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MS Wissenschaft

“MS Wissenschaft” alias “Jenny”
“MS Wissenschaft” alias “Jenny”

Die MS Wissenschaft ist ein Binnenschiff, das eigentlich auf den Namen Jenny getauft ist. Seit 2002 fährt dieses Schiff im Sommer als MS Wissenschaft mit einer zum Wissenschaftsjahr passenden Ausstellung quer durch Deutschland und angrenzende Staaten, macht für ein paar Tage in ausgewählten Städten Halt und ist dort kostenlos zu besuchen.

Das diesjährige Wissenschaftsjahr steht unter dem Motto Die Digitale Gesellschaft und somit lautet die Ausstellung Digital unterwegs. Ich war zu der Auftaktveranstaltung vor offizieller Eröffnung mit Überführung vom Berliner Westhafen zum Schiffbauerdamm am Bahnhof Friedrichstraße geladen. Dabei wurden fünf Exponate von den betreuenden Wissenschaftlerinnen und Expertinnen vorgestellt.

Das ganze fand wieder im Rahmen eines ScienceTweetup statt, bei dem ich schon öfters anwesend war. Der Name ist etwas irreführend, kommt aber ursprünglich vom SpaceTweetup, bei dem sich geladene Interessierte trafen und mit Weltraumfahrerinnen, -wissenschaftlerinnen oder -ingenieurinnen austauschen konnten. Das ganze wurde auf die Wissenschaft ausgeweitet, um mehr Öffentlichkeitsarbeit zu machen und die Themen in die sozialen Medien zu tragen. Im Namen stecken die Begriffe Twitter und Meetup, aber darauf ist es nicht begrenzt.

Für mich war es das dritte ScienceTweetup. Zuvor war ich schon letzten Sommer im Vorprogramm der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin-Adlershof dabei und im November beim Start der SWARM-Satelliten.

Begrüßung

Der nördliche Ausgang des U-Bahnhof Westhafen führt direkt ins Hafengebiet, wo die MS Wissenschaft vertäut lag. Es war noch emsiges Treiben am Kai, da Aufbaumaterial raus gebracht und die letzten Arbeiten abgeschlossen wurden.

Erstmal einen Kaffee aus dem Bordreplikator und ein Gruppenfoto auf Deck. Bei der danach folgenden offiziellen Begrüßung unter Deck quatschte der elektronische Begleiter Oskar die ganze Zeit rein, weshalb ich kaum ein Wort verstand. Diese elektronischen Begleiter haben einfach noch kein Taktgefühl, wann sie mal ihre Lautsprecher dicht halten sollen…

Uns wurde kurz das Konzept des Speeddatings an den Exponaten erklärt. In jeweils 10min an fünf Stationen werden wir Infos zum Exponat erhalten und können Fragen an die Wissenschaftlerinnen und Expertinnen stellen.

Wegweiser

Der etwa 500m² Raum große Raum im Inneren des Schiffs wurde sehr schön hergerichtet. Richtig futuristisch mit wegweisenden, leuchtenden Bändern an der Decke. Das gefiel mir sehr. Ich gehe hier mal die Reihenfolge durch, wie ich sie mitgemacht habe.

Ornithologie

Erstmal Verwunderung: was macht die Vogelbeobachtung in der Digitalen Gesellschaft? Dann wurde uns ein etwa Smartphone-großer Sender gezeigt, der an (große) Zugvögel befestigt wird, um deren Zugverhalten zu beobachten. Die Ortsdaten werden von GPS empfangen und per Mobilfunk an die Datenbank Movebank übertragen. Wie das nun genau mit Roaming usw. funktioniert konnte nicht erklärt werden, aber das ist eher eine Nebensache. Damit die Akkus lange halten, werden diese mit einer Solarzelle aufgeladen.

5mm großer Peilsender durch Lupe betrachtet (und Interferenzen von der Beleuchtung)
5mm großer Peilsender durch Lupe betrachtet (und Interferenzen von der Beleuchtung)

Neben Zugvögeln werden viele weitere Tiere getrackt. Ebenso wird an kleineren Sendern geforscht. So soll die nächste Generation nur 5mm groß sein und kann auch kleinen Tieren aufgesetzt werden. Diese Daten sollen von der Internationalen Space Station (ISS) im Rahmen der ICARUS Initiative ab 2015 ausgelesen werden. Ich war völlig erstaunt, dass auch solche Projekte an Bord der ISS stattfinden. Federführend steht dahinter das Max-Planck-Institut für Ornithologie in Oberbayern und  das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR.

Erschreckend finde ich eher, dass die Technik bereits so weit ausgereift ist, mittels kleinster Empfänger Bewegungen tracken zu können. Wann wird das neben trackbaren (und ausschaltbaren) Smartphones auf Menschen ausgeweitet?

Freies Wissen und Freie Daten

Hier zeigen sich die beiden Vereine Wikimedia Deutschland und Open Knowledge Foundation Deutschland. Ein Exponat ist eine auf OpenStreetMap basierte Karte, die Wikipedia-Artikel in der Nähe des Standorts zeigt. Also im Grunde nichts anderes, was bereits viele Smartphone-Apps seit Jahren schon machen. Aber womöglich kennen manche Besucherinnen der Ausstellung dieses noch nicht, weshalb es durchaus Sinn macht, diese Verknüpfung von frei zugänglichen Daten zu zeigen.

Beim Exponat der Open Knowledge Foundation geht es mehr darum, die Sensibilisierung für frei verfügbare offene Daten zu fördern. Insbesondere am Beispiel von Daten für den Öffentlichen Personen(nah)verkehr im Rahmen von Berlin Open Data. In unserer Gruppe entstand eine Diskussion darüber, wie dieses Ziel verwirklicht werden kann und an welcher Stelle wirtschaftliche Interessen die Erreichung des Ziels torpedieren.

Internet- und Smartphonesucht

Beim Exponat des Institut für Psychologie der Universität Bonn stehen Smartphones und Tablets bereit, die einfach so benutzt werden können. Das Nutzungsverhalten wird getrackt und visualisiert. Auf den Tablets gab es einen Fragebogen, um eine Selbsteinschätzung zum eigenen, möglichen Suchtverhalten zu erhalten. Dieser (zweifelhafte) Fragebogen ist auch von außerhalb des Schiffs verfügbar.

Für meinen Geschmack hängt die Forschung hier sehr stark hinterher. Die Fragen und die Erläuterungen gehen selbst im Jahr 2014 noch davon aus, dass für den Online-Zugang eine Einwahl notwendig ist. Seit mindestens 10 Jahren sind Flatrates üblich und Offline bin ich eher durch äußere Umstände wie schlechten Netzausbau in der U-Bahn oder der brandenburgischen Pampa.

Die Diskussion mit dem Wissenschaftler Dr. Christian Montag brachte ein paar Aspekte zur Beurteilung einer Online-Sucht mit rein. Einige Aussagen dabei waren:

  • Wer das Internet viel beruflich nutzt, ist weniger Suchtgefährdet.
  • Jugendliche fliegen von der Schule oder verlieren ihre Ausbildung durch exzessives Spielen von World of Warcraft.
  • Unkonzentriertheit und Nervosität macht sich während einer Offline-Phase bemerkbar.
  • Schlafmangel durch lange Zeit im Internet.
  • Aufgaben des täglichen Lebens werden vernachlässigt.
  • Bei einer Analyse der geschriebenen Texte, beispielsweise mit der in Bonn entwickelten Android App, kann Depression diagnostiziert werden.

Mir kommt es so vor, dass diese Studie von Wirtschaft, überforderten Eltern und Lehrern gefördert ist. Eine Überschneidung der Gruppen ist möglich, also in der Wirtschaft tätige überforderte Eltern. Das Internet wird als Problem beschrieben statt es als Chance zu begreifen. Eltern und Lehrer kommen mit der technischen Entwicklung nicht mehr nach und können Kindern den Umgang nicht beschreiben.

Denn das größte Problem ist aus meiner Sicht, dass die Einführung eines weiteren Pfeilers in der Grundschule seit Mitte der 1990er-Jahre verschlafen wurde: neben Lesen, Schreiben und Rechnen bedarf es des Fachs Suchen, Finden und Bewerten. Oder auch Medienkompetenz.

Es wird die Chance vertan, uns fit für die Zukunft zu machen. Es ist einfacher, den Zeigefinger zu heben statt die Technik zu nutzen. Das ist ein wenig Schade und es hätte mich gefreut, wenn das als Pate stehende Bundesministerium für Bildung und Forschung mehr in diese Richtung gezeigt hätte. Eventuell soll dieses Exponat konkret ein Gegenpol zu den ansonsten vielen positiven Darstellungen sein.

Prothesen

Auch bei diesem Exponat fragte ich mich erst, was es mit der Digitalen Gesellschaft zu tun hat. Beim Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf (das ist ein historischer Name und müsste heute eher Materialforschung heissen) wird nach einem Alternativmaterial für Knochenprothesen geforscht. Heute sind diese aus Titan, was jedoch viel stabiler als menschlicher Knochen ist. Das führt dazu, dass weniger Elastizität in den Gelenken sitzt und nach einigen Jahren die Gelenke aus natürlichen Knochen verschlissen sind.

Die Forscherinnen haben nach einer Legierung gesucht, die ähnliche Steifigkeit wie der Knochen aufweist. Diese Forschung konnte mittels Quantencomputeralgorithmen durchgeführt werden. Eine optimale Kombination besteht laut der Analyse aus Titan und Niob – Titan und Arsen wäre noch besser, aber Arsen ist leider gesundheitsschädlich.

Mit der Digitalen Gesellschaft hat es insoweit zu tun, als dass Computer für die Berechnung unserer Cyborg-Ersatzteile eingesetzt werden. Viel spannender fände ich, wenn in die künstlichen Knochen Sensoren eingebaut werden, wie stark die Belastung ist. Aber erstmal muss es überhaupt zur Produktion und Tests mit dieser neuen Legierung kommen. Da ist nun der Übergang von der Grundlagenforschung zur angewandten Forschung gefragt.

Interessanterweise gibt es diese Legierung bereits in der Weltraumtechnik als Austrittsdüse eines Raketentriebwerks. Doch darauf wurde nicht eingegangen. Vermutlich sind diese Wissenschaftsfelder doch zu weit voneinander entfernt.

Schwarze Löcher und Neutronensterne

An der letzten Station ging es um die Entdeckung von schwarzen Löchern. Das Prinzip ist recht einfach (und wurde uns von Dr. Benjamin Knispel vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik/Albert-Einstein-Institut sehr anschaulich erklärt): wie Albert Einstein bereits in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie beschrieb, werden bei Wechselwirkungen von Gravitationskörpern Gravitationswellen erzeugt. Diese sind auch auf der Erde nachzuweisen, indem Partikel minimal gestaucht und gestreckt werden. Über einen in L-Form aufgesplitteten Laserstrahl mit Schenkellängen von mehreren Kilometern können mittels Interferometrie diese Veränderungen gemessen werden. Die Wissenschaftlerinnen haben bereits vier solcher Anlage aufgebaut und werten die Daten aus.

Insbesondere fallen solche Gravitationswellen an, wenn extrem massereiche Objekte wie Neutronensterne (also Sterne im Endstadium, die nicht zum schwarzen Loch wurden) mit anderen massereichen Objekten wechselwirken. Das können wiederum Neutronensterne oder auch schwarze Löcher sein.

An dieser Stelle kann nicht oft genug betont werden, dass schwarze Löcher keine “Löcher” sind, sondern ebenso wie Neutronensterne ausgebrannte Sterne mit einer noch größeren Masse, dass selbst das aus Wellen und Teilchen bestehende Licht das Gravitationsfeld nicht verlassen kann. Somit können schwarze Löcher auch nicht gesehen werden, aber durch dieses Gravitationswellenverfahren ist es möglich, die Position zu bestimmen.

Für die Berechnung der Position wird auf ein Community-Projekt zurückgegriffen. Ähnlich wie schon vor 15 Jahren SETI@Home den eigenen Rechner während der nicht genutzten Zeiten Berechnungen durchführen ließ, macht es auch das Projekt Einstein@Home. Aktuelle GPUs sind dafür sehr gut geeignet; ein neues Projekt für ausgediente BitCoin-Cluster?

Durch bessere Messmethoden ist es nun sogar möglich, nicht nur schwarze Löcher in unserer Galaxie zu entdecken (neben dem im Zentrum gibt es diverse weitere), sondern die Suche kann bereits auf den Virgo-Cluster ausgedehnt werden. Also auf etwa 1300 bis 2000 Galaxien.

Überfahrt

Bild von Felix Metzger @ffmetzger https://twitter.com/ffmetzger/status/463361524409851904
Bild von Felix Metzger @ffmetzger https://twitter.com/ffmetzger/status/463361524409851904

Das Speeddating an den Exponaten ging viel zu schnell rum. Beim letzten Exponat merkte ich schon, wie der Boden unter meinen Füßen wackelte und etwas stärker schwankte. Durch eine Treppe im Bug schaute ich nach oben und sah das Schiff knapp unter einer Brücke weggleiten: Die MS Wissenschaft fährt und wir dürfen ausnahmsweise bei einer Fahrt an Deck sein. Denn der Westhafen ist viel zu weit weg von den Besucherströmen. Ziel ist der Schiffbauerdamm am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Mitte.

IMG_0283Die Fahrt wurde ein schönes Erlebnis, denn mit den 100m Länge ist sie ein ganzes Stück größer als die meisten Ausflugsschiffe und kann nur mit Hilfe eines weiteren Lotsen am Bug durch die engen Wasserstraßen manövriert werden. Mehrmals durften wir Brücken-Limbo spielen, da nur wenige Zentimeter Platz zu den Aufbauten verblieben – also Köpfe einziehen! Auch die Kapitänskajüte musste dazu abgelassen werden, da sie sonst an der Brücke hängen geblieben wäre.

Der Blick vom Wasser auf die Stadt ist noch mal ganz anders. Es kann auch an der sehr schönen Abendsonne gelegen haben. Auf jeden Fall ein Erlebnis wert!

Danke an die Organisatoren für dieses Event – inzwischen sind beim ScienceTweetup so viele Gruppen beteiligt, dass ich den Überblick verloren habe. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn es ist umso besser, dass hier die Wissenschaft an einem Strang zieht. Also, danke und weiter machen!

Die Tour

Die MS Wissenschaft wird bis Ende September durch Deutschland und Österreich fahren. Die kostenlose Ausstellung mit viel mehr als den von mir beschriebenen Exponaten ist auf jeden Fall einen Besuch wert! Wann und wo Halt gemacht wird, gibt es im Tourkalender.

Bis Sonntag ist sie noch in Berlin und am Samstagabend im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften bis 24 Uhr (statt 19 Uhr) zu besuchen.

Das Leben eines Funkamateurs

Seit etwa 15 Jahren interessiere ich mich für den Amateurfunk und darf selbst seit September 2006 nach bestandener Prüfung daran teilnehmen. Im Laufe der Jahre hat sich das ein oder andere Funkgerät bei mir eingefunden – und nun ist ein weiteres Gerät dabei.

Seit Anfang dieses Jahres haben einige Bekannte in Berlin ihre Prüfung zur Teilnahme am Amateurfunk bestanden. Daraus ist eine schöne Gruppe geworden in der wir gemeinsam Antennen bauen oder Geräte ausprobieren. Die Funkpraxis abseits von Veranstaltungen des Chaos Computer Clubs oder von Contesten macht mir viel Spaß. Es ist ein Hobby und soll auch so betrieben werden.

In dieser Gruppe kam die Idee auf, ein schönes, altes Röhrenfunkgerät anzuschaffen, um an diesem Gerät den Aufbau und Betrieb zu studieren. Im Gegensatz zu modernen, DSP-basierten Geräten, muss noch alles analog von Hand eingestellt werden. Es gibt kaum Knöpfchen zum Drücken, sondern viele Rädchen zum verstellen. Nebenher haben Röhren statt Transistoren ihren ganz besonderen Charme.

Heute gab es im FEZ in der Wuhlheide einen Amateurfunkflohmarkt. Neben vielem Kleinkrams, abgelöteten Bauteilen von Platinen, inzwischen auch das ein oder andere Smartphone, stand dort ein Röhrengerät rum. Ein HeathKit HW-100. Es macht einen sehr guten und gepflegten Eindruck und ist sogar komplett mit Aufbau- und Servicehandbuch. HeathKit hat Funkgeräte als Bausatz vertrieben, die der Funkamateur selbst zusammenbauen musste.

Der Verkäufer meinte zu mir, er habe es aus einem Nachlass übernommen. Nach näheren Details hatte ich nicht nachgefragt, denn der Amateurfunk ist zumindest in Deutschland überaltert. Aktuell gibt es viele Geräte aus Nachlässen verstorbener Funkamateure, da die Angehörigen mit der Technik wenig anfangen können.

Der Vorbesitzer

Auf dem Gerät ist ein geprägtes Klebeschild mit dem Rufzeichen des Vorbesitzers angebracht: DL7KJ. Rufzeichen sind die weltweit eindeutigen Kennungen von Amateurfunkstellen, also eines jeden Funkamateurs oder auch Klubstationen und automatisch betriebenen Station. Das Rufzeichen kann nach bestandener Prüfung beantragt werden und erst nach Zuteilung darf am Amateurfunkdienst teilgenommen werden. In der Regel bleibt ein Rufzeichen ein Leben lang gültig oder man gibt es selbst zurück. In seltenen Fällen ändert sich etwas am Rufzeichenplan, wonach das Rufzeichen ausgetauscht wird.

Wem welches Rufzeichen zugeteilt ist, kann in Deutschland bei der zugständigen Behörde, der Bundesnetzagentur, nachgeschaut werden. Dort ist DL7KJ keiner Person zugeordnet. Aber ich fand interessanterweise einen Rundspruch aus dem Jahr 1968. Dort wird mitgeteilt, dass das Rufzeichen DL7KJ nach erfolgreicher Prüfung an Bodo vergeben wurde.

In dem Servicemanual, das dem Funkgerät beilag, fand ich eine Garantiekarte vom 23.12.1968, die sich mit dem Namen deckt. Als kleine Geschichte kann ich mir vorstellen, dass sich DL7KJ den HW-100 zu Weihnachten als erstes eigenen Funkgerät geleistet hatte.

Weiter gibt es im Internet eine QSL-Karte vom 20.05.1975. QSL-Karten werden im Funkverkehr (Amateurfunk oder früher auch gerne Langwellenradio) verwendet, um den Empfang einer Station zu bestätigen. Auf der Karte steht auch drauf mit welchem Funkgerät, welcher Antenne und in welcher Betriebsart die Verbindung zustande kam.

QSL-Karte von DL7KJ mit DL7SP (lokale Kopie angelegt)
QSL-Karte von DL7KJ mit DL7SP (lokale Kopie angelegt)

An diesem Tag hat sich DL7KJ mit DL7SP auf 28MHz (10m) in SSB (Single-Side-Band, also mit Sprache) um 17:09h UTC unterhalten. Als verwendetes Gerät steht HW-100 auf der Karte. Ich gehe mal ganz stark davon aus, dass es genau das Gerät ist, was ich heute aufgekauft habe!

Es gibt noch ein paar weitere Suchmaschinentreffer zu DL7KJ. Ein Glückwunsch zum 60 Geburtstag im Jahr 2000. Ein paar Bilder von Amateurfunkveranstaltungen in 2007. Und einen Hinweis darauf, dass er im Sommer 2011 noch gefunkt hat.

In der Mitgliederzeitschrift CQ DL des DARC e.V. habe ich in der Ausgabe 02-2014 in der Kategorie Silent Key (“schweigende Taste”) gelesen, dass Bodo DL7KJ im November 2013 verstorben ist. Vielleicht hatten wir uns noch im Sommer auf einer Veranstaltung getroffen – aber ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern.

Ich gehe davon aus, dass Bodo knapp 45 Jahre lang der erste und einzige Besitzer des Funkgeräts HW-100 war. Den eigenen Modifikationen nach zu urteilen hat er viel CW (Continuous Wave; eine Betriebsart zum umgangssprachlichen Morsen) betrieben. Wann das Gerät zum letzten Mal in Betrieb genommen wurde, kann ich noch nicht beurteilen.

Aber nachdem ich nun ein wenig die Historie zum Gerät und seinem Besitzer kenne, bin ich gewollt, es wieder in Betrieb zu nehmen und pfleglich zu behandeln! Dazu muss gründlich der Staub entfernt und die Lötstellen überprüft werden. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass das Gerät weiterhin funktioniert.

Verlorenes Wissen

Bereits während des Flohmarkts sagte Fabienne zu mir, es sei traurig anzusehen, wie überaltert die Funkamateure sind und dass demnächst eine Zeit kommt, in der ganz viel Wissen wegstirbt. Dafür, dass sie sonst wenig mit dem Amateurfunk zu tun hat, finde ich ihre Beobachtung sehr treffend.

An manchen Ständen konnte ich Gesprächen lauschen, wo sich OMs (im Amateurfunkjargon die Umschreibung für einen anderen Funkamateur, was bezeichnenderweise für “Old Man” steht; es gibt auch die Bezeichnung YL für “Young Lady” und XYL für die Ehefrau…) Wortwechsel lieferten wie “Und, habt ihr schon einen Nachfolger für den Verein gefunden?” – “Nee, noch nicht. Ist doch kaum noch einer da… letztes Jahr sind viele verstorben.” – “Ja, da bräuchte es mal Leute mit mehr Energie.”

Zumindest innerhalb des Vereins DARC e.V. liegt der Altersdurchschnitt bei 57 Jahren. Dementsprechend “vergraut” sieht es auf Veranstaltungen aus. Irgendwie fehlt einfach die Generation derjenigen, die heute zwischen 35 und 55 sind.

Persönlich sehe ich den Amateurfunk wieder im Kommen. Im Laufe des letzten Jahres sah ich viele junge Menschen – Studenten oder frisch im Beruf gelandete – die Amateurfunkprüfung ablegen. Im Herbst hatte ich einen Kurs geleitet, der mit der Prüfung abschloss. Kein halbes Jahr später gibt es wieder genügend Interessenten für einen weiteren Kurs.

Ausschlaggebend sind Techniken wie WLAN-Basteleien und SDR (Software Defined Radio). Hier wollen Interessierte schlicht mehr wissen, wodurch die Vorbereitung auf die Amateurfunkprüfung das nötige Wissen vermittelt. Sei es der Aufbau von Antennen oder das Prinzip eines Senders und Empfängers, die physikalischen Prinzipien zur Wellenausbreitung, oder die Möglichkeit zum legalen Experimentieren mit Aussendung von Signalen. Das Interessensspektrum ist groß.

Gemeinsam Lernen

Die eingangs genannte Gruppe trifft sich regelmäßig in der Abteilung-für-Redundanz-Abteilung (AfRA) in Berlin-Lichtenberg. Das nächste Treffen ist am Mittwoch, den 9. April ab 19:30h. Vermutlich werden wir uns aufgrund des großen Interesses ab dann zweiwöchentlich treffen.

Das Treffen ist auch wunderbar geeignet, um weitere Interessierte an einem Amateurfunkkurs kennen zu lernen. Wir planen bereits den nächsten Kurs, haben aber noch kein konkretes Datum. Allein die Gespräche und das Mitwirken beim Aufbau von Antennen oder dem Reparieren von Funkgeräten vermittelt sehr viel Erfahrung, die für die Prüfung nützlich ist.

Übrigens, mein Rufzeichen ist DC4LW. Vielleicht hören wir uns mal auf einem der vielen Bänder.

c-base Austritt

Die c-base kenne ich seit 1999. Damals war sie noch am Hackeschen Markt und ich kam während des 16C3 dort vorbei. Danach war ich immer wieder mal dort, insbesondere da diverse Veranstaltungen des CCC dort statt fanden oder weil ich zu Besuch in Berlin war.

Manchmal wurde ich bereits als Mitglied gehalten, einfach weil ich recht regelmäßig dort zu sehen war und diverse Leute kannte. Ich fand den Ort toll, denn so eine Event-Location mit Space-Bar zieht mich einfach an. Aber Mitglied wollte ich erst werden, falls ich mal in Berlin wohnen sollte. Das war dann im Februar 2012 der Fall.

c-base

Der Sommer 2012 in der c-base war großartig. Mehrmals die Woche war ich dort, traf mich mit meiner Peergroup und hatte viele tolle Gespräche auf beiden Seiten der Bar. Gäste, die Berlin besuchten, schleppte ich mit in die c-base, gab Rundführungen durch die Hallen der abgestürzten Raumstation. Es war der erste Anlaufpunkt für zwanglose Treffen mit Internetanschluss statt einer Kneipe oder dem heimischen Wohnzimmer (falls vorhanden).

Die strukturelle Integrität ist gefährdet

Doch irgendwann fing die Stimmung an zu bröseln. Manche alteingesessenen Mitglieder (bei weitem nicht alle!) ließen Kommentare fallen wie “Müsst ihr Themen wie Politik oder Gleichberechtigung ausgerechnet hier diskutieren?”. Es wurde zunehmend unfreundlicher. Die Mitgliederschaft freute sich über die vielen Neumitglieder, die den Erhalt des Vereins finanziell unterstützen, aber verwehrten sich einer Offenheit.

Dieses Problem wurde erkannt und in Form mehrerer “c-vision” Workshops behandelt. Den Vorwurf der “Xenophobie”, also der Angst vor Fremden, wollte die Besatzung einer Raumstation nicht auf sich sitzen lassen. Es wurden viele Lippenbekenntnisse im Sinne des San Francisco Hackerspace Noisebridge gegeben:

Be excellent to each other

Es wurden Plakate mit diesem Motto aufgehangen, um immer wieder daran zu erinnern. Irgendwann waren diese entsorgt worden, da sich manche Member daran störten. Schade.

Zum Herbst kamen immer mehr mich störende Vorfälle auf. Zum einen liegt es daran, dass sich meine Sichtweisen im gegenseitigen Umgang stark verändert haben. Zum anderen fühlten sich wohl einige Nerds in ihrer Freiheit rumzupöbeln auf den Schlips getreten. Die Details mag ich hier gar nicht alle auflisten und führen zu tief in das Miteinander eines Vereins. Die Umgangsform ist schlicht nachhaltig angeknackst.

Zur Silvesterparty gab es dann einen Vorfall, der bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Seitdem war ich nur noch sechs Mal in der c-base gewesen. Ich meide den Ort, da ich keinen Bock mehr auf Sprüche wie “Dich gibt es auch noch?”, “Bist Du eigentlich noch Member?” oder “Sei mal nicht so kleinkariert!” habe.

Im Sommer habe ich auf Grundlagen von viirus den Vereinsautrittgenerator gebaut, aber erst nicht verwendet. Ich wollte mir noch etwas Zeit zum Nachdenken und Beobachten gönnen. Aktives Mitwirken zur Verbesserung des Umgangs hatte ich bereits aufgegeben; da ist es einfacher gegen Windmühlen zu kämpfen. Den Austritt schickte ich dann erst Mitte Oktober ab.

Eine Bestätigung über den Austritt gab es nicht. Seit gestern kann ich jedoch nicht mehr auf meine c-base Mails zugreifen. Vermutlich wurde die Bestätigung an diese Mailadresse versandt…

Ausblick

So ganz ohne Hackspace, dem ich mich zugehörig fühle, möchte ich in Berlin nicht sein. Seit Januar besuche und unterstütze ich die AfRA, die Abteilung-für-Redundanz-Abteilung. Diese ist als Spin-Off der c-base entstanden, da andere Personen auch Probleme mit der Raumstation haben. Das Aushängeschild ist der “rauchfreie Hackspace”, was in Berlin tatsächlich problematisch ist. Zumindest bei denen, die unabhängig von (Hoch-)Schulen sind. Elektronikbastelei und Rauch vertragen sich halt nicht so gut.

Diverse Bekannte, die ebenso die c-base meiden, berichteten mir, dass ihnen auch ein Ort zum Treffen fehlt. Die AfRA ist dazu derzeit noch zu klein und etwas außerhalb gelegen. Anfang des Jahres machte ich mir dazu schon mal Gedanken. Momentan sieht es wieder ganz gut aus, dass Räume geschaffen werden könnten.

Es soll keine Konkurrenz zur c-base sein, sondern eine Alternative. Alte, eingefahrene Strukturen lassen sich nicht ändern. Da hilft nur ein Neuanfang.