen zusammen bringen, um gemeinsam etwas großartigeres zu schaffen. Und selbst habe ich von den Leuten dort viel gelernt und mich selbst weitergebildet. Das entsprechende Skillset, um mich mit diesen Leuten, die einfach mal eine Menge mehr Wissen hatten als ich, auf nahezu gleichem Level unterhalten zu können, eignete ich mir im Lauf der Zeit an. Denn es gehörte dazu, technische Konversation zu pflegen.

Nach gut zehn Jahren in der Szene war ich zufälligerweise in der Entwicklung einer weltweiten Bewegung verstrickt, die heute als “Hackerspaces”* bekannt sind. Eigentlich war es nur die Zusammenstellung von Erfahrung für den Aufbau von Räumen zum Austausch und dem Zusammenbringen von Menschen mit ähnlichem technisch-kreativen Mindset. Und auch heute, mehr als fünf Jahre später, erhalte ich immer noch Anfragen aus aller Welt, bei Fragestellungen zum Aufbau von Hackerspaces behilflich zu sein.

CCC und Hackerspaces haben mein Leben begleitet. Es fällt mir schwer – nein, ich sträube mich dagegen – nach so langer Zeit das alles an den Nagel zu hängen. Und das aufgrund von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Szene, wie der Umgang miteinander aussehen soll. Es haben sich mehrere Blöcke herausgebildet, die jeweils ihre totalitäre Meinung zum Umgang miteinander vertreten – auch wenn die unterschiedlichen Meinungen oftmals gar nicht mal so weit voneinander entfernt sind. Ich kann die Meinungen der diversen Gruppen verstehen, aber ich kann sie nicht immer teilen. Und hier stehe ich zwischen den Stühlen, denn in jeder Gruppe gibt es Menschen, die ich persönlich mag und mit denen ich es mir nicht versauen will.

Für mich wurde immer klarer: ich kann mich nicht von der Szene trennen. Aber ich kann auch nicht die teilweise sehr stark eingefahrenen Strukturen ändern, ohne anderen auf die Füße zu treten. Mein Gefühl ist es, dass eins in den bestehenden Gruppen nur mitwirken darf, wenn ein gewisser Level an Respekt aufgebaut wurde. Neulinge ohne Referenz haben keine Chance.

Das brachte mich dann dazu, nach dem Interesse für einen weiteren Ort in Berlin zu fragen. Zumindest ein Ort, der denjenigen Menschen, die ähnliche Erfahrung mit den festgefahrenen Strukturen der bisherigen Hackerspaces erlebt haben, einen frischen Start zu geben.

Heute lernte ich dann einen neuen Begriff dafür kennen: “Baumhaus”. Da hat mir map doch einiges zu denken gegeben. Aus dem Text lese ich heraus, dass ein weiterer Ort mehr zur Verhärtung der Probleme führt als dass sie szeneweit gelöst oder zumindest angegangen werden. Und Recht hat er.

Was ein neuer Ort bieten kann, ist für eine gewisse Zeit einen gefühlt besseren Schutz vor Problemen in der Gruppe. Denn wenn eine Gruppe ein gemeinsames Ziel hat und auf dieses zustrebt, hält diese Gruppe zusammen. Diese Zeit wird rückwirkend betrachtet als die “beste Zeit” wahrgenommen, denn es war ein Zusammenhalt dabei, der Freundschaften hervorbrachte. Ist das Ziel erreicht und es folgen keine neuen, gemeinsamen Ziele, bilden sich Cliquen, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Nach einer gewissen Zeit treten Probleme auf, bei deren Diskussion immer häufiger fingerzeigend die Worte “die da” fallen. Der Kreislauf der Trennung und dem verfolgen von neuen Zielen beginnt erneut.

Eine einfache, schnelle Lösung aller Probleme des Miteinanders wird es nicht geben. Es sind eher viele, kleine Schritte notwendig, die uns wieder zusammenbringen. Und hier können – nein müssen – alle mitmachen und insbesondere wollen. Eine Herausforderung, die aber zu schaffen ist.

Zusammenfassung: Der Umgang in der technik-kreativen Szene ist angeknackst. Es fehlt an einem gemeinsamen Ziel, auf das wir hinarbeiten wollen.

Be excellent to each other!

*Heute benutze ich den traditionellen Begriff “Hackerspaces”, den ich sonst gegen die andere Form “Hack_Space” austausche, um darzustellen, dass zwischen dem “Hack” und ”Space” (Raum) mehr steht, als nur die Beziehung auf die Form des männlichen, technisch-affinen Nerds.