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Der Chaos Communication Congress zieht nach Hamburg

Die Katze ist aus dem Sack: Im Call for Participation für den 29. Chaos Communication Congress ist erwähnt, dass der Veranstaltungsort nicht wie bisher das bcc am Alexanderplatz in Berlin sein wird, sondern dieses Jahr in Hamburg. Der genaue Ort steht – etwas versteckt – in der allerobersten Zeile: das Congress Center Hamburg (CCH).

Das CCH wurde im vergangenen Jahr in den Kommentaren zu meinem Artikel über den Vorverkauf und Veranstaltungsort vorgeschlagen. Das Gebäude erfüllt alle genannten Anforderungen in dem Artikel. Der große Vorteil ist jedoch, ausreichend Plätze zu bieten, um ohne “Ticket-Roulette”, wie der Vorverkauf gerne genannt wurde, auszukommen. Auf den Vorverkauf wird dennoch nicht verzichtet, denn so ein Congress-Ticket macht sich als Weihnachtsgeschenk unterm Baum sehr gut.

Wie schon beim Umzug von Hamburg nach Berlin 1998, damals in das Haus am Köllnischen Park, wird der Congress sich neu erfinden. Aber ich stehe dem sehr positiv gegenüber. Die Idee ist es, ihn mehr wie das Chaos Communication Camp zu machen, indem es viele Räume für Projekte, Workshops und Dauerausstellungen geben wird. Das wird die Veranstaltung stark entzerren und es wird weniger gehetzt.

Die Vorträge bleiben weiterhin Kern der Veranstaltung. Der “Große Saal” im CCH kann mit 3000 Sitzplätzen auf zwei Etagen mehr Personen Platz bieten als das gesamte bcc an Stühlen zur Verfügung hat. Dazu zwei weitere Säle mit 1500 Plätzen und jede Menge kleine Räume.

Auch wenn ich nun in Berlin nur drei U-Bahnstationen vom Alexanderplatz entfernt wohne, werde ich zum Chaos Communication Congress wie seit den 90ern reisen müssen. Da ich mich für einen größeren Congress ausgesprochen habe, nehme ich diesen Nachteil gerne in Kauf. Mit dem ICE sind es nur 1:45h von Berlin Hbf nach Hamburg Dammtor und damit direkt am CCH.

Die Hackerethik als Ursache/Auslöser für Depression

Vor einigen Wochen unterhielt ich mich sehr lange mit punycode. In dem Gespräch ging es unter anderem über Depressionen und dem in letzter Zeit immer häufigeren Auftreten in der Hacker-Szene. Wir sprachen über das Geeks and Depression Panel auf dem 28C3 und darüber, dass Hacker sich immer tiefer und tiefer in die Technik reinknien anstatt mal Pause zu machen. Viele sind Perfektionisten, wollen ihre Arbeit immer noch ein Stückchen verbessern, wollen alles verstehen und keinen einzigen Punkt auch nur ansatzweise offen lassen. Die Scham darüber, an einer Stelle versagt zu haben, ist extrem groß. Außerdem will man der erste sein, etwas fertig zu stellen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dort spielt der Respekt aus der Szene mit ein, um ein besseres Standing zu haben und sich in der Gruppe Willkommen zu fühlen.

Plötzlich fiel uns die Hackerethik als Grundlage des Miteinanders in der Szene ein. Insbesondere der Satz

Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut, und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Herkunft, Spezies, Geschlecht oder gesellschaftliche Stellung.

Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut. Im Umkehrschluss liest es sich: Ohne dass ein Hacker etwas “gehackt” hat, kann keine Beurteilung stattfinden und damit keine Akzeptanz von anderen Hackern oder der Gruppe finden. Der Wunsch nach Anerkennung ist groß, bis hin zur Selbstaufgabe für den ersten Hack und danach immer mehr, um weiterhin die Akzeptanz zu bewahren. Es ist eine ständige Jagd nach neuen Aktivitäten.

Schaue ich mich auf den großen Hacker-Veranstaltungen um, so sind viele Vorträge von immer wieder den selben Leuten. Fast jedes Mal haben sie ein neues Thema im Gepäck, das sie vorstellen. Dadurch leben sie einen schnellen Stil vor, den andere Hacker beeinflusst, ihnen nachzueifern. Auch wenn dieser Stil Ansporn für andere Hacker ist, so stehe ich persönlich diesem sehr kritisch gegenüber, da dieses unter anderem der Auslöser für  eine Depression sein kann. Nicht jeder kann es sich leisten, Tag und Nacht um die Ohren zu schlagen, um so schnell wie möglich ein neues Thema in der Tiefe zu bearbeiten, wie die Messlatten der Community es erfordert. Nicht jeder kann wochenlang wissenschaftlich arbeiten und gleichzeitig soziale Kontakte pflegen, die für Ausgleich sorgen.

Die Übersetzung der Hackerethik des CCC war eine der ersten deutschen Übersetzungen und bereits zu BTX-Zeiten online nachzulesen. Sie wurde sehr frei übersetzt, denn im Englischen Original von Steven Levy heißt es:

Hackers should be judged by their hacking, not criteria such as degrees, age, race, sex, or position

Der größte Unterschied hier ist, dass er sich ausschließlich auf das Hacken und nicht wie in der Übersetzung des CCC auf alle Taten bezieht. Ethisch betrachtet ist die Übersetzung des CCC besser, da ein Mensch für sein gesamtes Handeln und nicht nur für die Hacks beurteilt werden soll.

Egal ob Originaltext oder Übersetzung, dahinter befindet sich ein System der Meritokratie, welches nicht nur in Hackerkreisen sondern in unserer Leistungsgesellschaft ständig anzutreffen ist. Hat man etwas geleistet, erhält man einen besseren Stand in der Gesellschaft und damit auch Zugang zu Gütern oder Wissen.

Die Fragen, die seit dem ersten Gespräch immer wieder in meinem Kopf kreisen und die ich bisher noch nicht beantworten konnte, sind:

  • Wie kann die Spirale des gegenseitigen Übertreffens gestoppt oder zumindest verlangsamt werden, sodass niemand zurückgelassen wird?
  • Wie vermittelt man Hackern mit Depressionen, dass sie Opfer der Anforderungen an die Hackerethik und damit der Leistungsgesellschaft geworden sind?
  • Wie bringt man einem Hacker bei, dass sie/er so, wie sie/er ist, Willkommen ist?

[28C3] Tag 4

Zurückblickend betrachtet habe ich es an keinem der sechs Tage (-1 bis 4) geschafft, vor 15 Uhr am bcc zu sein. Bei meiner Ankunft wurden bereits die ersten Bereiche zusammengeräumt, um das Gebäude in der Nacht wieder zurück zu geben. Die Kasse war schon geschlossen und die Kassentische wurden für den Abtransport auseinander genommen. Im Haus war noch ein buntes treiben, da einige interessante Veranstaltungen zum Ende gelegt wurden. Dennoch verabschiedeten sich viele Teilnehmer, um einen frühen Zug zu erwischen.

Zur Entspannung ging ich wieder in den Hardware Hacking Bereich, um ein LoL-Shield zu löten. LoL steht hierbei für Lots-of-LEDs. Ein Shield ist eine Steckplatine für einen Arduino Mikrokontroller, um Eingabe- oder Ausgabeelemente mit der CPU zu verbinden. Das Shield wird in Sandwichbauweise auf den Arduino drauf gesteckt. Da ich das LoL-Shield als Geschenk erhielt, war der Hardware Hacking Raum eine optimale Gelegenheit, um zum einen die vorhandenen Lötkolben zu nutzen und zum anderen, um mir vor Ort noch einen Arduino zuzulegen, der eh schon länger auf meiner Einkaufsliste stand.

Von Jimmie P. Rodgers unter der Lizenz CC-BY-NC-SA

Es sieht nicht nach viel aus, doch an den 126 LEDs habe ich gute 1½ Stunden rumgelötet. Im Hintergrund machte Fabiennes Strickmaschine ein beruhigendes, gleichmäßiges Geräusch und am Tisch wurden ein paar Gespräche zur Netzpolitik geführt. Löten ist eine wunderbare Nebenbeschäftigung für Gespräche! Ein kurzer Funktionstest zum Ende erfreute mich sehr, da ich beim Löten keinen einzigen Fehler machte und alle LEDs wunderschön aufleuchteten.

Und dann kam der große 28C3 Abbau: Stück für Stück wurden Räume geleert, bis fast nur noch der große Saal mit der Abschlussveranstaltung und das Hackcenter übrig blieben. Doch auch dort wurde nach dem Ende der Abschlussveranstaltung das Licht eingeschaltet und die Plätze geräumt. Nun ging es darum Kilometer von Kabeln zusammenzurollen und in Kisten zu verstauen, wo sie beim nächsten CCC-Event wieder eingesetzt werden. Und natürlich das ganze andere Material, was sich inzwischen bei der CCCV GmbH angesammelt hat, wie Lichtelemente für angenehmeres Licht, Switches, Küchenmaterial, Rechner, Kassen, Drucker usw. Die Couches mussten wieder auf einen LKW verpackt werden, um woanders zum Einsatz oder in die Presse zu kommen.

Binnen fünf Stunden vom Ende der Abschlussveranstaltung bis zum letzten abtransportieren Gerät war das bcc leergefegt. Ein neuer Rekord!

Doch so lange blieb ich nicht, denn in der c-base war eine After-Party angesagt. Dort angekommen fühlte ich mich aufgrund geschlossener Lüftungstüren in einer Sauna wieder. Den ein bis zwei Personen hinter der Theke konnte man beim Laufen die Schuhe besohlen, was durch die Bestellung von vielen Cocktails nicht beschleunigt wurde. Dass ich für Flaschengetränke 15min Wartezeit habe, ist echt nicht normal gewesen. Beim Frischeluftschnappen mit towo vor der Tür überkam uns beim Anblick der Warteschlange ein kleiner Schrecken. Wir entschieden uns erstmal für ein paar Stunden im CCCB zurückzuziehen, wo wir beim Ausräumen von Congressmaterial aus Fahrzeugen mithelfen konnten.

Später in der Nacht war die c-base wieder angenehm, wenn auch die Musik nicht so ganz stimmte, aber viele Nerds hüpften rum und so fühlte sich der DJ bestätigt. Noch viel später wurde die Twitterwall durch das Dokuvideo vom Chaos Communication Camp ersetzt, was im Hintergrund an einen sehr schönen Sommer erinnerte. Dazu waren einige Freunde anwesend, die ich im Laufe des Jahres sehr lieb gewonnen habe, wodurch die Nacht lang und angenehm wurde.