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Vier Jahre Hackerspaces

Das Chaos Communication Camp 2011 ist bereits drei Wochen her. Zurück bleiben Erinnerungen von 17 Tagen auf dem Acker, kurzen Nächten, Mitwirken beim Auf- und Abbau und vielen Gesprächen mit bekannten und bisher unbekannten Personen.

The Chaos Communication Camp 2011 is the city I want to live in. Forever.

In den ersten neun Tagen haben wir eine Stadt aufgebaut. Wo vorher Wiese war, entstand eine Idealstadt für 3500 Personen. Wie bei Festivals üblich wurde die sanitäre Grundinfrastruktur und Nahrungsversorgung mit einer “Fressmeile” aufgebaut. Dazu mehrere Kaffeebars und Stände für Kleidung. Wir boten Fortbildungsmaßnahmen durch Vorträge und abends hatte man die Wahl zwischen mehreren Bars mit Musikuntermalung. Es entstanden Kinderspielplätze für den Nachwuchs und selbst einen Schlüsseldienst, Spielhöllen mit Retro-Games und einen Radiosender gab es. Für die Kommunikation wurden mehrere Kilometer Glasfaserleitungen und noch mehr Kilometer Kupferkabel gezogen. Auf dem gesamten Gelände bestand eine WLAN-Abdeckung. Es konnte kostenfrei auf dem Gelände mittels DECT oder im eigenen GSM-Netz telefoniert werden. Die Welt und das Weltall wurde mit Amateurfunkequipment erreicht. Und wenn Kleinigkeiten fehlten – wie beispielsweise ein Stöpsel für eine Luftmatratze – wurden diese mit 3D-Druckern ausgedruckt.

Das erste Camp 1999 war noch (offiziell) drei Tage lang, 2003 folgten vier Tage und seit 2007 sind wir auf fünf Tage hoch gegangen. Das ist die Kernzeit, in denen die Infrastruktur komplett vorhanden ist und das Rahmenprogramm, die Vorträge, angeboten werden. Viele Teilnehmer reisten bereits früher an. Vielleicht waren das diejenigen, die bereits am Samstag, also an Tag 4, abreisten. Es wäre schön, wenn die Veranstaltung länger laufen würde. Vielleicht, wie oben gesagt, für immer. Der härteste Job sind Auf- und Abbau. Ob nun eine Veranstaltung nur drei Tage läuft oder fünf oder noch länger, ist vernachlässigbar. Doch ich habe meine Zweifel, ob ein Camp mit mehr als fünf Tagen der Gemeinschaft zu Gute kommt. Zum Ende hin breitete sich eine Art Gruppenkoller aus. Teilnehmer wurden zunehmend aggressiver oder introvertierter. Meine Vermutung ist eine Mischung aus zu viel sozialer Interaktion, Schlafmangel, Koffeinüberdosis, Informationsüberflut und ein gewisser Mangel an Privatsphäre mit Rückzugsraum.

Inzwischen bezweifle ich, ob es eine gute Idee war, das Camp zu der Stadt zu machen, in der ich für immer Leben möchte. Vielmehr möchte ich den Gedanken aufgreifen, einen Ort zum Treffen, Austauschen und gemeinsamen Lernen anzubieten. Vor vier Jahren habe ich maßgeblich an einem Vortrag mitgewirkt, der Auslöser zu einer weltweiten Bewegung wurde: Die Hackerspace Design Patterns. Mit inzwischen mehr als 350 Hackerspaces in vielen Ländern dieser Erde, gibt es für Interessierte einen Anlaufpunkt. Teilweise orientierten sich die Gründer eines Hackerspaces so stark an den Design Patterns, dass von einem Franchising gesprochen werden kann. Die Infrastruktur ist ähnlich, die Kommunikationskanäle sind vergleichbar und Probleme werden auf gleiche Weise gelöst. Das bewirkt, dass man sich direkt “daheim” fühlt.

In diversen Großstädten gibt es sogar mehrere Hackerspaces, die eine unterschiedliche Ausrichtung haben. In einem Hackerspace geht es mehr um Software, Code und IT-Security; und ein anderer Hackerspace versteht sich als Fablab in dem an und mit Maschinen gearbeitet wird. Hackerspaces lassen sich durchaus mit Villages auf dem Camp vergleichen.

Das Camp war ein Ort, an dem viele Leute aus den unterschiedlichsten Hackerspaces zusammenkamen, um sich austauschen zu können. Es wurden neue Ideen entwickelt, Projekte abgekupfert oder mit vereinten Kräften bestehende Projekte auf ein neues Level gebracht. Doch dazu ist nicht zwingend das Camp oder eine andere Veranstaltung notwendig. Habt ihr schon mal die Hackerspaces in eurer Nähe besucht? Vor allem in Deutschland ist die Distanz zwischen den Hackerspaces sehr gering. Binnen einer Stunde Autofahrt lassen sich oft mehrere Hackerspaces besuchen. Sollte die Reise mal etwas weiter sein, dass sich eine Rückfahrt am gleichen Tag nicht lohnt, ist das auch kein Problem. Viele Hackerspaces sind so ausgestattet, dass Gäste dort übernachten können. Es ist kein Hotel, aber man kann etwas Ruhe finden oder den hygienischen Grundbedürfnissen nachkommen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass oft Mitglieder aus Hackerspaces die private Gästecouch bereit stellen. Wie wäre es mit einem Wochenende in Paris? Oder Wien? Einfach eine Mail an die Hackerspaces schreiben, einen Termin ausmachen und rüber fahren. Es muss nicht zwingend ein gemeinsames Projekt der Grund zum Besuch sein. Allein das Interesse an Hackerspaces und der Erfahrungsaustausch reichen für wochenendfüllende Gespräche. Zwischendurch ist immer noch Platz für eine Sightseeingtour, die sogar gerne von lokalen Nerds angeboten wird.

Der schönste Effekt bei diesen Besuchstouren – gerne auch “Geekend” genannt – ist die gruppendynamische Stärkung. Sowohl für die Besucher als auch für die Gastgeber. Die einen haben eine Reise zu organisieren und die anderen kümmern sich um die Gäste.

Vor wenigen Tagen wurde Hackerspaces – The Beginning (the book) veröffentlicht. Im Jahr 2008 ursprünglich als Buch zum damaligen Chaos Comumnication Congress geplant, lag das Projekt etwas länger auf Halde und wurde nun in Form eines PDFs öffentlich gemacht. Hinter dem Buch stehen insbesondere Bre Pettis, der beim ersten Vortrag zu den Design Patterns im Chaos Computer Club Cologne direkt begeistert wurde und die Slides wenige Minuten nach dem Vortrag auf dem Blog des Make: Magazine veröffentlichte. astera hat insbesondere die Webseite hackerspaces.org ins Leben gerufen, heute die erste Anlaufstelle, wenn es um Hackerspaces geht. Und Jens Ohlig, der mit mir zusammen die Design Patterns entworfen und vorgetragen hat.

Dieses Buch beschreibt den Zustand der Hackerspace-Bewegung etwa ein Jahr nachdem sie ins Leben gerufen wurde. Beim Durchblättern lassen sich viele Inspirationen finden und insbesondere Orte, die einen Besuch wert sind.

Also: Solltet ihr das Camp vermissen, geht raus und besucht Hackerspaces! Falls ihr schon in einem Hackerspace aktiv seid, unternehmt Touren und besucht andere Hackerspaces!

Berlin im Mai

Nach nur drei Wochen hat es mich am vergangenen Wochenende spontan wieder nach Berlin verschlagen. Ein fehlerhaft eingetragener Termin machte es möglich, dass ich doch zum Camp 2011 Field Day erscheinen konnte, um mir nach knapp vier Jahren ein Bild vom Gelände des diesjährigen Chaos Communication Camp auf dem Luftfahrtmuseum Finowfurt zu machen.

Ich war erstaunt, dass etwa 50 Personen quer aus Europa zur Besichtigung des Geländes angereist waren. Teils mit langen Metermaßbändern, um die Aufstellfläche für ihr aufzubauendes Village abzumessen. Ganz groß dabei sind die Benelux-Hacker vom Hₓ² mit einer wahnsinnigen Planung.

Für die FabLab-Community hat sich ergeben, dass wir einen ganzen Shelter (Flugzeughangar) erhalten können, wenn wir es schaffen, diesen zu bespielen. Mein persönlicher Traum ist es, wenn diverse FabLabs ihre Produktionsmaschinen, Werkzeuge und Bastelkrams mitbringen und wir in dem Shelter für die Zeit des Camps ein voll funktionsfähiges FabLab aufbauen können. Damit hätte jeder die Möglichkeit, auf die Schnelle etwas zu produzieren, was genau in diesem Moment auf dem Camp fehlt. Das heißt aber auch, dass die diversen FabLabs dazu organisiert werden müssen. Und das binnen der nächsten zwei Wochen, um eine Aussage zu treffen, ob wir den Shelter mit Workshops bespielt kriegen.

Берлин 50km in Finowfurt

Ob ich die Zeit dazu finde, ist fraglich. Denn vor dem Camp Field Day hatte ich die Chance, ein Gespräch mit Henrik Beggren zu führen. Henrik hat vor knapp einem halben Jahr mit mehreren schwedischen Bekannten die Plattform Readmill gegründet. Da ein Start-Up in Stockholm seiner Aussage nach wenig Chancen hat, zog er im März nach Berlin. Hinzu kommt, dass seine Vergangenheit bei SoundCloud liegt, die ebenso von Stockholm nach Berlin zogen und inzwischen einen recht guten Stand in ihrem Sektor der Online Audio Platform haben. Meinen ersten Kontakt mit Henrik hatte ich erst drei Tage vor unserem Treffen – wobei wir feststellen mussten, dass wir uns bereits auf einem Chaos Communication Congress über den Weg gelaufen sind, aber kein Wort miteinander gewechselt hatten. Aus unserem geplanten einstündigen Gespräch wurden zweieinhalb Stunden, die viel zu schnell vergingen. Mit dem Ergebnis, dass ich bereits am 16. Mai für zwei “Probearbeitswochen” nach Berlin gehen werde, um mir das Projekt anzuschauen und aktuell offene Lücken im Team zu füllen. Selbst die Suche nach einer Wohnung zur Untermiete für den Zeitraum hat sich binnen eines Tages geklärt. Es fühlt sich gerade an wie ein Traum und die ganze Situation muss noch ein wenig in mir sacken. Updates werden mit Sicherheit folgen.

Mir fällt dazu nur ein Zitat vom Schriftsteller Hermann Hesse ein

Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.

So kam es sehr gut gelegen, dass ich den Samstagabend zuerst mit vielen alten Bekannten am Grill in der c-base und später bei elektronischen Klängen von Mumpi ausklingen lassen konnte.

Digitale Stille

Wenn es bei einem sonst recht aktiven Nerd auf den digitalen Kanälen im Äther ruhiger wird, heißt dieses oft nur eins: dem Prozess Real Life wird mehr Priorität zugeordnet.

Insbesondere in den letzten Wochen zu Beginn dieses etwas verfrühten, aber sehr angenehmen Sommers, ist zu beobachten, dass Blogs ein wenig verwaisen und Nachrichten auf Twitter vermehrt von Aktivitäten abseits vom heimischen Rechner berichten. Dank Hosentascheninternet bewegen sich vermehrt die Kellerkinder vor die Tür und unternehmen etwas unter freiem Himmel. Schließlich ist man weiterhin mit den vielen tollen Apps auf dem eigenen Smartphone in Twitter, Facebook, Jabber, IRC und per E-Mail erreichbar. Die Befürchtung, etwas zu verpassen, ist gemindert.

Doch die Ausflüge vor die Tür sind auf wenige Stunden begrenzt. Es fehlt der Akku mit unendlicher Ladekapazität.