Easterhegg 2011

In den vergangenen Tagen fand in Hamburg das 11. Easterhegg statt. Da ich zu den wenigen Personen gehöre, die alle bisherigen Easterheggs besucht hat, ist es für mich quasi ein Muss, dieser Veranstaltung weiterhin treu zu bleiben. Doch dieses Jahr war irgend etwas anders, denn ich fühlte mich in gewisser Weise “unwohl”.

Diskussionskultur

In der Vergangenheit war das Easterhegg die “Familienveranstaltung” des CCC. Man traf sich in kleinerer Runde als auf dem Chaos Communication Congress, es wurde produktiv an Technik gearbeitet oder intensiv diskutiert. Waren es noch beim ersten Easterhegg knapp 150 Besucher, kamen zum diesjährigen mehr als 300 Personen. Dadurch, dass Ostern dieses Jahr sehr spät lag, hatten wir ein wunderbares Frühsommerwetter mit Temperaturen jenseits der 20ºC-Marke und die Veranstaltung verlagerte sich verstärkt vor die Tür statt sich in den Vortrags- und Workshopräumen zu tummeln. Am zweiten Tag waren dann auch die vormals im Gebäude befindlichen Couches vor die Tür geräumt und ein dauerhaftes Trink- und Kiffgelage hielt Einzug.

Es wurde zunehmend schwierig, eine Gruppe zu finden, in der ich mich intensiv zu einem Thema unterhalten konnte. Ständig kamen Leute hinzu oder andere gingen weg. Das führte dazu, dass anfänglich gute Diskussionen von offensichtlichen Pöblern gesprengt wurden, die alles darauf setzten, in irgendeiner Weise durch Coolness zu trollen. Der verstärkte Konsum leichter Drogen führte zu einer gewissen Lethargie alles etwas lockerer zu sehen und sich eher seichteren Themen zuzuwenden. Oder um es mit einem von Eleanor Roosevelt zugesprochenen Zitat auszudrücken:

Great minds discuss ideas. Average minds discuss events. Small minds discuss people.

Statt Ideen zu diskutieren wurde immer mehr über Events oder halt einfach Personen hergezogen. Ein Armutszeugnis?

Verlust der Privatsphäre

Ein anderer Aspekt ist selbst in Kreisen der “Datenschützer” (zu denen ich durchaus dem Chaos Computer Club nahe stehende Personen zähle) die vermehrt festzustellende Tendenz, die Privatsphäre anderer Personen nicht zu respektieren. Mir ist es so ziemlich egal, wenn mir jemand auf den Bildschirm schaut. Nur, was ich einfach nicht leiden kann, sind Kommentare oder Fragen zu dem, was dort angezeigt wird. Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch, doch ich erwarte eher ein Verhalten, dass eine Kommunikation zu meinem Bildschirminhalt ausbleibt. Information aufnehmen, aber bitte weitergehen. Deal with it.

Was hilft, um nicht ständig angelabert zu werden (vielleicht, weil man mal eine Stunde Ruhe braucht, um den zu haltenden Vortrag zu finalisieren), sind Kopfhörer. Keine kleinen In-Ear, sondern so schöne große Monster-Teile. Um von weitem non-verbal mitzuteilen: „Ich höre Dich nicht, Du brauchst mich nicht ansprechen. Und wenn Du es doch tust, dann kriege ich das nicht mit.“

Recht auf Nichtkommunikation

Ähnlich verhält es sich bei Rundgängen durch das Gebäude. “Mal eben schnell etwas erledigen” (wie beispielsweise einen frischen Kaffee holen) kann zu einer längeren Geduldsprobe werden. Man trifft jemanden auf dem Gang, wird angesprochen und statt eines kurzen “Hallo” direkt in einen Smalltalk über das Leben & Co. seit der letzten persönlichen Begegnung verwickelt. Ganz hartnäckig sind die Kandidaten auf meiner Real-Life-Ignore-Liste, denen ich versuche aus dem Weg zu gehen, aber was auf schmalen Gängen nicht immer funktioniert. Ich versuche freundlich zu bleiben und ein kurzes Gespräch zu führen, aber mich so schnell wie möglich unter Vorwänden (oder eben auch keinen, wie beispielsweise das Kaffee-Holen) aus dem Gespräch raus zu winden.

Der Versuch, den Gesprächsaufbau einfach zu ignorieren und schnell weiter zu gehen, schlug schlicht fehl: So wurde ich angesprochen, ob “irgendetwas nicht stimmt”, “was denn los sei” oder einfach hinterher gerufen, um eine Reaktion von mir zu erhalten. (Pro-Tip: ein Hoodie mit aufgesetzter Kapuze wirkt besser und ähnlich wie der große Kopfhörer im vorigen Abschnitt.)

In einem Dialog mit einem Bekannten sagte mir dieser, dass das fragende Verhalten der Nerds auf FUD (Fear, Uncertainty, Doubt) zurückzuführen ist. So kann das Ablehnen eines Gesprächs zu Unsicherheiten führen, denn die Person ist es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden. Oder die Person reflektiert die Ablehnung auf ein Fehlverhalten ihrerseits, wodurch meinerseits kein Interesse am Gespräch besteht. Dass ich schlicht manchmal keine Lust auf ein Gespräch habe, um meine eigenen Dinge zu erledigen, kommt wohl kaum jemanden in den Sinn.

Oder schön von einem Freund zusammengefasst:

Nerds trying to communicate … eine Fallstudie in teilweise seltsamen und erfolglosen Ansätzen

Unzufriedenheit

Aber die angesprochene Unzufriedenheit ist nicht nur bei den anderen zu suchen. Da kann ich mir auch an meine eigene Nase packen. Schließlich habe ich eine gewisse Erwartungshaltung, wie ich mich selbst darstelle und auf Gespräche eingehe – es dann aber nicht mache und somit selbst mit der Situation unzufrieden bin.

Dadurch verkürzte sich meine Anwesenheit beim Easterhegg im Eidelstedter Bürgerhaus auf ein Minimum. Bevor ich noch unverschämter zu Personen werde, die mir im Grunde nichts getan haben, hielt ich mich von der Veranstaltung fern. Präsenz zeigen, aber keine Artillerie auffahren. Möglicherweise eine Strategie zur Bewältigung kommender Veranstaltungen.

Abschlussbemerkung

Es ist nicht meine Intention, alle Besucher in den gleichen Sack zu stecken und darauf rumzuknüppeln. Eventuell sind es meine eigenen Konvergenzfehler, die zu den aufgezählten Beobachtungen führten. Falls sich jemand fälschlicherweise beschuldigt fühlt, teile es mir über die bekannten Kommunikationskanäle mit.

Weiterhin bin ich über einen “Strategieaustausch zum schadenlosen Überleben von Veranstaltungen” interessiert.

Konvergenzfehler

Konvergenzfehler treten auf, wenn die additive Farbmischung der drei Grundfarben Rot, Grün und Blau in Röhrenbildschirmen aufgrund von Fehlern in der Lochmaske nicht erreicht werden kann.

Konvergenzfehler existieren in der Netzwerktechnik, wenn kleinere Netzwerke nicht zu größeren Verbänden zusammenwachsen können.

Konvergenzfehler gibt es in der Mathematik in der Bestimmung von Reihen und Funktionen, deren Grenzwert nicht ermittelt werden kann.

Konvergenzfehler hemmen in der Telekommunikationstechnik das Zusammenwachsen verschiedener Inhalte und Dienste.

Konvergenzfehler sind Abweichungen beim Zusammenfluss verschiedener Quellen zu einer einheitlichen Masse.

Defekte Angleichung • Lars Weiler