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Good Night Nerd Pride

…war der Titel eines Blogpost-Entwurfs, den ich zur Verabschiedung aus der Hacker-Szene wählte. Den Slogan sah ich während des 29. Chaos Communication Congress auf einem T-Shirt und ist zurückzuführen auf einen Blogpost von tante. Da dieser Blogpost kontrovers aufgenommen wurde, gibt es einige weitere Erklärungen zu den Reaktionen.

Ich wollte aussteigen aus der Hacker-Szene. Mit Beginn der dunklen Tage im Jahr 2012 stand ich immer wieder inmitten von diversen Diskussionen zum gemeinsamen Umgang. Meine Meinung verhärtete sich immer mehr dazu, dass die Punkte “Toleranz” und “Respekt” von denen am wenigsten gelebt werden, die sie am meisten fordern.

In diese “Hacker-Szene” bin ich an heutigen Maßstäben gemessen mit 17 Jahren erst sehr spät dazu gestoßen, das heißt, noch nicht mal mein halbes Leben. Aber dafür umso intensiver. Die späten 1990er waren dank Internet in jedem Kinderzimmer eine Art Aufbruch zu neuen Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung. Hier konnte ich endlich mal meine Qualitäten ausnutzen, für die ich in der Schule gerne als “der Professor” schmähend benannt wurde.

Im CCC e.V. habe ich Fuß gefasst. Aber nicht als einer der coolen Hacker, die Systeme auseinanderpflücken können. Sondern eher als jemand, der die Räume dafür schaffte. Räume, die Menschen zusammen bringen, um gemeinsam etwas großartigeres zu schaffen. Und selbst habe ich von den Leuten dort viel gelernt und mich selbst weitergebildet. Das entsprechende Skillset, um mich mit diesen Leuten, die einfach mal eine Menge mehr Wissen hatten als ich, auf nahezu gleichem Level unterhalten zu können, eignete ich mir im Lauf der Zeit an. Denn es gehörte dazu, technische Konversation zu pflegen.

Nach gut zehn Jahren in der Szene war ich zufälligerweise in der Entwicklung einer weltweiten Bewegung verstrickt, die heute als “Hackerspaces”* bekannt sind. Eigentlich war es nur die Zusammenstellung von Erfahrung für den Aufbau von Räumen zum Austausch und dem Zusammenbringen von Menschen mit ähnlichem technisch-kreativen Mindset. Und auch heute, mehr als fünf Jahre später, erhalte ich immer noch Anfragen aus aller Welt, bei Fragestellungen zum Aufbau von Hackerspaces behilflich zu sein.

CCC und Hackerspaces haben mein Leben begleitet. Es fällt mir schwer – nein, ich sträube mich dagegen – nach so langer Zeit das alles an den Nagel zu hängen. Und das aufgrund von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Szene, wie der Umgang miteinander aussehen soll. Es haben sich mehrere Blöcke herausgebildet, die jeweils ihre totalitäre Meinung zum Umgang miteinander vertreten – auch wenn die unterschiedlichen Meinungen oftmals gar nicht mal so weit voneinander entfernt sind. Ich kann die Meinungen der diversen Gruppen verstehen, aber ich kann sie nicht immer teilen. Und hier stehe ich zwischen den Stühlen, denn in jeder Gruppe gibt es Menschen, die ich persönlich mag und mit denen ich es mir nicht versauen will.

Für mich wurde immer klarer: ich kann mich nicht von der Szene trennen. Aber ich kann auch nicht die teilweise sehr stark eingefahrenen Strukturen ändern, ohne anderen auf die Füße zu treten. Mein Gefühl ist es, dass eins in den bestehenden Gruppen nur mitwirken darf, wenn ein gewisser Level an Respekt aufgebaut wurde. Neulinge ohne Referenz haben keine Chance.

Das brachte mich dann dazu, nach dem Interesse für einen weiteren Ort in Berlin zu fragen. Zumindest ein Ort, der denjenigen Menschen, die ähnliche Erfahrung mit den festgefahrenen Strukturen der bisherigen Hackerspaces erlebt haben, einen frischen Start zu geben.

Heute lernte ich dann einen neuen Begriff dafür kennen: “Baumhaus”. Da hat mir map doch einiges zu denken gegeben. Aus dem Text lese ich heraus, dass ein weiterer Ort mehr zur Verhärtung der Probleme führt als dass sie szeneweit gelöst oder zumindest angegangen werden. Und Recht hat er.

Was ein neuer Ort bieten kann, ist für eine gewisse Zeit einen gefühlt besseren Schutz vor Problemen in der Gruppe. Denn wenn eine Gruppe ein gemeinsames Ziel hat und auf dieses zustrebt, hält diese Gruppe zusammen. Diese Zeit wird rückwirkend betrachtet als die “beste Zeit” wahrgenommen, denn es war ein Zusammenhalt dabei, der Freundschaften hervorbrachte. Ist das Ziel erreicht und es folgen keine neuen, gemeinsamen Ziele, bilden sich Cliquen, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Nach einer gewissen Zeit treten Probleme auf, bei deren Diskussion immer häufiger fingerzeigend die Worte “die da” fallen. Der Kreislauf der Trennung und dem verfolgen von neuen Zielen beginnt erneut.

Eine einfache, schnelle Lösung aller Probleme des Miteinanders wird es nicht geben. Es sind eher viele, kleine Schritte notwendig, die uns wieder zusammenbringen. Und hier können – nein müssen – alle mitmachen und insbesondere wollen. Eine Herausforderung, die aber zu schaffen ist.

Zusammenfassung: Der Umgang in der technik-kreativen Szene ist angeknackst. Es fehlt an einem gemeinsamen Ziel, auf das wir hinarbeiten wollen.

Be excellent to each other!

*Heute benutze ich den traditionellen Begriff “Hackerspaces”, den ich sonst gegen die andere Form “Hack_Space” austausche, um darzustellen, dass zwischen dem “Hack” und ”Space” (Raum) mehr steht, als nur die Beziehung auf die Form des männlichen, technisch-affinen Nerds.

Das Empörungsmedium

Ich erkläre meinen „Twitter-Urlaub“ nach 25 Tagen für beendet. Nach 30 Tagen wäre der Account seitens Twitter endgültig gelöscht worden. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich zurückkehren würde.

In diesen 25 Tagen erfuhr ich von diversen anderen Menschen, die ihren Account geschlossen hatten. Nach wenigen Stunden oder Tagen kehrten sie zurück. Für meine Entscheidung ließ ich mir etwas mehr Zeit, um mich zu orientieren. An dieser Stelle bedanke ich mich bei all denjenigen Menschen, mit denen ich in den vergangenen Wochen lange und ausgiebige Gespräche führte! ❤

Entscheidung

Die Entscheidung fiel nicht leicht – nach reiflicher Überlegung gibt es drei Punkte, die mich zur Reaktivierung bewogen:

1. Verabredungen, Treffen, kurze Gespräche

Twitter hat sich als ein gutes Medium zum nahezu spontanen Verabreden etabliert. Statt Anrufe, SMS oder Facebook-Events, kann ich darüber recht gut in der eigenen Peer-Group einladen. Oder es ist ersichtlich, wo sich die Peer-Group gerade befindet und ich kann nachfragen, ob ich noch vorbei schauen kann.

2. Möglichkeit zur Kommunikation

Es passiert mir immer häufiger, dass ich keine XMPP (vulgo: Jabber) oder E-Mail Adressen, geschweige Telefonnummern von Bekannten besitze. Meistens treffe ich andere Menschen, erfahre oder erfrage den Twitter-Account und folge diesem. Durch gegenseitiges Folgen gibt es die Möglichkeit, DMs zu senden.

3. Manchmal habe ich doch etwas zu sagen

Mit meinem Account habe ich eine gewisse Reichweite errungen. Ab und an habe ich doch etwas zu sagen und möchte es mitteilen. Da ich bereits in der Vergangenheit etwas sagte, wurde darauf verlinkt. Diese Links zu den eindeutigen IDs der Tweets waren in der Zeit der Deaktiverung nicht erreichbar. Ich ärgere mich selbst immer, wenn Links ins Leere führen und kann Depublizierung nicht gut heißen.

Kommunikationsarten

Im Nachgang zur Deaktivierung des Accounts, versuchte ich, die Gründe zu kanalisieren. In der Ingenieurswissenschaft wird traditionell zwischen zwei Klassen von Kommunikation unterschieden, was sich auch auf Menschen und deren Kommunikationsmittel übertragen lässt.

Zur synchronen Kommunikation gehören direkte Gespräche, wie sie von Angesicht zu Angesicht durchgeführt werden oder am Telefon. Hier lassen sich ebenso IRC oder Instant Messenger einsortieren. Das prägende an dieser Art von Kommunikation ist die direkte Antwort auf das vorher Gesagte. Informationen, die mehrere Augenblicke gealtert sind, haben an Bedeutung verloren.

Bei der asynchronen Kommunikation hingegen kann zwischen dem Verbreiten der Information und einer Reaktion sehr viel Zeit verstreichen. Als Klassiker gilt der Brief oder moderner die E-Mail. Die Information ist in der Regel so aufbereitet, dass viele Informationshappen übermittelt werden. Gedanken können komplett ausformuliert werden und somit sehr tief ins Detail gehen. Zu dieser Art von Kommunikation zähle ich auch einen Blogpost.

Nun möchte ich eine dritte Klasse von Kommunikation hinzufügen, die in speziellen Ingenieursdisziplinen bereits so bezeichnet wird (Bereich: Bussysteme): die semisynchrone Kommunikation. Nachrichten werden verbreitet und bieten die Möglichkeit zur Reaktion und gleichzeitig zur Referenzierung mittels Identifier (URI). Der Klassiker hierbei ist Twitter. Noch lange Zeit später kann wie bei der asynchronen Kommunikation auf eine verbreitete Information verwiesen und darauf reagiert werden. Im Rahmen der Reaktion skaliert Twitter so weit, dass es wie synchrone Kommunikation – eine Art Chat – gebraucht werden kann.

Twitter, das Empörungsmedium

Bei meinen Gesprächen in den letzten Wochen habe ich einige Thesen entwickelt, wodurch Twitter als Medium zur Empörung überaus gut geeignet ist.

Ausformulierung von Gedankengängen

Es ist nahezu unmöglich – oder oft nur durch starke Kürzung – Gedankengänge auszuformulieren. 140 Zeichen sind dafür schlicht nicht genug. Erst durch die Nutzung eines weiteren (asynchronen) Mediums, wie das eigene Blog, Ton- oder Videoformate oder auch pastebin, kann die nötige Zeichenlänge gefunden werden, mit dem teils komplexe Gedankengänge in voller Länge niedergelegt werden können. Sehr häufig wird mittels eines Links in einem Tweet darauf hingewiesen und die Diskussion auf Twitter geführt. Weitere Diskussionsstränge ergeben sich durch die Verbreitung des Links. Es müssen nicht nur die eigenen Beiträge sein – üblich ist auch die Referenzierung auf etwas Gesagtes einer anderen Person.

„Im Internet wird mehr über Menschen kommuniziert, als mit ihnen.“ – @zweifeln

Ab und an ist zu beobachten, dass das ursprüngliche Medium gar nicht mehr konsultiert wird. In der Diskussion werden zusammenhanglose Satzfragmente auseinandergepflückt, die in der Gesamtdarstellung durchaus ein anderes Bild ergeben. Für die Recherche fehlt offenbar die Aufmerksamkeit oder auch Zeit. Schließlich ist das Medium semisynchron und in wenigen Minuten oder Stunden wird die nächste „Sau durchs Dorf gejagt“.

Gesunkene Schwelle für Beleidigungen

Eine Beleidigung ist schnell geschrieben und abgeschickt. Etwas distanziert vom eigenen Ich über einen Twitter-Account sinkt die Schwelle dazu. Mit etwas mehr Gelassenheit mag die Beleidigung übertrieben gewesen sein, doch da Twitter an dieser Stelle zu einem synchronen Kommunikationsmedium wurde, ist Schnelligkeit gefragt und somit wird einfach rausposaunt, was durch den Kopf geht.

Vor ein paar Wochen (nachdem diverse Menschen ihren Twitter-Account schlossen) schrieb Sascha Lobo dazu in seiner Kolumne unter dem Titel „Netzhass ist gratis“. Ich gehe davon aus, dass an dieser Stelle diverse Leser die Nase rümpfen, da sie „den Lobo nicht leiden können“ und wie ich überhaupt darauf kommen könne, einen seiner Texte als Referenz heranzuziehen – dabei haben sie vermutlich gar nicht mal die Kolumne gelesen. (Die Kritik, zwischen „Analogwelt“ und „Digitalwelt“ zu differenzieren ist eine andere, bereits an diversen Stellen geführte Diskussion mit jeder Menge Empörung.)

Im Podcast „Leitmotiv 002 – Eine Meinungsänderung – mit @herrurbach“ von Caspar Clemens Mierau im Gespräch mit Stephan Urbach sprach dieser an, dass er Personen, die ihn über das Netz beleidigen, teilweise anruft und auf die Beleidigung anspricht. Die Beleidiger sind oft sehr erstaunt darüber und reden sich gerne damit raus, dass es nicht so gemeint war. Der Wechsel des Mediums und von semisynchroner in synchrone Kommunikation in Verbindung mit der weggefallenen Abstraktion der Person im Netz zu der realen Person, führen zum Nachdenken und einer Distanzierung vom Geschriebenen.

Empörung ist cool

Es kommt mir vor, dass Empörung zur Steigerung des Coolnessfaktors führt. Wer sich viel empört, ist cool, ist ein Vorbild und ein Kumpel, mit dem gerne abgehangen wird. Das Tolle an der semisynchronen Kommunikation: alle können sich empören. Es ist nicht mehr so wie auf dem Schulhof, wo die coole Truppe über jemanden herzieht, diese Person aber ein paar Sekunden länger zur Formulierung einer passenden Antwort benötigt, in der Zeit aber schon eine gelangt bekommen hat oder die coole Truppe lachend von dannen zieht. Nein, bei der semisynchronen Kommunikation ist die Zeit zum Nachdenken für einen coolen Empörungstweet gegeben! Ich muss nicht den erstbesten Gedanken rauspusten, sondern kann mir ruhig acht Sekunden mehr Zeit lassen, um sogar die beste Formulierung dafür zu finden, um damit viele Favs und Retweets abzusahnen! Empörung führt also direkt zu einer Bestätigung in der Peer-Group, was das vor sich hinsiechende Ego mal so richtig aufmuntert. Sind die Favs für eure Empörung wirklich das, worauf ihr stolz seid? (Der letzte Absatz wurde mit einem Bissen mehr Empörung geschrieben – ich hatte ja Zeit zum Nachdenken.)

Nichtcool

Smartphones und überall

Twitter vor fünf Jahren scrollte nicht. Das iPhone war gerade erfunden, Clients dafür gab es erst gar nicht und dann nur sehr begrenzt, das digitale Mobilfunkdatennetz entwuchs gerade erst den Kinderschuhen. Die Timeline wurde am heimischen Monitor gelesen – oder auf der Arbeit. Ab und an wurde ein Tweet verfasst, der vielleicht das Tagesgeschehen zusammenfasste.

Jetzt gibt es die Möglichkeit immer und ständig twittern zu können. Ich kenne Menschen, die dauerhaft auf ihr Smartphone starren, die Timeline ständig updaten, um sich berieseln zu lassen, oder jeden kleinsten quersitzenden Furz raushauen. Ergibt sich ein Moment zum Mitreden, wird halt mal was dazu gesagt. Ein paar Momente später wäre es schon wieder vergessen – sowohl aus dem Kopf als auch im Medium.

Die Alternativen

Seien wir ehrlich, es gibt keine Alternative. Insbesondere kein Medium, was die Reichweite von Twitter hat. Für synchrone Kommunikation klappt es teilweise mit Instant Messengern, die ich während meines „Twitterurlaubs“ wieder stärker verwendete.

Einige Personen behaupten, der Trend verlagert sich zu APP.NET, einem Twitter-ähnlichen Dienst. Dadurch, dass die Entwicklung komplett frei läuft und kein Unternehmen dahinter steckt, das mit den Inhalten der Nutzer Geld verdienen möchte, wird ein Kostenbeitrag zur Nutzung verlangt. So etwas schränkt ein und begrenzt die Reichweite. Tatsächlich kommt mir APP.NET derzeit wie ein Netz aus weißen, mittelalten, gebildeten und wohlhabenden Männern aus Industrienationen vor (Privilegiencheck durchgeführt). Die Inhalte der Nachrichten sind eher technischer, weniger sozialer. Aber wenn hier und da mal eine Diskussion entflammt, ist sie in der Regel reflektierter und weniger empört.

Überlebenstricks gegen die Empörung

Eine wasserdichte Strategie gegen eine Flut von Empörungen in der Timeline habe ich nicht. Was aber gut hilft, sind Listen. Und Clients, die Listen als alternative Timeline darstellen können. Mehrere hundert Followings schaffe ich einfach nicht zu lesen – selbst nicht ohne Vollzeitjob. Mit einem guten Misch an Personen in dieser Liste gelingt es mir, auf dem aktuellen Stand an gemeinsamen Themen zu bleiben.

Ab und an gibt es „Retweet-Monster“. Da werden diverse Informationen einfach weiter verteilt, auch wenn mich das keinen Deut interessiert. Seit geraumer Zeit gibt es die Möglichkeit, die Retweets von einzelnen Personen zu unterbinden, sodass nur eigens geschriebene Tweets angezeigt werden. Das hilft hier und da, etwas Timelinehygiene zu betreiben.

Muten (Stummschalten) von Hashtags und Personen sorgt dafür, dass bestimmte (überdrüssige) Themen nicht mehr angezeigt werden. Leider werden häufig Hashtags „vergessen“ (damit das auch noch die Muter mitbekommen) oder der Platz reichte nicht mehr dafür aus. In harten Diskussionen hilft es schon mal, eine oder beide Diskussionsteilnehmer zu muten. Leider ist Muten eine Funktion des Clients und nicht von Twitter selbst.

Für die erweiterte Timelinehygiene helfen noch Unfollow und Block. Das ist das Pendant zu „ich will nichts mehr von Dir hören“ und „ich möchte es nicht, dass Du meine Inhalte auf einfachem Wege liest“. Natürlich ist es weiterhin möglich, dass diese Personen Empörung über mich oder ein Thema verbreiten. Nur, eine Diskussion kann bei einer starken Voreinnahme eh nicht mehr statt finden.

„The only winning move is not to play“ War Games (1983)

Ab und an lohnt sich ein Protected Account. Nachrichten werden nur eigens bestätigten Personen sichtbar gemacht, wodurch ich selbst über die Reichweite meiner Inhalte bestimme. Der Nachteil ist hier ganz klar, dass ich nicht mehr auf Personen reagieren kann, die ich nicht freigeschaltet habe (und die eh zuerst eine Anfrage an mich stellen müssen, mir folgen zu dürfen). Ein Protected Account ist ein halbherziger Versuch, sich einen Rückzugsort zu schaffen, ohne den Anschluss an die Peer-Group (in diesem Fall häufig vertrauenswürdige Follower) zu verlieren.

Dazu in eigener Sache: ich habe auch einen Protected Account, bei dem ich die Zahl der Follower recht klein auf ein paar vertrauenswürdige Personen halte oder womit ich anderen Protected Accounts aus meinem engeren Umfeld folge. Über manche Follower-Anfragen muss ich länger nachdenken – und manche lehne ich ganz ab.

Zusammengefasst halte ich es mit den Worten von @heliantje im Gedicht „Die Shitstormer“:

„Wir hetzen, wir ätzen!“

PS: Eigentlich hätte ich gerne @Pylon als Twitter-Account gehabt, aber der war zur Zeit meiner Registrierung im Mai 2008 nicht mehr frei (und wird seitdem von einem nicht genutzten Protected Account blockiert). Deshalb gibt es an meinem Account den „Nachnamen“ C: @PylonC

Gäste in Hackerspaces

Die Herren Urbach und tiefpunkt schreiben in Ihrem Artikel “Eigentlich mag ich Hackerspaces” unter anderem darüber, wie es für Außenstehende schwierig ist, in Hackerspaces Fuß zu fassen. Als ein Co-Autor der Hackerspace Design-Patterns möchte ich nicht so weit ausholen wie tante und erstmal die Definition eines Raums namens Hackerspace erfragen. Der Begriff “Hackerspace” ist eh erst zur Zeit der Design-Patterns im Sommer 2007 entstanden, um bisher geläufige Wortkonstruktionen wie “Ein Raum wie die c-base” abzulösen. All die bisher bestehenden unterschiedlichen Räume wurden dadurch unter einem Begriff zusammengefasst, aber sind jeder für sich sehr unterschiedlich.

Zurück zur Frage, warum diverse Hackerspaces sich für Außenstehende abschotten. Meiner Meinung nach liegt der Hauptgrund darin, einen “Raum für sich” zu haben, in der Gleichgesinnte zusammen kommen können. Dort trifft sich eine recht homogene Gruppe mit ähnlichen Zielen und ähnlichem Wissenstand. Es ist durchaus berechtigte Kritik zu behaupten, Mitglied in einem Hackerspace zu sein bedeutet ein Privileg aufgrund der mitgebrachten Vorbildung, was konträr zur Hackerethik steht. Nun, diese Gruppe trifft sich regelmäßig, ziehen Projekte durch und sind viel mit sich selbst beschäftigt. Oder wie es dieser Tage viel verwendet wird, es herrscht “Flausch”.

Aluhüte

Dann kamen die Aluhüte. Leute, die irgendwoher von dem Hackerspace erfahren haben und meinen, sie können dort aufkreuzen, um die “Bewohner” mit ihren Problemen zu Technologie oder Gesellschaft zu konfrontieren. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass dieses Menschen sind, die unter Wahrnehmungsstörungen leiden und dringend einen Psychologen benötigen. Leider ist dieser Besuch keine Seltenheit und es ist schwierig diesen Besuch wieder los zu werden, denn einfach Menschen so rauswerfen möchte niemand machen. Als Reaktion darauf wird die Zeit der offenen Tür eingeschränkt. Der Hackerspace ist nur noch dann geöffnet, wenn genug Betreiber anwesend sein können, die auch mit solchen Situationen umzugehen wissen.

Zumindest in den Kölner Hackerspaces C4 und Dingfabrik wurde darauf geachtet, dass zu den für Besucher geöffneten Zeiten ein Mitglied anwesend ist, das sich um die Gäste kümmert. Diese Person soll auf Besucher zugehen, Rundführungen anbieten und die Fragen beantworten – oder auch lästige Gäste zurückweisen. Die “Bewohner” werden wie Tiere im Zoo präsentiert und der “Gastgeber” kommt selten dazu, an eigenen Projekten zu schrauben. Irgendwann hat keiner mehr Lust darauf, “Gastgeber” für einen Abend zu sein. Die Gäste werden wieder sich selbst überlassen, nicht in ein Gespräch verwickelt, wissen auch nicht, wie sie sich integrieren sollen und werden nach kurzer Zeit wieder gehen. Leider alles schon erlebt und durch spätere Gespräche mit sich ignoriert gefühlten Gästen erfahren.

Vorträge und Workshops

Eine Möglichkeit, den Raum für Gäste zu öffnen, ohne sich intensiv um diese in Einzelgesprächen zu kümmern, ist das Anbieten von Vorträgen und Workshops. Dazu wird an einem Nachmittag oder Abend von einem oder mehreren Mitgliedern etwas vorbereitet. Gäste können vorbeikommen und brauchen nur konsumieren statt integriert zu werden. Wer noch Fragen hat, kann diese im Anschluss in kleinerer Runde bei Getränken stellen.

Dieses Konzept hat den Nachteil, dass es viele Besucher gibt, die ausschließlich zu den Veranstaltungen vorbei kommen. Sie werden kein Mitglied und integrieren sich nicht in Aktivitäten des Hackerspace.

Jugendförderung

Ein anderes Konzept wurde vom C4 vor mehr als zehn Jahren entwickelt. Unter dem Titel “U23” spricht es ausschließlich Jugendliche unter 23 Jahren an. Im Laufe von mehreren Wochen wird ein Thema intensiv bearbeitet und nebenher der Hackerspace vorgestellt. Pro Durchführung bleiben ein paar Jugendliche dabei und integrieren sich im Hackerspace.

Doch das U23 ist eine Ausnahmesituation, welches nicht dauerhaft verfügbar ist und nur einem ausgewählten Kreis offen steht.

Seit längerer Zeit denke ich über eine Erweiterung der Design-Patterns um einen Punkt nach:

The Bar-Pattern

Bar in der c-base
Bar in der c-base

Problem

There are no new members to the hackerspace. Nobody wants to act as host for guests, so that they vanish before they even drank the first beverage.

Implementation

Install a bar. Place a barbot during events and open evenings. Guests will show up at the bar, ask for a beverage and tend to question the barbot about the hackerspace.

Die Bar dient anfänglich orientierungslosen Gästen dazu, einen Fixpunkt aufzusuchen. Dort können Sie sich mit einem Getränk erfrischen. Zusätzlich befindet sich hinter dem Tresen ein Mitglied des Hackerspace, welches offensichtlich nicht in Projekte vertieft ist, sondern für Gespräche offen. Viele Fragen zum Hackerspace können beantwortet werden und die Integration des Gastes und möglicherweise zukünftigen Mitglieds wird erleichtert.

Der Autor ist war unter anderem Mitglied im c-base e.V. in dessen Räumen dieser Text entstand, während er diversen Gesprächswünschen auswich.