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Digitale Stille

Wenn es bei einem sonst recht aktiven Nerd auf den digitalen Kanälen im Äther ruhiger wird, heißt dieses oft nur eins: dem Prozess Real Life wird mehr Priorität zugeordnet.

Insbesondere in den letzten Wochen zu Beginn dieses etwas verfrühten, aber sehr angenehmen Sommers, ist zu beobachten, dass Blogs ein wenig verwaisen und Nachrichten auf Twitter vermehrt von Aktivitäten abseits vom heimischen Rechner berichten. Dank Hosentascheninternet bewegen sich vermehrt die Kellerkinder vor die Tür und unternehmen etwas unter freiem Himmel. Schließlich ist man weiterhin mit den vielen tollen Apps auf dem eigenen Smartphone in Twitter, Facebook, Jabber, IRC und per E-Mail erreichbar. Die Befürchtung, etwas zu verpassen, ist gemindert.

Doch die Ausflüge vor die Tür sind auf wenige Stunden begrenzt. Es fehlt der Akku mit unendlicher Ladekapazität.

Das Telefonproblem

Mir kommt es vor, dass es insbesondere im Nerd- und Hackerumfeld viele Leute gibt, die Probleme damit haben, ein Telefon in seiner ursprünglichen Art zu nutzen. Smartphones hat fast jeder, aber es wird kaum damit telefoniert. Eher sieht man Leute darauf rumtippern.

Ein kleiner Versuch zur Begründung, was die Nachteile des Telefonierens sind.

Ressourcenbindung

Der Big Kernel Lock… Im Gegensatz zum Texten via Email, SMS oder Instant Messenger wird beim Telefonieren die Person komplett benötigt. Man kann nicht  mal eben eine kurze Pause einlegen, ohne dass der Gesprächspartner davon etwas mitkriegt. Wenn kein Headset verwendet wird, ist außerdem noch eine Hand am Ohr, sodass beispielsweise das Tippen schwerer fällt.

Störung

Das gleiche gilt auch andersrum: Da man bei einem Anruf seinen Gesprächspartner nicht durch Bindung an das Telefon von irgendeiner Aufgabe abhalten möchte (man kennt das Problem ja von sich selbst), wird eher eine Textnachricht geschrieben – vielleicht mit der Bitte um Rückruf.

Zeit

Da vor dem Annehmen eines Anrufs nicht klar ist, wie lange das Gespräch dauern wird und man möglicherweise noch etwas anderes vor hat, drückt man das Gespräch lieber weg oder lässt es “ins Leere laufen”. Schließlich kann auch später zurückgerufen oder eine Nachricht geschrieben werden.

Abhörbarkeit

Beim Telefonieren kann eher jemand Drittes zuhören als beim Austausch via Text auf kleinen Bildschirmen. Da man seine Privatsphäre bewahren möchte, wird lieber auf das Telefon verzichtet.

Reaktionsverhalten

Beim Telefonieren werden Antworten binnen kürzester Zeit erwartet. Es bleibt kaum die Möglichkeit zur Überlegung oder auch nur das Revidieren eines bereits angefangenen Satzes. Dieses führt zu Unsicherheiten, weshalb das Texten bevorzugt wird.

Eingeschränkte Kommunikation

Entweder eine komplette Kommunikation mit Gegenübersitzen oder eine extrem eingeschränkte durch reines Texten. Telefonieren ist so ein Mittelding. Während bei einem realen Gespräch neben der Akustik die Mimik und Gestik noch eine Rolle spielen, ist es bei einem Telefonat allein die Akustik, in die die Mimik und Gestik hinein interpretiert werden müssen. Dieses führt gerne und schnell zu Fehlinterpretationen. Beim Texten wird zusätzlich auf die Akustik verzichtet und Mimik durch schlichte Emoticons substituiert. Ein weiterer Nebenaspekt: Nachdenken über eine Antwort kann in einem realen Gespräch dem Gegenüber angesehen werden, beim Telefonat ist es Schweigen – beim Texten eine nicht beachtenswerte Kommunikationspause.