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Readmill an der Côte d’Azur

Alles ging so schnell. Zeit zum Nachdenken bleibt da kaum – geschweige zum bloggen. Aber es ist extrem positiv.

Aus den zwei Wochen bei Readmill werden jetzt mindestens drei Monate. Das heißt, ich werde meine Zelte in Köln abbrechen und nach Berlin ziehen. Meine früheren Vorbehalte gegen Berlin und seine Menschen sind durch viele positiven Veränderungen in den letzten zwei Jahren weggeblasen. Die ersten beiden Wochen auf Dauer in dieser Stadt waren sehr abwechslungsreich. Es fühlt sich an wie eine weitere Chance, die zeigt, dass das Leben gar nicht grau und eintönig sein muss.

Kurz ein Überblick meiner Abendbeschäftigungen: OpenDesignCity, CCC Berlin, Queer Geeks and Naughty Nerds Meeting, gemütlich mit Freunden Bier trinken gehen, Privatparty auf dem SoundCloud-Sonnendeck, c-base, Pool am Pfefferberg mit Phonoelit, Brunnenstrasse9a-Party, ph-neutral. Sehr durchmischt und immer wieder mit anderen Personen.

Mein Einstieg bei Readmill ging mit großen Schritten voran. Es ist ein junges und agiles Team von fünf Schweden und nun mir als einzigen Deutschen. Das Büro ähnelt mehr einem Coworking Space, da das Startup Eye’Em mit drin sitzt. Der Raum hat hier und da noch Baustellen, die im Laufe der Zeit langsam abgebaut werden. Die Entwicklung läuft sehr agil und schnell vorwärts, wodurch täglich neue Ergebnisse zu sehen sind. Und jeder trägt dazu bei. Etwas, das ich mir schon lange gewünscht habe, aber in traditionellen und sehr deutschen Unternehmen selten anzutreffen ist. Die Internationalität, das Team und “moderne Arbeitsweisen” machen es aus, dass ich gerne länger im Office bleibe oder auch mal am Wochenende rein schaue. Interessanterweise sagten mir inzwischen einige Bekannte, dass ich seit dem Wechsel nach Berlin um einiges entspannter bin und einen Eindruck ausstrahle, dass ich gar nicht mehr erkannt wurde. Sorgen mache ich mir deswegen nicht – ganz im Gegenteil!

Wem noch nicht klar ist, was Readmill eigentlich macht, schiebe ich eine kurze Erklärung ein. Die Hauptfunktionalität wird sein, dass Leser eines eBooks darin Stellen markieren und kommentieren können. Diese lassen sich mit Freunden der Social Community austauschen, die wiederum darauf kommentieren können. Wer SoundCloud kennt, dem wird dieses Prinzip bekannt vorkommen. Nur, dass es nicht um Songs geht, sondern um Bücher.

Strand in Cannes
Strand in Cannes

Aktuell haben wir uns für eine Hackweek nahe Cannes an der Côte d’Azur in Frankreich zurückgezogen. Für mich kam das ein wenig plötzlich, da ich seit meinem recht plötzlichen Aufbruch Mitte Mai aus Köln nicht mehr daheim war, um ein paar passende Sachen mitzunehmen. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass ich alles dabei hatte, was ich benötigen würde. Und da ich nichts vermisse, überlege ich ernsthaft, ob ich mich von vielen Dingen in Kürze trennen soll.

Zurück ans Mittelmeer. Die Tage bestehen aus Sightseeing und Hacken. Ideen umsetzen, die im Geschäftsalltag zu kurz kommen. Das ganze in einer gemütlichen Atmosphäre in einem schicken Ferienhaus etwa fünf Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt. Das schweisst das Team zusammen und hilft extrem, sich besser kennen zu lernen. Der Flug kam sehr gelegen, denn Urlaub hatte ich schon lange nicht mehr gehabt. Aber einen Urlaub nur zum Abhängen kann ich mir eh nicht vorstellen und somit trifft es sich gut, dass gleichzeitig noch schön rumgehackt wird.

Doch leider ist der Aufenthalt am Mittelmeer nicht von Dauer und in Berlin erwarten mich einige Aufgaben, die gemeistert werden wollen. Insbesondere eine Wohnungssuche und ein Umzug. Wann ich das nächste Mal nach Köln komme ist auch noch sehr unklar. Die Zeit wird es zeigen. Dadurch verändert sich bereits in meiner Konferenzplanung, dass ich das PolitCamp nicht besuchen werde. Das letzte OpenChaos zur Demoscene habe ich bereits verpasst. Aber eins lernt man in Berlin schnell: „Nein sagen“ – und es nicht zu bereuen.

Berlin im Mai

Nach nur drei Wochen hat es mich am vergangenen Wochenende spontan wieder nach Berlin verschlagen. Ein fehlerhaft eingetragener Termin machte es möglich, dass ich doch zum Camp 2011 Field Day erscheinen konnte, um mir nach knapp vier Jahren ein Bild vom Gelände des diesjährigen Chaos Communication Camp auf dem Luftfahrtmuseum Finowfurt zu machen.

Ich war erstaunt, dass etwa 50 Personen quer aus Europa zur Besichtigung des Geländes angereist waren. Teils mit langen Metermaßbändern, um die Aufstellfläche für ihr aufzubauendes Village abzumessen. Ganz groß dabei sind die Benelux-Hacker vom Hₓ² mit einer wahnsinnigen Planung.

Für die FabLab-Community hat sich ergeben, dass wir einen ganzen Shelter (Flugzeughangar) erhalten können, wenn wir es schaffen, diesen zu bespielen. Mein persönlicher Traum ist es, wenn diverse FabLabs ihre Produktionsmaschinen, Werkzeuge und Bastelkrams mitbringen und wir in dem Shelter für die Zeit des Camps ein voll funktionsfähiges FabLab aufbauen können. Damit hätte jeder die Möglichkeit, auf die Schnelle etwas zu produzieren, was genau in diesem Moment auf dem Camp fehlt. Das heißt aber auch, dass die diversen FabLabs dazu organisiert werden müssen. Und das binnen der nächsten zwei Wochen, um eine Aussage zu treffen, ob wir den Shelter mit Workshops bespielt kriegen.

Берлин 50km in Finowfurt

Ob ich die Zeit dazu finde, ist fraglich. Denn vor dem Camp Field Day hatte ich die Chance, ein Gespräch mit Henrik Beggren zu führen. Henrik hat vor knapp einem halben Jahr mit mehreren schwedischen Bekannten die Plattform Readmill gegründet. Da ein Start-Up in Stockholm seiner Aussage nach wenig Chancen hat, zog er im März nach Berlin. Hinzu kommt, dass seine Vergangenheit bei SoundCloud liegt, die ebenso von Stockholm nach Berlin zogen und inzwischen einen recht guten Stand in ihrem Sektor der Online Audio Platform haben. Meinen ersten Kontakt mit Henrik hatte ich erst drei Tage vor unserem Treffen – wobei wir feststellen mussten, dass wir uns bereits auf einem Chaos Communication Congress über den Weg gelaufen sind, aber kein Wort miteinander gewechselt hatten. Aus unserem geplanten einstündigen Gespräch wurden zweieinhalb Stunden, die viel zu schnell vergingen. Mit dem Ergebnis, dass ich bereits am 16. Mai für zwei “Probearbeitswochen” nach Berlin gehen werde, um mir das Projekt anzuschauen und aktuell offene Lücken im Team zu füllen. Selbst die Suche nach einer Wohnung zur Untermiete für den Zeitraum hat sich binnen eines Tages geklärt. Es fühlt sich gerade an wie ein Traum und die ganze Situation muss noch ein wenig in mir sacken. Updates werden mit Sicherheit folgen.

Mir fällt dazu nur ein Zitat vom Schriftsteller Hermann Hesse ein

Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.

So kam es sehr gut gelegen, dass ich den Samstagabend zuerst mit vielen alten Bekannten am Grill in der c-base und später bei elektronischen Klängen von Mumpi ausklingen lassen konnte.