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Gigabit über Telefonkabel

Als ich meine jetzige Berliner Wohnung vor über einem Jahr bezog, fielen mir bereits die in allen Zimmern verteilten ISDN- und TAE-Dosen auf. Vom Vormieter erfuhr ich, dass die Unterputz-TAE-Dose im Wohnzimmer diejenige sei, an die er sein DSL-Modem angeschlossen hatte. Und somit wurde diese Dose auch bei mir die primäre TAE (steht übrigens für das schöne Bundespost-Wort Telekommunikations-Anschluss-Einheit). Ich hatte also im Wohnzimmer einen hässlichen DSL-Router vor sich hin blinken und mein Rechner im Arbeitszimmer war nur per WLAN angeschlossen. Mit 5GHz-WLAN ging das sogar ganz passabel, aber das Netz reichte nicht bis in den Garten. Mit Techniken wie „WLAN erweitern“ durch einen weiteren Access-Point kam ich zwar in den Garten, aber das Netz wurde sehr fragil, sobald sich mehrere Clients dort drin aufhielten. Bei Besuch von mehreren Gästen, die alle ihre ein bis drei WLAN-Geräte dabei haben, brach das Netz von Zeit zu Zeit zusammen.

Mit dem Gedanken, ordentliche Netzwerkkabel in der Wohnung zu verlegen, spielte ich öfters. Aber dazu hätte ich durch 60cm dicke tragende Wände bohren müssen und die Kabel an mehreren Türrahmen vorbei oder unschön an der Decke entlanglegen müssen. Somit wurde der Gedanke einfach wieder verworfen.

Etwa ein Jahr nach dem Einzug bekam ich einen Rappel und schraubte alle ISDN- und TAE-Dosen auf, um die Kabel zu untersuchen. Von den Nachbarn erfuhr ich, dass meine Wohnung vor ein paar Jahren als Büro gedient hatte und somit hegte ich die Hoffnung, dass die einzelnen Zimmer wie in den 90er-Jahren üblich mit ISDN verbunden waren.

Kabel in der Wand

Im Arbeitszimmer schauten direkt mehrere Kabel aus der Wand. Im rechten Loch waren nur schwarze, einadrige Leitungen. Ich nehme an, dass dieses Zugkabel für die Leerrohre sind, um zu einem späteren Zeitpunkt weitere Kabel dort durch zu legen. Im linken Loch ist eine achtadrige Leitung, deren Zweck ich bis heute nicht entschlüsselt habe, da ich keine Stelle fand, an der ein gleichartiges Kabel aus der Wand schaut. Möglicherweise ist das Kabel für eine alte Einheit der Gegensprechanlage gedacht, denn die aktuell verbaute ist neueren Datums und basiert auf Zweidrahttechnik.

Im mittleren Loch, wo noch die unbenutzte TAE dranhängt, wurde ich fündig. Drei Kabel vom Typ J-Y(ST)Y mit jeweils vier Doppeladern, der bei ISDN-Verkabelungen üblicherweise eingesetzt wird! Auf zwei der drei Kabel wurde mit Edding groß und klein drauf geschrieben, was mir die Hoffnung machte, dass diese im Wohnzimmer (groß) und Schlafzimmer (klein) enden. Mit Papier, Stift und einem Durchgangsprüfer bewaffnet, verband ich stichprobenartig ein paar Leitungen und suchte die dazu farblich passenden Enden an den anderen Dosen. Meine Vermutung bewahrheitete sich!

Kabelplan

Mein Ziel war es jetzt, die ISDN-Dose gegen Netzwerkdosen auszutauschen und die Kabel richtig anzuschließen. Zumindest eine feste 100MBit/s-Leitung zwischen Wohnzimmer, wo der DSL-Router steht, und Arbeitszimmer sollte möglich sein. Denn aus irgendeinem Grund konnte ich von der Leitung zwischen Wohnzimmer und Arbeitszimmer nur drei Adernpaare verwenden, was Gigabit, das auf vier Adernpaaren aufsetzt, unmöglich macht. Beim Messen der Leitungen stellte ich fest, dass zwei ISDN-Busse mit jeweils zwei Adernpaaren vom Arbeitszimmer, über das Schlafzimmer, zurück zum Arbeitszimmer und dort zum Wohnzimmer geschleift wurden, wo dann die notwendigen 100Ω Abschlusswiderstände anmontiert waren. Eine sehr fragliche Verkabelung. Ein weiteres Mysterium blieb das dritte, unbeschriftete Kabel in der Arbeitszimmerdose, das statt nach oben zur Decke in ein Rohr nach unten verschwand, aber irgendwie mit einem der anderen Kabel verbunden war.

Achtung! Breitbandkabel

Leider konnte ich auch keines der Kabel weit genug aus der Wand ziehen, um die Beschriftung zu lesen. Eine Schirmung ist nur als Folie um alle Adernpaare drumgewickelt, das heißt, es wird zwischen den Leitungen ein Übersprechen geben. Vom Alter her schätze ich die Kabel auf etwa 20 Jahre. Zumindest wurde zu der Zeit das um 1890 erbaute Haus komplett renoviert. Neben dem Stromzähler im Keller hängt noch ein Installationszettel mit einem Datum von 1992. Ebenso aus Anfang bis Mitte der 90er Jahre ist auch die Telefonverkabelung. Friedrichshain gehörte zu den Testgebieten der Optischen Anschlussleitung, kurz OPAL. Alle Häuser hier in der Straße haben einen schönes Hinweisschild darauf angebracht. Im Keller ist ein großer Kasten mit dem Schriftzug der gerade von der Bundespost getrennten, aber noch mit altem Posthörnchen versehenen, Telekom zu entdecken.

Glasfaser

In diesem Kasten endet die Glasfaser. Ja, Glasfaser. Breitband. Seit mehr als 20 Jahren. Im Keller. Und nein, Internet mit mehr als 6MBit/s ist nicht möglich. Denn OPAL ist alte Technik. Um dicke Kabelbäume zu sparen, wurden in den OPAL-Testgebieten Glasfasern in die Häuser gelegt und Technik dazu montiert, die nur die TAE von Kupfer auf passive Glasfaser umsetzen.

Saubere TAE-Verkabelung

Die wie im nebenstehenden Bild zu sehen von Telekom-Technikern “ordentlich” angeschlossenen Kabel von den Wohnungen gehen also in diesen Kasten und werden bis zur Vermittlungsstelle (VSt) als Glasfaser weiter geführt. Im Gegensatz zu neuerer Technik, wie ich sie beispielsweise in meiner Kölner Wohnung hatte, hängt dort kein Mini-DSLAM (Digital Subscriber Line Access Multiplexer) im Keller, der sowohl Telefonie als auch Daten übertragen kann (wobei Telefonie heute auch nur noch Daten in Form von VoIP sind), sondern wirklich nur für Telefonie ausgelegt ist. DSL klappt deshalb nur bedingt, da anstatt wie bei Kupferleitungen kaum freie Frequenzen zur Übertragung zur Verfügung stehen.

An der Straßenecke steht ein VDSL-Kasten, der komplett leer ist, da VDSL eine durchgehende Kupferleitung bis zur TAE benötigt. Die VDSL-Kästen wurden von der Telekom (mittlerweile) AG 2006 mit Hilfe der 3 Milliarden Euro von der Bundesregierung und ihrer Absicherung über die Änderung des TKG (Stichwort: Lex Telekom) ganz schnell aufgestellt. Somit stehen hier große, graue Kästen in der Gegend rum, die ohne die Straße aufzubuddeln und Kupferkabel bis in die Häuser zu legen niemals in Betrieb gehen werden.

Zurück zu meiner Wohnungsverkabelung. Für Ethernet kann ich die alten ISDN-Dosen nicht verwenden, da diese nur die mittleren vier von acht Pins verdrahtet haben. Mit ein wenig Recherche fand ich heraus, dass es selbst 20 Jahre später passende Ethernet-Unterputzdosen für die in der Wohnung angebrachte Schalter-, Steckdosen- und ISDN-Dosen-Serie gibt. Und selbst die ISDN-Doppeldosen-Abdeckkappen passen vom Lochmaß! Die 3x8EUR für einfache Ethernet-Dosen waren es mir wert, um einen Test zu starten.

Beim Entfernen der ISDN-Dose im Arbeitszimmer bekam ich plötzlich eine gewischt. Irritiert griff ich zum Spannungsmesser und stellte fest, dass dort ein Signal anliegt. Direkt danach fing der Router im Wohnzimmer an zu blinken. Kombiniere: Das mysteriöse Kabel, das aus dem Keller im Arbeitszimmer ankommt, ist die eigentliche TAE für die Wohnung. Diese wurde über die alte ISDN-Verkabelung in das Wohnzimmer verlängert, was auch erklärt, dass dort nur sechs Adernpaare zur Verfügung standen. Aber da ich den Router eh nicht im Wohnzimmer haben wollte, entschloss ich mich, die Verkabelung nochmals zu überdenken. Die TAE wurde jetzt im Arbeitszimmer angeschlossen und nun standen mir vier Adernpaare für das Wohnzimmer und nochmals vier Adernpaare für das Schlafzimmer zur Verfügung.

Die Ethernet-Dosen legte ich nach der üblichen Farbkodierung für Telefonkabel auf, sodass die richtigen Adernpaare zusammen liegen. Mit vier Adernpaare kann eine ordentliche 1000BASE-T Verkabelung vorgenommen werden. Im Gegensatz zu 100BASE-T haben die Adernpaare im Gigabit keine feste Zuordnung für Hin- und Rückkanal. Viel mehr handeln die beiden Netzwerkadapter bei Verbindung miteinander aus, welche Leitung wofür verwendet wird. Dazu wird die Dämpfung gemessen und letzten Endes alle Leitungen optimal ausgenutzt.

DurchsatztestNachdem die Dosen angeschlossen waren, musste ich natürlich den Durchsatz testen. Dazu eignet sich das Tool iperf, das für jede gängige Plattform existiert. Ein Rechner ist der Server, der auf Anfragen reagiert und der andere schickt Daten durch. In Bild ist die Ausgabe zu sehen, zuerst zwischen Arbeitszimmer und Schlafzimmer und dann zwischen Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Ich ging ja von etwa 100MBit/s aufgrund alter Kabel und Übersprechen zwischen den Leitungen aus, aber das Ergebnis hat mich echt vom Hocker gerissen: mehr als 850MBit/s sind über die alten Telefonleitungen möglich! Das reicht dicke aus, um einen Film vom Laptop zum Multimedia-Rechner im Wohnzimmer zu übertragen, ohne lange warten zu müssen. Der begrenzende Faktor sind hier eher die Festplatten der Rechner…

ISDN zu Ethernet

Als Ergebnis lässt sich festhalten: alte Telefonleitungen sind nicht schlecht und ich habe nun sauber verlegtes Netzwerk in der Wohnung. Die schlechte Anbindung an die Welt ist natürlich eine andere Geschichte, die sicherlich irgendwann ihre Fortsetzung finden wird.

Update Sommer 2014:

Da ich im Sommer sporadische Ausfälle des DSL hatte, orderte ich einen Telekom-Techniker. Mit ihm habe ich mich während der Leitungsüberprüfung über die Verkabelung unterhalten.

Die OPAL wird im Haus nicht verwendet. Die liegt zwar noch, aber es kam dann irgendwann eine Kupferleitung hinzu. Dass hier DSL über ADSL2+ heraus, also 16MBps, nicht angeboten wird, liegt an der langen Strecke bis zur nächsten Ortsvermittlungsstelle. Diese ist gute 1,5km Luftlinie und sicherlich noch etwas mehr Kabelstrecke entfernt.

Auf der anderen Straßenseite ist VDSL bereits angeschlossen. Nur auf dieser Straßenseite bleibt der Kasten an der Straßenecke weiter leer.

Die Leitungsprobleme stammten übrigens von einer Patina auf den Kupferadern in dem oben gezeigten “ordentlich” angeschlossenen Verteilerkasten im Keller.